Als Bill Clinton im Juni
1998 das MIT (Massachusetts Institut of Technology)
besuchte, brachte er noch einmal den Grundgedanken des
National Research and Education Network Programms seiner
Regierung zum Ausdruck: "Until every child has a computer in
the classroom and a teacher well-trained to help
[
] America will miss the full promise of the
Information Age." Ein Deutscher mag Clintons Worte weniger
begeistert aufnehmen als die Mitarbeiter des MIT, die den
Glauben an die Heilsamkeit der Technik nicht nur teilen,
sondern nähren.
Nun, es gibt Stimmen genug
auch in den USA gegen die Computerisierung des Unterrichts,
und es gibt Stimmen genug auch in Deutschland dafür. So
hat Peter Glotz die Verweigerung der "Computer- and Media
Literacy", schon vor mehr als zwei Jahren als die
"'Bildungskatastrophe' der neunziger Jahre" beklagt und mit
ähnlichen Worten wie Clinton gemahnt: "Was wir brauchen
ist der Leptop in jedem Schulranzen." Glotz' Formulierungen
waren ebenso auf die Pointe ausgerichtet, wie sie einer
nüchternen Bestandsaufnahme entsprangen: "Im angeblich
mythischen Jahr 2000 werden rund vierzig Prozent der
Berufstätigen ohne die Beherrschung der Telematik nicht
mehr auskommen. Wir aber fertigen die junge Generation ab:
Lernt bei Nintendo, was ihr braucht." Was hat es auf sich
mit den neuen Medien, welche Rolle können oder sollen
sie im Schulsystem spielen?
Antworten dazu liefert ein
Buch von Norbert Gabriel, das sich speziell an die
Geisteswissenschaften richtet bzw. an die
Kulturwissenschaften "als Disziplin, die sich von der
ausschließlichen Konzentration auf Texte, Bilder und
andere kulturelle Zeugnisse löst, um das komplexere
Beziehungsgeflecht kultureller Zeugnisse zu erfassen" (S.
11).
Ausgangspunkt des Buches ist
die Ankunft in der dritten Phase der neuzeitlichen
Mediengeschichte: nach der ikonographischen
Informationscodierung im Buchdruck und der anlalogen in Ton-
und Bildmedien liegt mit dem Computer seit ca. 1940 die
Möglichkeit digitaler Informationscodierung vor. Diese
wird mit großer Sicherheit die früheren
Medienbetriebsmittel mehr und mehr ersetzen werde (LP und
Mikrofilm werden ebenso verschwinden wie zuvor
Schellackplatte und Tonband), doch viele
Kulturwissenschaftler, so Gabriels Anfangsvorwurf, scheinen
diesen Wandel zu ignorieren. Da Kommunikation zunehmend
über den Computer verläuft, bestehe die Gefahr,
über kurz oder lang sich selbst von der Kommunikation
auszuschließen.
Das Problem ist inzwischen
freilich auch ein zirkuläres: wer gestern nicht die
neuen Begriffe lernte, versteht heute kaum mehr, wovon mit
ihnen die Rede ist. Gabriels Buch ist einerseits
Einführung in diese für viele fremd und
irritierend wirkende Materie und liefert andererseits
zugleich die Gründe für eine solche
Beschäftigung, indem es zeigt, "dass man den Computer
nicht nur als Hilfsmittel bei der Erstellung von Texten und
der Suche nach Literatur einsetzen kann, sondern dass die
neuen Informationstechnologien auch neue Formen der
wissenschaftlichen Arbeit und Kommunikation
ermöglichen." (S. 9)
Als habilitierter Germanist,
der einem zweijährigen Forschungsaufenthalt in den USA
ein Informationsstudium anschloss, weiß Gabriel nicht
nur, welchen Gewinn die digitale Präsenz eines
literarischen Textes für seine qualitative Analyse
bietet, er kann auch mit den ensprechenden technischen
Details dienen. Nicht alle mögen die mit dem gleichen
Interesse lesen, man wird unterschiedlicher Meinung
darüber sein, ob zur sinnvollen Arbeit mit dem Internet
tatsächlich um den Unterschied zwischen ATM
(Asynchronous Transfer Mode) und IP (Internet Protocol),
also der paket- und der kreislaufvermittelten
Informationsübertragung gewusst werden muss. Wer sich
schon immer gefragt hat, wie das Internet eigentlich
funktioniert, wird dieses Buch aber auch dann zu
schätzen wissen, wenn es um SGML (Standard Generalized
Markup Language), Browser, Schnittstellen, Betriebssysteme,
Übertragungswege und Adressenstruktur im Netz geht. Wer
diese Fragen nicht hat oder mit den Kurzerklärungen des
Glossars schon zufrieden ist, kann die Abschnitte zu den
technischen Aspektes problemlos
überblättern.
