JA:
Eine schwierige Frage, bei deren Beantwortung ich mir in
vielem noch im Unklaren bin. Vielleicht soviel: die
Zeitlichkeit bei digitaler Kunst ist nicht auf die Animation
beschränkt. Auch beispielsweise die Bewegungen, die ich
bei der Erkundung einer Website mit der Mouse ausführen
muss, können eine zeitlich strukturierende Bedeutung
haben.
Bei der reinen Animation
dagegen ist die Abgrenzung zum Film problematisch. Das gilt
schon für meinen "worm applepie", aber noch vielmehr
für Flash-"Filme" wie beispielsweise
The
Struggle Continues
von Young-Hae Chang, nebenbei eine Arbeit die mir gut
gefällt. Chang gelingt u.a. durch den Bewegungsrhytmus
mit dem er die Wörter und Sätze, der Musik
folgend, auf dem Bildschirm anzeigen läßt, eine
Emotionalisierung, d.h. die Wortanimation ist nicht beliebig
sondern entscheidend für das Textverständnis (ganz
anders als bei den schlimmen Webseiten, wo zur Belebung ein
paar Wörter oder Kreise über den Screen gejagt
werden). Dennoch fehlt Changs Arbeit eine wichtige Dimension
digitaler Kunst, nämlich die Interaktion.
Insgesamt, glaube ich, wird
Animation in der digitale Kunst eine immer wichtigere
Ausdrucksmöglichkeit werden. Und damit wird sich das
Problem der optischen Überinstrumentierung
verschärfen. Wenn ein Bild das andere jagt, bleibt
leicht der Sinn auf der Strecke. Ich denke in Zukunft sollte
sich der Künstler am Computer immer öfter fragen,
warum dieses Bild, warum diese Sequenz. Denn eine wichtige
Erkenntnis haben wir dem schon einmal genannten Marcel
Duchamp zu verdanken. Duchamp hat immer das, wie er es
nannte, "rein retinale", also das einzig dem visuellen
verpflichtete Kunstwerk abgelehnt und verlangt, dass das
Bild auf ein Konzept, eine Idee verweisen muss. Ich glaube
diese Forderung ist bei der digitalen Kunst aktueller denn
je.
dd:
Da stimme ich dir völlig zu; der Vormarsch der
Bilder bringt die Gefahr des oberflächlichen Spektakels
mit sich, von der
Robert
Coover
in diesem Zusammenhang spricht. Das Konzept hinter dem Bild
(oder unter der Bildschirmoberfläche) könnte die
Gegenwehr auf seiten des Autors sein, das Misstrauen
gegenüber Bildern die auf seiten der
Rezipienten.
Noch einmal
zur Vorgeschichte und zur 1972er Wanderaustellung der
Staatsgalerie Stuttgart über "Grenzgebiete der
bildenden Kunst", in der es um poetische Mischformen ging
wie "Konkrete Poesie", "Computerkunst" und "Musikalische
Graphik". Herr Döhl, wie sind diese Mischformen konkret
zu verstehen und wie werden sie im multimedialen Internet
weitergeführt bzw. um neue Mischformen
ergänzt?
RD: Diese Ausstellung
muß im Zusammenhang mit zwei anderen, ebenfalls unter
Stuttgarter Assistenz aufgebauten Ausstellungen gesehen
werden, der Zürcher Ausstellung "Text Buchstabe Bild"
(1970) und der Amsterdamer Wanderausstellung "Akustische
Texte / ? Konkrete Poesie / Visuelle Texte" (1970/1971), die
einerseits das Etikett "Konkrete Poesie" bereits deutlich
mit einem Fragezeichen versahen oder gar vermieden,
andererseits ihre Exponate schrittweise erweiterten von der
Präsentation ausschließlich visueller
Erscheinungsformen des Textes über die
Präsentation visueller und akustischer Poesie zur
Präsentation von "Bild Text Text Bildern" (so der von
mir verantwortete Ausstellungsteil) neben einer
"Computerkunst" (verantwortlich: Herbert W. Franke) und
Exponaten, die den "heutigen Zustand der Notenschrift"
dokumentierten (verantwortlich: Erhard
Karkoschka).
