JA:
Ich war seit Anfang der 90er mit Thomas Raschke und
Sebastian Rogler unter dem Label "DAS DEUTSCHE HANDWERK"
aktiv. Gemäß Punkt 9 unseres Manifests "DAS
DEUTSCHE HANDWERK reflektiert als Ausstellungsmacher die
Situation der Ausstellungsmachenden und wird so selbst
Opfer" erarbeiteten wir aufwändige Installationen.
Innerhalb derer, genauer als Teil dieser, stellten wir
unserer Produkte aus: Raschke=Plastik, Rogler=Malerei,
Rusmann=Malerei&Text. So entstanden gewaltige
Handwerksschauen wie beispielsweise "Kalter Krieg" in der
Stuttgarter Galerie Rainer Wehr, definiert als "Regression
zur Klarheit" und "Krieg gegen den Betrachter", oder "3
Farben beige, zitron, hellblau" auf der
Wilhelmshöhe in Ettlingen, bei der Raum und Objekte in
3 aufeinanderfolgenden Ausstellungen je neu farblich
komplett umgearbeitet wurden. Oder 1998 die Installation
"DAS DEUTSCHE HANDWERK zeigt Männer, Mädchen und
Maschinen" im Württembergischen Kunstverein Stuttgart,
mit erklärtem Ziel, endlich die Frage zu beantworten,
warum männliche Tauben gurren.
Mit dem DEUTSCHEN HANDWERK
begann auch mein künstlerischer Einstieg ins Internet.
Anfang 1996 erarbeitete ich unsere erste Homepage mit dem
einzigen Ziel, dass wir nach einem halben Jahr sagen
konnten: "DAS DEUTSCHE HANDWERK verläßt zum
6.6.96 das Internet". Wir machten das mit schön
gedrucktem Ankündigungskärtchen und sicherlich als
erste Künstlergruppe zumindest in
Stuttgart.
Ungefähr zur gleichen
Zeit, ab Frühjahr 1996, begann meine Zusammenarbeit mit
Reinhard Döhl. Wir hatten uns 1994 auf einem Symposium
zu Max Bense kennengelernt und waren seither in Kontakt.
Reinhard interessierte sich wie ich für das Medium
Internet und da mit meinen Handwerkskumpeln außer der
"Hinaus"-Aktion wenig mehr möglich schien, schlug ich
Reinhard vor "mal was gemeinsam zu machen". Und daraus ist
eine bis heute sehr produktive und fruchtbare Zusammenarbeit
entstanden.
dd:
Eins deiner Projekte, das off- und online arbeitet,
ist
Fabrikverkauf.
Hier verbindest du E-Commerce mit Net-Community, um im ganz
realen Raum Kunst daraus zu machen. Hier ist der Kauf nicht
End-, sonder Anfangspunkt des Kunstwerks, und als
Bezugspersonen wären Duchamp, Benjamin, Beuys
aufzählen. Kannst du uns die Namen und das Projekt kurz
erklären?
JA: Im E-Shop von
Fabrikverkauf kann man per Internet T-Shirts bestellen,
die mit von mir entworfenen Kunstmotiven bedruckt sind. Die
T-Shirts werden in kleiner, limitierter Serie produziert.
Bei der zu klärenden namentlichen Bezugsgruppe beziehst
du dich wohl auf meinen
Familienbanden-Beitrag
für das letztjährige Symposium
Ästhetik
Digitaler Literatur
in Kassel. Um gegenüber dem dortigen geballten
universitären Sachverstand nicht unbegründet im
bloßen Hemd (resp. T-Shirt) dazustehen, habe ich
tiefgehend genealogisch geschürft. Insofern ist der
Verkauf von seriell gefertigten Produkten als Kunstwerk
natürlich auf immer mit Andy Warhols Namen verbunden
und Fabrikverkauf eine namentliche Verbeugung vor
Andys Factory. Aber auch ein Andy arbeitet nicht
voraussetzungslos und wieder einmal überragt alles der
übermächtige Schlagschatten vom Ready-maker
Marcel.
Der künstlerische
Hauptteil am Projekt ist die [walking exhibition],
bei der die T-Shirt Käufer auf der Website von
Fabrikverkauf mitteilen können, wann und wo sie
das T-Shirt, die [art wear] tragen. Damit entsteht
einerseits eine individuell-kollektive Ausstellung und
andererseits eine soziale Plastik im Beuysschen Sinne.
Ganz beiläufig wird so auch das Auraverlustproblem des
reproduzierten Kunstwerks, das Benjamin erkannt hat,
gelöst, indem sich das T-Shirt Kunstwerk einfach die
Aura des T-Shirt Trägers borgt, der ja ganz im Sinne
von Andys "15 Minuten" in der [walking exhibition]
zum Star mutiert. Nicht zuletzt wird so Marshall McLuhan
Erkenntnis "the medium is the massage" durch die angenehme
Reibung des T-Shirts auf der Haut sinnlich
erfahrbar.
