Carola Heine beginnt die von Claudia Klinger moderierte
Geschichte am 18. Juli 1996 mit einer unverfänglichen
Szene beim Bäcker (Frau schenkt drei finanzschwachen
Kindern neben dem Tresen drei Lollilutscher), die aber (die
strahlenden Gesichter der Beschenkten wecken den
Kinderwunsch der Spenderin) in eine Quicky-Phantasie
"zwischen Laugenbrezeln und Aufbackbrötchen"
mündet (denn zur Kinderzeugung wäre geradejener
"muskulöse und attraktiv verschwitzte junge Mann in dem
blauen Overall" im Ladeninneren der Geeignete).
Herbert Hertramph bringt im
zweiten Beitrag den Bauarbeiter ins Spiel, der von
außen in den Bäckerladen schaut und an der
dort entdeckten Frau seinerseits die gleiche Phantasie
entwickelt. Jedoch führt Hertramph nicht nur eine neue
Figur ein, aus deren Perspektive er das Geschehen be- und
weiterschreiben kann, er besetzt auch, was bisher
offengeblieben war: die Protagonistin der ersten Szene.
Diese wird vom Bauarbeiter als klein und altmodisch
bekleidet beschrieben (Carole hatte ihr Seidenbluse und Rock
mitgegeben, Herberts Bauarbeiter wünscht sich eher
Jeans). Solche Bemerkungen lenken Lesesympathien, kein
Wunder, daß Carola zurückschlägt.
Sei es, dass Carola die
Umlenkung der Aufmerksamkeit vom attraktiv verschwitzten
Blaumann auf den Bauarbeiter missfiel, sei es, dass ihr die
gleiche Phantasie im Hirn eines Mannes schon weniger
behagte, sei es, dass sie die ungünstige Beschreibung
ihrer Figur persönlich nahm, jedenfalls zeigt sie nun,
was ihre Protagonistin von solch "grinsenden Halbaffen",
solch "direkten Nachfahren des Neandertalers mit dem
primitiv-abschaetzenden Blick", solch "Steinzeit-Machos"
hält, die alle ihnen "karrieremaessig ueberlegenen
Maenner als Idioten bezeichnen und einen kleingeistigen
Schrebergarten an Vorurteilen" hegen. Die Schmähung
geht bis in den Schweiß: während der Blaumann
noch "attraktiv verschwitzt" war, könne diese
bauarbeitende Inkarnation des Frauenschrecks, so erfahren
wir, sich wegen seines "ALTEN Schweisses" als
Verhütungsmittel patentieren lassen, so sehr vergehe es
einem da.
Die Tirade ist vielleicht
etwas ungerecht (Herbert hatte ja nur die Phantasie der
Protagonistin aufgegriffen), auf jeden Fall aber zu lang, um
gut zu bleiben. Eines ist Carola indes glänzend
gelungen: ihre Figur ist wieder von der Kennzeichnung des
Bauarbeiters befreit. Sie lässt diesen nämlich,
während ihre Protagonistin an ihm vorbeigeht, weiterhin
in den Bäckerladen stieren, in dem noch das Objekt
seiner Begierde ("eine dieser kleinen agressiven Frauen")
weilt. Der Bauarbeiter bekommt den schwarzen
Peter des schlechten Geschmacks, wenn auch auf Kosten
mangelnder Geschlechtssolidarität.
Das Interessante an
kollektiven Geschichten ist, daß jeder seine
Sprechzeit hat. Der Kurzkommentar der Beiträge im
rechten Rahmen verrät reißerisch: "Nach diesem
Tiefschlag hätte man denken können, mit dem
Bauarbeiter sei es vorbei. Aber weit gefehlt: Herbert
schlägt zurück!"