Ging es im ersten Teil um
die fließenden Grenzen zwischen Literatur und
bildender Kunst, konkret um Buchstabe-Bild, Schrift-Bild, im
dritten Teil um die fließenden Grenzen zwischen
bildender Kunst und Musik, konkret zwischen Partitur und
Grafik, ging es beim Teil "Computerkunst" /
computergenerierte Grafik um die doppelte
Nutzungsmöglichkeit vom programmgesteuerten
Zeichenautomaten (sogenannten Plottern) als technische
Zeichengeräte und als Apparate zum
spielerisch-experimentellen Hervorbringen grafischer
Gebilde, das "keinerlei manuelles Geschick erfordert und es
daher erlaubt, sich voll auf die formalen Inhalte zu
konzentieren" (Franke). Womit jetzt auch für das
Zeichengerät geltend gemacht wurde, was bereits
für die Rechenmaschine galt: die Möglichkeit des
Autor/Künstlers nämlich, sich zwischen ihrer
reproduktiven oder produktiven Nutzung zu entscheiden, ein
Alternative. die die Geschichte nicht erst der
elektronischen Medien begleitet. Dass sich das meiste der in
diesen Ausstellungen Gezeigte im Internet fortschreiben und
-zeichnen ließe, ist nicht nur einer der Ansatzpunkte
unserer gemeinsamen Arbeit, sondern inzwischen in Johannes
Auers und meinen
Internetexperimenten
hinreichend belegt.
dd:
Die Frage einer "Literatur im Internet" beantworten Sie mit
der Unterscheidung in "Netztexte", "für das Netz
geeignete Texte" und "Texte im Netz". Was heisst das
konkret?
RD: Am
sympathischsten wäre mir wegen des sowohl dem Netztext
wie der Netzgrafik zugundeliegenden alphanumerischen Codes,
ein beides bündelnder Begriff wie Netzkunst. Für
die Frage Netz und Text habe ich unterschieden
zwischen
- "Texten im Netz", bei
denen das Netz und seine Schreibmaschine, der Computer
lediglich reproduktiv als Distributionsapparat genutzt
werden,
- "für das Netz
geeigneten Texten", also Texten, die sich zu den
Bedingungen des neuen Mediums aufbereiten lassen. In
ihrem Fall ist die Grenze zwischen Reproduktion und
Produktion fließend, können die Texte durch
die mediale Umsetzung zu etwas ganz Neuem
werden,
- sowie drittens
"Netztexten", worunter ich Texte verstehe, die zu den
technischen Bedingungen von Computer und Netz - und damit
meine ich nicht nur copy paste and cut -
entstehen.
Wenn ich für jedes ein
Beispiel geben darf: als ich mich entschieden hatte, mein
bisheriges veröffentlichtes und unveröffentlichtes
literarisches Werk nicht mehr einem Verleger anzuvertrauen
sondern auf einem Rechner auf Abruf für jeden
Interessierten bereit zu halten, habe ich begonnen, Texte
ins Netz zu stellen, wobei mir jetzt plötzlich eine
Aufgabe zufiel, die bisher Verleger und Verlagstypograf
für mich gelöst hatten: die Präsentation.
Wenn ich bei der Permutation
der
tod eines fauns
nachträglich Computer und Netz nutze, geschieht dies,
weil mir beide zusammen eine Präsentation erlauben, die
so in Buchform nicht möglich wäre, weshalb ich
hier von einem "für das Netz geeigneten Text" sprechen
würde. Im Falle des mit Johannes Auer realisierten
Pietistentango
gibt es zwar so etwas wie eine der Realisation vorausgehende
Partitur in Form von mail art, aber das Ergebnis ist in
Buchform überhaupt nicht mehr denkbar. Hier würde
ich von einem "Netztext" sprechen, für den die
Spielregeln von Computer und Netz produktiv gemacht wurden
und konstitutiv waren. Daß dieser Text jetzt zusammen
mit anderen auf einer CD-ROM erschienen ist, spricht in
meinem Verständnis genau so wenig dagegen, das es sich
hier um einen "Netztext", um "Netzkunst" handelt, wie ein
auf Bildträgern aufgezeichneter Film, ein auf
Tonträgern aufgezeichnetes Hörspiel.
dd: Gerade
diese Analogien veranlassen mich allerdings zu einem
Widerspruch. Gewiss, ein Hörspiel bleibt Hörspiel,
egal ob es per Radio oder Tonträger vermittelt wird.
