RD:
Das Problem, daß ein Regisseur die Autorintention
völlig verfehlen kann, gilt auch für ein
Theaterstück. Ich würde heute meine Kölner
Thesen noch etwas differenzieren und sagen: die
Autorintention kann erstens verfehlt werden, wenn der Autor
vom Medium, für das er schreibt, keine (technische)
Ahnung hat, wobei dann die Schuld eher beim Autor läge.
Die Autorintention kann zweitens verfehlt werden, wenn die
Realisatoren den Text, von dem sie ja ausgehen müssen,
nicht verstehen. Legt der Autor bereits ein offen gehaltenes
Manuskript, eine offen gehaltene Partitur vor, gesteht er
den Realisatoren eine Art Co-Autorschaft zu.
Schließlich kann sich der Autor aber auch bzw. sollte
er sich mit den Bedingungen des Mediums, das er wählt,
vertraut machen und an der Realisation beteiligt bleiben.
Das ist bei einem Teil meiner Hörspielproduktionen der
Fall und für Autor und Regisseur ein wechselseitiger
Lernprozeß gewesen.
Ich würde deshalb vom
Netzautor oder -künstler verlangen, daß er die
Grundlagen des Mediums, für das er tätig wird,
wenigstens in Ansätzen kennt, wenn er nicht sogar die
Arbeitsteilung aufhebt und zum Autor/Realisator wird, wie
dies z.B. Paul Pörtner bei seinen späten
Hörspielen beispielhaft vorgeführt hat. Kann er
dies nicht, ist der Internetautor in der Tat auf die Hilfe
eines Programmierers, eines "Daten- und Screendesigners"
angewiesen bei dennoch erstrebenswerter cooperativer
Realisierung. Bei Johannes Auers und meinen gemeinsamen
Netzexperimenten und -arbeiten, die zu verschiedenen
Anlässen an verschiedensten Orten gemacht wurden, habe
ich es stets als angenehm empfunden, daß sich unsere
jeweiligen, auch unterschiedlichen Fähigkeiten und
Vorstellungen wechselseitig ergänzt und potenziert
haben. Ich würde dies als dialogisches Arbeiten
bezeichnen und habe für eine cooperative Autorschaft
auch bereits mehrfach plädiert.
dd:
Du, Johannes Auer, konzipierst, schreibst, programmierst und
designst deine Projekte selbst und bist so vielleicht ein
Beispiel für das neue Universal- und Originalgenie. In
deinen "7 Thesen zur Netzliteratur" stehst du dieser Spezies
als Zukunftsmodell allerdings skeptisch gegenüber und
sagst eher Kooperationen zwischen Programmierern,
Schriftstellern und Künstlern voraus. Bei
Arbeitsteilung stellt sich natürlich auch immer die
Frage, wieviel der eine vom Spezialgebiet des anderen wissen
muss und wem schließlich der Ruhm gebührt: dem
Ideengeber oder dem, der die Idee in den digitalen Code
überträgt. Anders und mit den Worten von vorhin
gefragt: Inwieweit darf der Künstler es sich leisten,
sein Material nicht zu kennen? Inwiefern ist die
Programmierleistung als moderne "artes mechanicae"
Bestandteil des Kunstwerks?
JA: Das
altersschwache Universalgenie übergehe ich
gerngehört. Bei mir ist die Programmierung zur
Zeit "Mittel zum Zweck" wie die Acrylfarbe zum Malen eines
Bildes oder AjaxTM zum Putzen der Fensterscheibe.
Die Programmierleistung hilft mir ein Konzept umzusetzen.
Aber natürlich muss ich bei der Entwicklung eines
Konzeptes die Mittel und ihre Leistungsfähigkeit kennen
und ins Kalkül ziehen, muss wissen, wie gut mein
Glasreiniger ist. Insofern sollte der Digikünstler also
zumindest die Möglichkeiten seines Materials
"Programmierung" kennen. Ob er dann alles selbst codet oder
mit Programmieren kooperiert, ist, denke ich,
sekundär.
Ich glaube die Leistung des
Programmierers ist vergleichbar der des Kameramanns beim
Film oder der des Bühnenbildners beim Theater. Er nimmt
unzweifelhaft gestalterischen Anteil am künstlerischen
Produkt. Dennoch hat weiterhin die Idee oder das Konzept der
Produktion das Primat, auch wenn die Beschäftigung mit
digitalen Techniken auf die Ideenentwicklung Einfluß
nehmen mag. Glasklar anders ist es, wenn die Programmierung
selbst zum Kunstwerk wird, wie bei Perl-Gedichten oder wenn
man wie Florian Cramer die kooperative Entwicklung von
Software als kollaborative Autorenprojekte
definiert.
dd:
Die letzte Frage zielt auf Vergangenheit und Zukunft. Die
Konzeptionen und Präsentationen der künstlichen
Poesie stießen in den 60er und frühen 70er Jahren
in der Öffentlichkeit auf erregte Einsprüche, in
denen sich auch Ängste um die Zukunft der Literatur
äußerten. Wie sehen Sie, Herr Döhl, vor
diesem Hintergrund und als Literaturwissenschaftler,
Künstler und Leser in einer Person die Zukunft
der digitalen Literatur?
RD: Den bis ins
Heftige gesteigerten Ausdruck solcher Ängste habe ich
auf der ersten Ausstellung von Computergrafk in Stuttgart
(1965) und einer Podiumsdiskussion über Computertexte
in Düsseldorf (1968) selbst erlebt. Hier muß man
nach meinen Beobachtungen differenzieren nach den
Gründen der Ängste. Der traditionelle
Autor/Künstler hat möglicherweise Angst davor,
daß ihm seine Felle davon schwimmen, der traditionelle
Leser hat Angst vor einem neuen Umgang mit Literatur, den er
(noch) nicht beherrscht, beide können Angst haben vor
einer Kunst/Literatur, deren Regeln und
Entstehungsprozeß sie nicht durchschauen,
überprüfen können, und schließlich
artikulierte sich wiederholt auch eine Angst vor einer
globalen Vernetzung und Kontrolle (der Big Brother Orwells
ließ grüßen). Wobei es für mich mehr
als kurios ist, daß sich derartige Ängste bei
Fotografie oder (laufender) Bildberichterstattung, bei denen
ja nun nachweislich häufiger manipuliert wurde bzw.
werden kann, offensichtlich nicht einstellen.
Für die Zukunft wird
es, denke ich, wie bisher ein Nebeneinander von
literarischen und künstlerischen
Ausdrucksmöglichkeiten und -formen geben, unter denen
die aktuelle Netzliteratur und -kunst gerade erst bei einem
Beginnen ist. Und um deren Zukunft ist mir aus meiner
Kenntnis der Geschichte der Medien durchaus nicht bange,
solange sich ihre Vertreter klar darüber sind,
daß sich aus vielen kleinen Schritten und einem immer
neuem Ansetzen (wobei ich die Rede-darüber mit
einschließe) erst ein Ganzes ergeben wird, das mehr
ist als die Summe seiner Ansätze.
dd:
In diesem Sinne hoffe ich auf weitere Projekte und Reden und
danke für das Gespräch.
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