|
|
Hand am
Gewicht
Die
p0es1s-Austellung,
die in Kassel vom 6. 10. bis 12. 11. 2000 stattfand,
versammelte neben Internet-Projekten auch eine
Bildschirm-Installation, die das Verhältnis zum Monitor
auf ganz besondere Weise in Szene setzte. Die Sätze,
die dieser Bildschirm ausgibt, sind nicht eben zimperlich:
"Sind deine Beine weit gespreizt?" liest man oder: "Ich knie
mich auf dich, so, und nehme dich ganz behutsam in mich auf,
so, siehst du, und dann verhalten wir uns ein, zwei Minuten
ganz still" oder: "Du weißt, was jetzt mit dir
passieren wird, nicht wahr?" Wer diese Sätze liest,
weiss sehr wohl, was mit ihm passiert, denn er hat bereits
Platz genommen auf dem Stuhl vor dem Monitor, die Beine des
Gleichgewichts wegen gespreizt, die Gewichte, die auf
Schulterhöhe am Stuhl angebracht sind,
zusammengedrückt und dadurch die ersten Sätze auf
dem Bildschirm erzeugt.

Wort für Sport
Fietzeks Installation
(1998/99) funktioniert erst, wenn der Zuschauer ihr Teil
wird und Gewichte stemmt. Unmittelbare Belohnung sind die
Texte, die dann auf dem Bildschirm erscheinen: 50
verschiedene, recht unzusammenhängende Sätze
pornographischen Inhalts, per Zufallsoperation aus dem
eingespeisten Datenbestand ausgewählt. Stoppt der
Benutzer die körperliche Betätigung, gibt es keine
neuen Sätze. Es ist die Paraphrasierung eines alten
Volksspruches: Was man nicht in den Armen hat, hat man auch
nicht im Kopf.
Hand über der
Bettdecke
Fitzeks Installation
dürfte von The
Legible City
(1988/1991), der berühmten Installation Jeffrey Shaws
und Dirk Groeneveld, inspiriert sein. Dort bewegt sich der
Benutzer auf einem fixierten Fahrrad durch eine Stadt aus
Text-Häusern, die, abhängig von der eigenen
Tretgeschwindigkeit und Lenkerbewegung, vor ihm auf einer
Videoleinwand Gestalt annimmt. Der Betrachter wird durch
seine Handlung im realen Raum Teil des visuellen und ist,
anders als die Zuschauer hinter dem Fahrrad, Rezipient und
Akteur des Kunstwerks zugleich. (Die Installation ist seit
1997 dauerhaft im Medienkunstmuseum des ZKM in
Karlsruhe zu sehen.)
Während in "The Legible
City" die Interaktion auch bestimmt, welche Texte
erscheinen, geht es in "Bodybuilding" darum, ob Text
erscheint. Während dort die Füße zum
Interface werden, sind es hier die Arme, und während
man dort auch austrudeln und in Ruhe lesen kann, schiebt
sich hier ganz die körperliche Aktion ins Zentrum. Dies
hängt mit der etwas anderen Funktion der Beziehung
zwischen Körper und Medium bei Fitzek zusammen, denn
die Gewichte dieser Installation sind als Armatur gegen die
sinnliche Verführung zu verstehen. Die "Hände
müssen bei der Lektüre sozusagen immer über
der Bettdecke, nämlich am Gerät bleiben", schreibt
Friedrich W. Block im Ausstellungskatalog; die Installation
selbst erklärt mit einem der Sätzte das Programm:
"Heute üben wir, wie du mich nimmst, ohne zu kommen."
Man könnte auch von der
Rückkehr der Unschuld im Umgang mit Pornographie
sprechen, denn die Lektüre steht hier weniger im Dienst
'unsittlicher Imagination' als des Leistungsnachweises.
Dieser ist gewissermaßen die Falle, in die der
Benutzer als Teil der Installation vor dem umstehenden
Publikum gerät. Gibt er die Erzeugung der
pornographischen Texte allzuschnell auf, fällt dies
leicht als Verdacht der Muskelschwäche auf ihn
zurück. Stemmt er die Gewichte tapfer weiter, wird man
auch dies gegen ihn auslegen. So mag er schließlich
mit Schweiß in den Augen versuchen, die mühsam
erzeugten Sätze zu entziffern, fern davon, die
Früchte seiner Anstrengung in irgendeiner Form
genießen zu können. Intendiert die Gestik des
Bodybuildings im Rahmen des zeitgenössischen
Körperkults erotische und sexuelle Attraktivität,
so fungiert sie innerhalb der Installation auf ironische
Weise als Voraussetzung und Verhinderung von Sexualität
zugleich.
Hand in
Fesseln
Die Sache lohnt den zweiten
Blick. Wer in der Installation eine Kritik pornographischer
Inhalte von Medien ausmacht, greift zu schnell nach dem
Naheliegenden. Unter der Oberfläche lauert die
gegenteilige Auskunft, denn indem die Installation
Körperlichkeit und Imaginationsstoff gegeneinander
ausspielt, macht sie bewusst, wie sehr viel anders als beim
Tier menschliche Sexualität auch über
Vorstellungskraft funktioniert. Unabhängig von der
'Tyrannei des Hier und Jetzt', der das Tier nicht entkommt,
realisiert sich für den Menschen der 'Besitz' des
anderen im Reich der Imagination. So wie Pygmalion die
geschaffene Statue als Geliebte belebt, so vollzieht sich
menschliche Sexualität in der Belebung sprachlicher
Zeichen.
Die Installation bringt es
an den Tag, indem sie die Körperlichkeiten
gegenüberstellt: Der Körpereinsatz des Benutzers
wird auf völlig banale Weise Voraussetzung für die
Verkörperlichung der Zeichenwelt, auf die allein es
ankommt. Es war nur konsequent, dass Fietzek, der diese
Installation 1994 mit Bildern begann, dann zu Texten
überging. Mit dem Wechsel von der Sinnlichkeit des
Bildes zur Abstraktheit des Wortes wanderte die
Körperlichkeit vom Bildschirm vollends in den Kopf des
Betrachters. Der Satz "Und jetzt bitte ich dich, einen Teil
meines Körpers zu berühren" ist insofern nicht
unfair, sondern genauer Ausdruck dessen, worum es eigentlich
geht. Dass dem Adressaten des Satzes die Hände gebunden
sind, ist egal, denn Körper wie Berührung
existieren nur in seiner Imagination. Dass die Hände
nicht gefesselt, sondern in eine sportliche Aufgabe
eingebunden sind, macht diesen Umstand erst richtig bewusst:
Fessel wäre Befreiung, so aber verhindert
Körperlichkeit Genuß.
home
|
|