Die Rehabilitierung erfolgt
durch Umdrehung und Übertreibung. Herberts Bauarbeiter
ist eigentlich ein ehemaliger Professor für
"interkulturelle Kommunikation" an der Frankfurter
Universität, der nach zwei unliebsamen
Veröffentlichungen gegen die "sexistischen
Vorstellungen einer reaktionären Politik" geschasst
wurde und nun mit primitiver Arbeit seine beiden Kinder,
"Carola (4 Jahre) und Claudia (6 Jahre)" (man beachte die Abspielung auf
Carola Heine und Claudia Klinger), allein
ernährt, da seine Frau, eine mit dreißig Jahren
habilitierte Professorin für "Ethnomethodologie", bei
einem Autounfall ums Leben kam.
Das also ist die Basis, um
nun Carolas Figur zu einer Inkarnation der Vorurteile,
nämlich gegen Bauarbeiter, zu machen, der Herberts
Figur durch eine entsprechende Macho-Bemerkung über Frauen zu
seinem Kollegen trotzig "den Gefallen" einer Bestätigung tut.
Die "kleine agressive Frau" aber, die noch
im Bäckerladen steht, entpuppt sich nun als
Wissenschaftlerin, die über "Kybernetische Funktionen
in der Systemtheorie" schreibt und die der Bauarbeiter
letzte Woche auf einer Veranstaltung von Amnesty
International in der Section Gleichberechtigung gesehen
hat.
Bei diesem Maß an
Übertreibung droht die Geschichte in die Parodie zu
kippen oder sich im Kleinkrieg zweier Beiträger zu
erschöpfen, noch ehe sie richtig zum Leben erwacht ist.
Die Leser ahnen, dass dies nicht fortsetzbar ist. Die
Kontrahenten mögen es ebenso gespürt haben,
zumindest sieht es die nächste Autorin so.
Die fühlt sich für den entbrannten Streit nicht
zuständig und knüpft nur insofern daran an, als
ihre Protagonistin den Bauarbeiter als freundlichen
Ausländer beschreibt (die Nationalität war bisher offen geblieben),
der ihr mit dem Kinderwagen hilft,
während Carolas Protagonistin zur Sekretärin
degradiert wird, die aussieht wie alle
Sekretärinnen.
Antje Fischer kommt zur
Ausgangsphantasie zurück und setzt zugleich neue
Akzente: Ihre Figur stellt der Phantasie ihrer
Geschlechtsgenossin (deren verträumten Blick sie
natürlich sofort durchschaut) den tatsächlich
vollzogenen Sex zwei Jahre zuvor in einer Metzgerei
entgegen. Es handelt sich um den Kommentar einer Frau auf
die Initialphantasie einer anderen, die, statt aktiv zu
werden, mit einem Lollie als Ersatz frustriert den Laden
verlässt, "einen Bauarbeiter aus dem Weg scheuchte und
zu den Männlein im Büro zurückging" ("Ich
hätte sie schütteln mögen: 'Keinen Lollie,
bestell dir einen Kaffee, und dann ran an den Mann!' Aber
nein, Frau nimmt nicht, was sie will. Frau wuschelt in den
Haaren und hofft, daß einer gesprungen
kommt
")
Die Geschichte nimmt in
ihren weiteren 32 Beiträgen freilich noch viele
Wendungen. Ein Hund gibt das Geschehen aus seiner
Perspektive wieder und lässt vermuten, dass sein
Frauchen tatsächlich einen Quicky hat, und zwar mit dem
Bäckerssohn; ein männlicher Autor gibt dem
Bauarbeiter zur Zigarette (die ihm schon Herbert Hertramph
zugeschrieben hatte) eine Bierflasche hinzu und
läßt seinen Pharmaberater an der Frau, mit der
dieser vor den Bäckerei zusammenstößt, das
gepflegte Deutsch loben, "was für Kölner
eigentlicht recht selten ist", was wohl an Antje Fischers
Adresse geht, die den Text zuvor durch die lokale Festlegung
("Kölns teuerster Bäckerei") eigenmächtig
allen anderen Orten Deutschlands entrissen hatte.
