www.dichtung-digital.com/2001/07/18-Mueller

Das ganze Web eine Bühne!?
Netzinszenierungen und Internetperformances

von Gisela Müller

"Die Netzkunst ist tot, es lebe das Internet", möchte ich fast beginnen. Nach dem Hype der letzten Jahre scheint nun Ernüchterung sich breitzumachen in der Medien-Kunst-Szene. "Warum es keine Netzkunst im Internet geben kann", titelte letztens Olaf Arndt in der Berliner Gazette und beschrieb die Gründe, denen man im Prinzip nicht widersprechen kann. Zum Beispiel, dass das Netz "auf elende Art keimfrei" sei und ihm das Physische fehle.

Zu all dieser Kunst, die es im Internet nicht geben kann, gesellt sich nun auch das Theater. Theater als das Genre, das wie kaum ein anderes von der Präsenz leibhaftiger Körper, vom physischen Zusammensein von Schauspielern und Zuschauern in einem Raum bestimmt ist. Theater als die Kunst der Unmittelbarkeit und Einmaligkeit - jede Vorstellung ist anders - wie soll das zusammengehen mit dem Medium Internet, wo alles indirekt, remote und beliebig reproduzierbar ist? Kann es überhaupt zusammengehen? Was hat das Netz dem Theater zu bieten? Oder umgekehrt: was hat das Theater dem Netz zu bieten? Und ist es nicht etwas anachronistisch, diese Fragen zu einem Zeitpunkt zu stellen, wo eigentlich alles schon wieder vorbei ist?

1 - 2 - 3 - 4 - 5


Ich denke nein. Das Theater selbst ist anachronistisch, aber dadurch auch bis heute aktuell geblieben. Weil die Themen, die es behandelt, immer mit dem Menschen zu tun haben und uns von daher immer angehen. Gleichzeitig hat Theater auch mit Technik zu tun. Mit seiner Inszenierung im Raum. Theatermacher haben und hatten auch stets einen Hang zur Technik und zu neuen Technologien. Wie Goethe in seinem Faust den Direktor im "Vorspiel auf dem Theater" sagen lässt:

"Ihr wißt, auf unseren deutschen Bühnen
Probiert ein jeder was er mag;
Drum schonet mir an diesem Tag
Prospekte nicht und nicht Maschinen ..."
 

Oder - kleiner Schnelldurchlauf durch die Theatergeschichte - ich erinnere an die hochkomplexe Bühnenmaschinerie des Barrocktheaters oder an Erwin Piscator, der schon ganz früh mit Filmeinblendungen, Projektionen und Laufbändern auf der Bühne arbeitete. 

Ein anderer Theatermensch schrieb 1932 eine "Rede über die Funktion des Rundfunks". Bertolt Brecht. Was er in dieser Rede formulierte, hört sich sehr nach Internet an. Vielleicht muss man ja Brecht als einen der Pioniere des Internet bezeichnen. Er hatte sich nämlich schon damals ein Medium vorgestellt, das kein reines Distributions- sondern ein Kommunikationsmedium wäre. Vor dem Hintergrund des immer stärker Verbreitung findenden Rundfunks heißt es bei Brecht: "Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen."

Brecht forderte also genau das, was das Internet heute ermöglicht, und er knüpfte daran die utopische Hoffnung, dadurch die Wirklichkeit, bzw. die Gesellschaft verändern zu können. 

Tatsächlich eine Utopie? 1998 organisierte der ehemaliger Schauspieler Ricardo Dominguez mit dem von ihm gegründeten "Electronic Disturbance Theater" eines der ersten virtuellen Sit-Ins aus Solidarität mit den Zapatisten in Chiapas. Durch das starke öffentliche Interesse an den Aktionen konnten die Forderungen der Zapatisten international bekannt gemacht werden, und inzwischen gilt die zapatistische Bewegung als eines der erfolgreichsten Beispiele politischen Untegrundaktivismus im Internet. 

Am letzten Beispiel wird klar, dass man nicht pauschal über "das Theater" reden kann. Theaterleute selbst haben unterschiedliche Auffassungen von der eigenen Kunst. Für die einen steht das politisch / soziale Moment im Vordergrund, für die anderen die Ästhetik. Verwiesen sei hier beispielsweise auf die schicke Site des Hamburger Schauspielhauses, das vor einiger Zeit seine "Fünfte Spielstätte" im Web eröffnet hat. 

Bevor ich nun von einem Wettbewerb berichte, der Anfang dieses Jahres vom Theaterfestival SPIELART in Zusammenarbeit mit der Ars Electronica, dem Medienforum München und dem Stadtforum München ausgeschrieben wurde, einem Wettbewerb, der zur Auseinandersetzung mit den oben formulierten Fragen aufrief und sich ausdrücklich an Theaterleute richtete, möchte ich ganz allgemein und vielleicht etwas abstrakt die Analogien der beiden (Kunst)-Medien Theater und Internet benennen.


1 > 2 - 3 - 4 - 5