Kommerziell war und ist
Fabrikverkauf übrigens nach
Internetmaßstäben ein großartiger Erfolg
und während allenthalben und andauernd die
Börsenwerte von Internetfirmen am Boden liegen und
"start up" mittlerweile als "and quickly come down"
buchstabiert wird, schrieb Fabrikverkauf im
Geschäftsjahr 1999 und 2000 eine dicke schwarze 0,0001
nach dem Komma. Man könnte sich fragen, ob
Fabrikverkauf nicht als erstes Kunstprojekt im
Internet der New Economy die Hand zur Versöhnung
reichen, ins Consulting-Geschäft einsteigen und
E-Commerce Firmen beraten sollte beim Farbwechsel von rot zu
schwarz - schon immer ein künstlerisches
Kerngeschäft... .
dd:
Also ist der Börsengang schon geplant? Aber zurück
von der Wirtschaft zu Kunst und Literatur. Während
"Fabrikverkauf" eine medienübergreifende Performance
ist, basieren deine anderen Netzprojekte ganz auf dem
digitalen Medium. Ich denke an
Das
Pferd am Handy
oder
worm
applepie for doehl.
Ersteres erzählt als tiefsinnige Parodie auf den
Hypertext eine Geschichte und kann leicht zur digitalen
Literatur gezählt werden, letzteres ist eher eine
Installation, die Reinhard Döhls berühmtes
Beispiel der konkreten Poesie um die Möglichkeiten des
digitalen Mediums erweitert, wo der Wurm den Apfel
schließlich auffrisst, und zwar gleich mehrmals
hintereinander. So wie manche Bibliothekare die konkrete
Poesie gern unter Kunst statt unter Literatur einordnen,
kann man sich bei diesem Beispiel einer kinetischen
konkreten Poesie fragen, ob es zu digitalen Literatur oder
zu digitalen Kunst gehört. Ich stelle die Frage auch im
Hinblick auf die Gesamtentwicklung der digitalen Literatur,
die bei zunehmender Multimedialisierung immer weniger mit
dem Wort arbeitet und so vielleicht bald nicht mehr klar von
der digitalen Kunst abzugrenzen ist.
JA: Ich bevorzuge,
wie du es gerade dargelegt hast, die
Grenzüberschreitung, bin also als Grenzer kaum
geeignet. Dennoch denke auch ich, dass die bildlichen
Elemente, bewegt oder statisch, bei der digitalen Literatur
zunehmen, zunehmen müssen, allein weil sich das Medium
entwickelt. Allerdings waren und sind die gelungenen
Beispiele im Netz schon immer "bildlich" gewesen. Bildlich
als gestaltet oder inszeniert verstanden. Ich meine
beispielsweise Olia Lialinas
My
boyfriend came back from the
war (vgl.
Besprechung
in dd) oder Susanne Berkenhegers
Hilfe!
(vgl.
Besprechung
in dd). Beide erzählen ihre Geschichte und inszenieren
sie optisch mit den Mitteln der Browsersoftware. Im
übrigen finde ich diese Arbeiten interessanter als
beispielsweise das jüngste Jodi-Projekt
WRONG
Browser, bei dem es
einmal mehr um Dekonstruktion und zum wiederholten Mal um
das Bewußtmachen davon geht, dass hinter dem
Computerbild, das man zu sehen bekommt,
überraschenderweise etwas ganz anderes steht,
nämlich die Programmierung, der Code.
Und hier, ich will es mal
vorläufig als "binären Idealismus" labeln, sehe
ich aktuell die brisantere Diskussion. Es gibt eine starke
Fraktion bei der digitalen Kunst ebenso wie bei der
digitalen Literatur, die versucht, das optische Ergebnis auf
dem Bildschirm als nur sekundär abzutun. Ich nenne
stellvertretend dafür Tilmann Baumgärtel, der
kittlert, dass die Hacker die eigentlichen Künstler
seien, und ich nenne Florian Cramer, der rundweg verlangt,
dass Netzliteraten mit der Programmiersprache selbst dichten
sollen. Nicht dass ich das uninteressant oder gar falsch
fände, was mich ein wenig stört ist der fast
messianische Rigorismus, mit dem hier das "Eigentliche", der
Programmcode, gegen das angeblich bloße Surrogat und
Abfallprodukt, das Bildschirmereignis, in Frontstellung
gebracht wird. Ich habe da ein ganz visuelles und
kräftiges Déjà-vu. Holen wir mal den
guten, alten Plato aus dem analogen Buchregal und schlagen
im "Staat" das 10. Buch (zehn = eins/null !) auf. Da lesen
wir am Beispiel des Bettes, dass die Künstler nur ein
Abbild von einem Abbild produzieren. Während die
Tischler immerhin noch eine nutzbare Bettlade als Kopie der
reinen Schlafstätten-Idee erschaffen, malen die
Künstler die vom Tischler verfertigte Reproduktion ab,
produzieren also nur die nutzlose Kopie einer Kopie, pinseln
eine Wirklichkeit 3. Grades.
Ähnlich die
Argumentation der "binären Idealisten" beim Computer:
gegeben ist die reine Idee, die 0 und die 1, der binäre
Code. Mit diesem Absoluten des Maschinencodes treten die
(Kunst)Handwerker des Computerzeitalters, die Programmierer
in Kontakt. Alles weitere, nämlich das, was wir auf dem
Bildschirm zu sehen bekommen, ist nur die Visualisierung der
Programmierung vom ausgeführten Maschinencode und
daher, als Abklatsch eines Abbildes, minderwertig und
überflüssig wie das ideenlose und verschlafene
Kunstwerk in Platons idealem Staat.
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