Da dieser Autor seine
Figuren nach dem Zusammenstoß Telefonnummern
austauschen und sich fürs Wochenende verabreden
lässt, dann aber seinen Beitrag beendet, versieht er
seine Nachfolger mit einem Erbe, das diese im Interesse der
Geschichte nun irgendwie abarbeiten müssten. Ein
schwerwiegenderes Erbe hinterläßt der
nächste Autor, indem er unter dem Titel "Die wahre
Bäckergeschichte" den Mann im Overall als Geliebten
seines Protagonisten festlegt; was einem anderen Autor
Anlass gibt, es in der Bäckerstube zwischen diesen
beiden zum Sex kommen zu lassen.
Diese
Eigenmächtigkeiten scheint die Geschichte nicht zu
vertragen. Es folgen Beiträge, die kaum noch etwas zur
Sache tun, einschließlich einer schönen, aber
nicht einmal vorgeblich mit der Geschichte verknüpften
Erinnerung von Huschiar Magjidi an den Bäckerladen in
seiner Kindheit in Teheran. Ein Schwarzamerikaner und eine
Deutsche verlieben sich nach dem Zusammenstoß ihrer
Autos vor dem Bäckerladen. Indem Carola Otto in diesem
Beitrag abschließend dem Pharma-Vertreter den Satz in
den Mund legt "Wie kann so eine süße Frau sich
nur mit einem Neger abgeben?" hinterlässt sie
zielsicherer als alle Autoren zuvor ein Erbe, das nicht
ausgeschlagen werden kann. Während das Wochenendtreffen
und das Coming Out keine Chance haben, bekommt der
ausländerfeindliche Vertreter bald sein Fett -
allerdings nicht von Carola Heine, der nächsten
Beiträgerin, sondernd erst im darauffolgenden Beitrag
von Sascha Greinke unter dem Titel "Idioten beim Bäcker" -
bemerkenswerterweise der gleiche Autor, der zuvor für die
homoerotische Wendung gesorgt hatte.
Carola Otto bedankt sich
umgehend, indem sie ihr Pärchen mit den Pärchen
des Xenophilen (diesmal 'Straights') in einer Kölner
Kneipe zusammentreffen und eine Runde für "soviel
Solidarität" ausgeben lässt. Ihr Abgang appelliert
erneut an die politische Haltung der Mitleser: Ihre
Protagonistin wird im Van ihres schönem Schwarzen
ohnmächtig, nachdem sie ein plötzliches Pfeifen
und Krachen gehört hat. Das riecht ein bisschen nach
Kristallnacht und man ist gespannt, was der/die Nächste
daraus macht.
In diesem Fall greift keiner
den Ball auf. Weder der nächste Autor, noch der
übernächste (der xenophile) sind bereit, den
Vorfall zu beschreiben. Die Disziplin der Autoren, wir sind
beim 19. Beitrag, ist endgültig hin. Niemand nimmt nun
mehr Bezug auf das Vorangegangene, man hält sich nicht
mehr an den Stand der Dinge, nicht einmal an die erreichte
Ereigniszeit (man war längst im Abend, nun geht es
plötzlich des Mittags weiter). Es gibt noch
schöne, lesenswerte Passagen (Carola greift eine Person
auf, die mit einer anderen Autorin ins Spiel gekommen war,
und erzählt aus der Perspektive eines vier Jahre alten
Mädchens das Geschehen in stilistisch
überzeugender Form), aber es ist nicht zu
übersehen: Keiner kümmert sich so richtig ums
Gemeinwohl. Damit erhält der Text schließlich ein
neues Thema: sich selbst.
Ingeborg Jaiser spricht es
aus im 22. Beitrag:
"Als ich den
Hörer auflegte, fühlte ich mich unendlich
müde. Das Seidenzeug war restlos zerknautscht, mein
Parfum verflogen, die Lust auf Alex zu einem blossen
Zittern zusammengeschrumpft. In den Flurspiegel blickte
ich absichtlich nicht. Für einen letzten Moment rang
ich mit mir. Sollte dies nicht ein Gemeinschaftsprojekt
sein? Sollte ich nicht an den toughen Notarzt, an den
rassigen farbigen Lover, an die kleine Yolanda denken?