Nach der Information
über Möglichkeiten der Textformatierung und
Texteditierung mittels Computer in Kapitel I (Zwischen
Print- und Digitaltechnologien), macht Kapitel II
(Vernetztes Wisssen - Hypertext) mit Konzeption und Aufbau
von Hypertext-Systemem bekannt. Hier erfährt man,
welche Verlinkungsmöglichkeiten der einzelnen
Textsegmente es gibt, zwischen welchen Navigationsweisen zu
unterscheiden ist (z.B. gerichtetes oder assoziatives
browsing) und wie sich die Rolle von Leser (Zusammenstellen,
Verändern und Weiterschreiben des Textes), Autor
('Verschwinden des Autors', kollaborative Autoschaft) und
Text (Nichtlinearität, Zentrumslosigkeit) in
Hypertext-Systemen verändern. Kapitel III (Wissen im
Netz - Internet/Intranet) rekapituliert Idee, Geschichte und
Grundlagen des Netzes und beschreibt die neuen
Organisationsmöglichkeiten (virtuelle Bibliotheken) und
Präsentationsformen (Electronic Publishing) des
Wissens. Kapitel IV (Von der Print- zur Digitaltechnologie)
diskutiert schließlich die pädagogischen
Einsatzmöglichkeiten und institutionellen
Konsequenzen.
Der Einsatz der neuen Medien
im Unterricht, so Gabriels Feststellung, führt zu einer
Individualisierung des Lernens und zielt durch die Vielfalt
des Materials auf ein interdisziplinäres,
konstruktivistisches Lernmodell, womit zugleich das
kulturwissenschaftliche Anliegen des "strukturorientierten
Wissens" und der "multikulturellen Kompetenz"
unterstützt wird (S. 179 und 183). Es liegt auf der
Hand, dass dabei auch die Rollen von Lehrenden und Lernenden
neu definiert werden, und es war zu vermuten, dass dieser
Umstand mindestens ebenso Hindernis darstellt wie das zu
schmale Budget für die Bereitstellung der nötigen
Technik.
In den Abschnitten über
die organisatorischen Strukturen in Schule und Hochschule
sowie über die politischen Implikationen des
Schuleinsatzes der neuen Medien zeichnet Gabriel ein eher
düsteres Bild. Neben den finanziellen Hürden
für die Schaffung einer entsprechenden Infrastruktur
(Computer-Laboratorien, Internetzugang) gibt es
bürokratische (die Möglichkeit der Umwidmung von
Sachmitteln in Personalmittel zur Produktion und Betreuung
der HT-Programme z.B.) sowie kommunikative: die
Schwierigkeiten, die Vertreter verschiedener
geisteswissenschaftlicher Disziplinen, sowie Pädagogen,
Programmierer und Mediendesigner zur projektbezogenen
Zusammenarbeit zu bringen. Hier trifft sich der Diskurs der
neuen Medien mit der Diskussion einer neuen Hochschulreform.
Die "Verteidigung von materiellen und intellektuellen
Besitzständen, von gewohnten Denkweisen und
Verehaltensformen", so Gabriel, wirkt "lähmend auf die
Effektivität und Innovationsfähigkeit." (S. 190)
Mit Blick darauf und auf die
immense Bürokratisierung von Entscheidungsprozessen im
universitären Bereich lautet das Resumee: "Es ist eine
absurde Situation: in einer Zeit, die gerade
Flexibilität und die Fähigkeit verlangt, schnell
reagieren zu können, wird die Universität zu einem
trägen Koloß." (S. 190f.) Die Hoffnung auf
Änderung ist nicht zuletzt gerade an die
Kommunikationswissenschaftler adressiert, die, "indem sie
die Grenzen ihrer Einzeldisziplinen überschreiten, bei
der Entwicklung der neuen Medien eine entscheidende
integrative Funktion [haben]. Sie sollten sie nicht
aufs Spiel setzen, indem sie - aus den verschiedensten
Gründen (Technikphobie, Warnung vor dem Tod der
Kommunikation usw.) die Impulse, die von den technischen
Innovationen ausgehen, im wesentlichen den
Computerwissenschaftlern überlassen." (S. 196f.)