Aber die Spezifizierung im Bestimmungswort ist ja auch
Hören und nicht Radio oder Kassette. Bei
Netzkunst wird auf das Netz als Spezifikum dieser
Kunst verwiesen, obwohl doch das Netz in vielen Fällen,
wie ja auch beim "Pietistentango", nur das
Distributionsmedium ist und, wenn der Begriff
ästhetische Besonderheiten anzeigen soll, eigentlich
nur Projekte Netzkunst heißen dürften, die eben
produktions- oder rezeptionsästhetisch auf Vernetzung
bzw. Mensch-zu-Mensch-Interaktivität aufbauen. Was den
Dachbegriff Kunst für Text wie Grafik betrifft:
Fürchten Sie nicht, dass der Begriff im
Allgemeinverständnis eher an die bildende Kunst denken
lässt und Texte ausschließt?
RD: Erstens
heißt das Hörspiel (zu dem sich neuerdings noch
das Hörbuch gesellt) nur bei uns Hörspiel, im
angelsächsischen Sprachbereich findet sich stattdessen
radiodrama, neuerdings auch ear play. Auch der Begriff
Radiokunst wäre mir vertraut. Historisch fände
sich, jetzt wieder im deutschen Sprachbereich bis mindestens
1930 das Sendespiel, gab es bei Brecht und Benjamin und dann
in den endsechziger/siebziger Jahren erneut die Vorstellung
der Höreraktivierung, die Forderung, den Hörer
produktiv werden zu lassen einschließlich der
zugehörigen Experimente. Das ist alles recht komplex
und im Rahmen eines Gesprächs kaum
auszufalten.
Um bei dem von Ihnen
angesprochenen Beispiel zu bleiben, so ist der
"Pietistentango" in seiner Konzeption zwischen Text und Bild
angelegt, hat also an beidem teil. Auch gehörte er als
Beitrag oder Baustein zum umfassenden TanGo-Projekt, das
zumindest bei seiner Realisation des Internets bedurfte.
Drittens wäre es wahrscheinlich nicht allzu schwer, ihm
Zugänge für einen aktiven Leser
einzuprogrammieren, womit er sich dann auch mit anderen
Schritten tanzen ließe, als Johannes Auer und ich
vorgegeben haben. Wobei uns die Erfahrung - etwa bei unseren
interaktiven
Gedichtseiten
- gelehrt hat, daß es hier schnell zu
Qualitätsprüngen, in der Regel nach unten,
kommt.
Ich würde dennoch gerne
- bis mir was Gescheiteres eingefallen ist - bei meiner
Unterscheidung von Text im Netz, netzgeeignetem Text und
Netztext bleiben, und letzteren wie das Netzbild, die
Netzgrafik bei den nun schon historischen Grenzverwischungen
zwischen Text und Bild gerne provisorisch unter Netzkunst
subsumieren oder vielleicht unter net-art. Wir haben im
Deutschen leider kein den Bedeutungsvalenzen des
lateinischen ars annähernd entsprechendes
Wort.
dd:
Johannes Auer gibt in seinen
7
Thesen zur Netzliteratur
ebenfalls eine Phänomenbeschreibung und
Begriffsklärung. Wie verhalten sich Hyperlink und
Vernetzung zur Netzliteratur?
JA: Der Hyperlink ist
ein konstruktives Gestaltungsmittel der Hyperfiction.
Sicherlich, und immerhin das ist ja mittlerweile Konsens,
ist er nicht der Todesclick für den Autor. Zwar kann
sich der Leser in einem Hypertext seine Lektüreabfolge
selbst zusammenstellen, das macht aber nur solange
Spaß, wie er den Eindruck hat, dass seine Mouseaktion
nicht beliebig und damit sinnlos ist. Hyperfiction braucht
also weiterhin den waidwund geclickten Autor, auch wenn sich
dieser, Schutzes halber, zum Regisseur getarnt hat. Beim
Streit, ob digitale Literatur, um zur Netzliteratur geadelt
zu werden, nur im Computernetzwerk funktionieren dürfe
oder ob es auch legitime offline Varianten gibt, holt man
sich schnell eine blutige Nase. Ich habe mich einmal
leichtfertig dazu geäußert und so fulminante
Entgegnungen geerntet, dass ich seither kleinlaut verwirrt
versuche, die Benennungen von Hyperfiction bis digitale
Literatur demokratisch gerecht nebeneinander zu verwenden.
Demnächst werde ich auch deine neue Begriffswahl
"Interfiction" in mein Benennungsroulett aufnehmen. Sollte
ich jedoch gezwungen werden, ein Parisurteil zu sprechen,
würde ich am ehesten "Netzliteratur" äpfeln, in
dem Sinne, wie sie Beat Suter in dem
Interview
mit dichtung-digital definiert hat.
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