War ich nicht dazu verpflichtet, sie alle in meine
Fortsetzung einzubinden? / Unfug, sagte ich mir. Das war
meine Runde. Sollten die anderen schauen, wo sie
blieben."
Der Bruch der Reflexion im
Textfluß entspricht dem Zustand des Text-Projekts. Die
Mahnerin ändert daran nichts, sie macht vielmehr ihre
Drohung wahr, beginnt eine ganz neue Geschichte: Alex hat
die Protagonistin soeben verlassen: "Dann fand ich den
Zettel auf der Couch. Hektisch überflog ich die paar
Worte. Konnte es nicht glauben. Setzte immer wieder von
neuem an. Dann riss ich meinen Mantel vom Haken, klemmte die
Handtasche untern Arm und rannte panisch aus der Wohnung."
Und natürlich beteiligt sich der nächste Autor
nicht an der angezettelten Suche.
Susann Zauberfee unternimmt
daraufhin in Beitrag 24 (1. März 1997) einen Versuch,
den Text zu retten. Autor- und Erzählebene
verschränkend gibt sie sich als die "Zauberfee" zu
erkennen, die als Drahtzieherin schon die ganze Zeit hinter
den Kulissen wirkte. Sie rekapituliert die bisherigen
Fäden, erörtert den Sinn der Personenführung
(alles klare Pläne der Trennung und
Zusammenführung), klärt hinterbliebene Rätsel
auf (die 'Kristallnacht' war nur ein abgestürzter
Zementkübel) und suggeriert mögliche
Fortsetzungen. Ein grandioser Versuch der Integration. Wer
sich da soviel Sorgen um das Kollektiv macht, heißt
Susann Ulshöfer, und organisiert, wie am Ende dieses
Beitrags zu erfahren ist, unter
http://www.zauberfee.de/cyberzauber.htm selbst ein eigenes
Webprojekt (Vorstellung eingesammelter Gedanken, Gedichten
und Geschichten).
Hat die Zauberfee Erfolg?
Der Kommentar zum nächsten Beitrag sagt alles: "Wieder
mal betritt ein ahnungsloser Besucher den Bäckerladen,
bemerkt kleine Absonderlichkeiten und vor allem die Frau,
auf die er nicht gewartet hat." Die Geschichte stirbt, mit
retardierenden Einschüben. Hans Peter Müller
titelt Beitrag 29 (Juni 98): "Beim Bäcker - Kommt denn
keiner mehr vorbei?" Der Umzug auf die Metaebene macht das
Projekt selbst zum Thema, als Bestandteil digitaler
Kommunikation:
"Welch ein
Unterschied zu damals: in nahezu wöchentlichen
Abständen hatte irgend jemand einen neuen Farbtupfer
hinzugefügt; er dachte mit versonnenem Lächeln
daran zurück, daß ihm diese Geschichten Mut
gemacht hatten: nämlich (zum ersten Mal) sich zu
'veröffentlichen'; und eigene Beiträge
beizusteuern, im wahrsten Sinne des Wortes aus sich
heraus zu gehen; also jene Energie fließen zu
lassen, die Kreativität wie Erotik vielleicht am
meisten ausmacht
/ Welch ein Unterschied zu damals:
immer wieder waren neue, interessante Menschen
aufgetaucht, die eine oder andere Geschichte hatte ihn
sogar auf den Autor bzw. die Autorin neugierig gemacht;
er hatte versucht, sich vorzustellen, wie er oder sie
wohl aussehen würde, welches Leben sie führten,
welche Träume sie wohl hatten; war bisweilen sogar
versucht gewesen, mit ihnen Kontakt aufzunehmen; also
jene Energie fließen zu lassen, mit der man sich
näher kommt
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