Diese Warnung und Mahnung
teilt das Buch mit so vielen Texten zum vorliegenden Thema.
Es geht dabei nicht allein um die Finanzierung von
bundesministerialen Initiativen wie Schulen ans Netz oder
der Erneuerung von Hardware und Software an den
Universitäten, um die Hochgeschwindigkeitsverbindungen
des Internet 2 entsprechend nutzen zu können. Es geht
um die Bereitschaft der Lehrer und Studenten, sich auf die
mit dieser technischen Aufrüstung verbundenen neuen
Formen des neuen Lernens und Wissens einzulassen.
Insofern dies die
Gretchenfrage darstellt, hätte man sich an manchen
Stellen des Buches eine ausführlichere und kritischere
Diskussion der Konsequenzen gewünscht. So ist zwar
plausibel, den Hypertext seiner Struktur der unendlichen
Dezentrierung wegen "antihierarchisch und demokratisch" (S.
199) oder gar "anarchistisch" (S. 202) zu nennen und in der
Navigationsfreiheit des Lesers eine Intensivierung seiner
Verantwortlichkeit und seines Bewußtseins um
Multivokalität und Relativität von Information und
Wissen vorauszusagen. Aber gegen diese Perspektive gibt es
ernstzunehmende Einwände, die nicht nur auf den Verlust
der kontemplativen Geste im Klick-Verknüpfungsspiel der
Links zielen. So erinnert etwa Myron C. Tuman an Dystopien
wie Orwells 1984, wo der Totalitarismus sich gerade durch
die Manipulierbarkeit der Texte äußert und gerade
durch die ans Buch gebundene unbewachte Privatheit zwischen
Leser und einem verläßlichen Text/Autor
unterlaufen wird (Myron C. Tuman, Word Perfect: Literacy in
the Computer Age [London 1992], Chapter 1).
Ein anderer Streitpunkt ist
die 'Demokratie der Links'. Wenn hier mitunter beklagt
wurde, dass die Ungewissheit über das Ziel der Links
den Leser im Grunde noch stärker tyrannisiert, als es
durch die Linearität des Buches der Fall war,
ermöglicht die neuere Software inzwischen, diesem
Vorwurf mit genauer Auskunft über die Adresse eines
Links zu entgehen. Schwerwiegender ist ein anderer Aspekt,
den Gabriel selbst am Rande erwähnt: "Da der zentrale
Aspekt des Hypertextes auf der Verknüpfung liegt, hat
die Tatsache, daß man etwas nicht aufnimmt und nicht
verknüpft, erheblich größeres Gewicht als in
der Printtechnologie." (S. 202)
Damit wird die 'Mechanik'
der Intertextualität im Hypertext angesprochen. Die
weiterführende Überlegung hätte sein
können, dass im Setzen und Nichtsetzen von Links sich
die anhaltende oder sogar gewachsende Autorität des
Autors äußert, insofern dieser damit
Intertextualitätsbezüge plakativ vorgibt, die im
traditionellen Lektüreprozeß aufgrund der im
Assoziationsfeld der Leser zur Verfügung stehenden
gelesenen Texte durch diese selbst realisiert wurden. Diese
Möglichkeit besteht zwar auch im Hinblick auf
Hypertext, aber die strukturinhärente Akzentuierung der
Verlinkung auf der Oberflächenebene fördert die
Ablenkung von der internen Assoziationsarbeit durch die
Wahrnehmung von und notwendige Entscheidung zwischen den
Markierungen der Autor-Assoziationen.
Solche vertiefte
Diskussionen, möglichst noch begleitet durch
Untersuchungen des Rezeptionsverhalten im Umgang mit
Hypertext-Systemen, sind freilich der zweite Schritt, der
die Kenntnis der technologischen Grundlagen und der
schulischen Einsatzmöglichkeiten voraussetzt. Norbert
Gabriels Buch ist eine gute Vorbereitung auf diese
Diskussion, nicht zuletzt durch seine fast 20 Seiten lange
Sammlung von Internetadressen zu Textarchiven,
Bibliothekskatalogen, Lexika, sprach-, literatur- und
geschichtswissenschaftlichen
Online-Zeitschriften.
Norbert Gabriel:
Kulturwissenschaften und Neue Medien. Wissensvermittlung im
digitalen Zeitalter
Darmstadt: Primus Verlag 1997, 258 Seiten, DM
39.80
Die Rezension erschien zuvor
in: Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und
Sozialwissenschaften 5/1999, S.746-748.
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