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Mythos Internet
ein Sammelband von Stefan Münker und Alexander Roesler

Roberto Simanowski

Das Internet ist längst Stichwort des Jahrzehnts und sorgt für eine Reihe von Schlagwörtern: Dezentralität, Demokratisierung der Kommunikation, Interaktivität, Multimedialität, Transnationalität, Isolierung, totale Überwachung, digitaler Kolonialismus und Kommerzialisierung privater wie öffentlicher Räume. Was es mit diesen Phänomenen einer heraufziehenden Internet-Gesellschaft auf sich hat und was davon als Mythos in die Projektionskiste halbwissender Proponenten und Contrahenten gehört, sagt dieses Buch in 17 Beiträgen.


Mythen sind Geschichten, mit denen Menschen sich unerklärliche und beängstigende Phänomene erzählen. So heisst es im Vorwort, und mit Mythenforscher Roland Barthes könnte man kurz und tief hinzufügen: der Mythos ist eine "von der Geschichte gewählte Aussage". Die Einheit der Geschichte ist freilich selbst wieder ein Mythos, wie der vorliegende Fall zeigt, denn manche sagen nur Gutes, manche nur Schlechtes über das Internet. Zwischen diesen beiden Polen zu vermitteln ist das Versprechen des Bandes.

Der erste Mythos, dem man dabei begegnet, ist der über den Mythos Internet. Die Bucheinteilung in vier verschiedene Kapitel (Bausteine der Netztheorie; Die Idee virtueller Gemeinschaften; Digitale Märkte; Netzkultur) rekurriert auf eine Ordnung der Gesellschaft, die schon vor dem Internet so gar nicht mehr gegeben war: Ökonomische, soziale und kulturelle Kriterien lassen sich nicht so trennscharf behandeln wie hier suggeriert. Diese Suggestion folgt freilich dem Begehren, das Fremde, Beängstigende mit bekannter Personage zu erzählen, weswegen dies auch nicht als Hypertext passiert, sondern in strenger Linearität, die nicht einmal durch ein Register gefährdet wird. Das muss wohl so sein, will man denen Orientierung geben, die sich bisher nur durch Tageszeitungen zum Thema haben informieren lassen. Worum also geht es?

Zum Beispiel um die Veränderung des realen Raumes durch den virtuellen, von William J. Mitchel so anschaulich erklärt: Die Pizzaria braucht die Hauptstraße und umgekehrt; wechseln immer mehr Leute zur Online-Pizza, verliert erstere ihre Bedeutung als sozialer Treffpunkt und letztere ihre hohen Immobilienpreise. Ein anderes Beispiel ist die Veränderung des Individuums durch die Veränderung seiner Medien: Ist das Subjekt oraler Kulturen dialogorientiert und konsensbedürftig und ist das "gedruckte Selbst" eine "recht stabile Figur", so entspricht dem Hypertext eine fragmentierte, instabile bzw. flexible Identität. Was David J. Bolter mediengeschichtlich entwickelt und implizite zu einer Neuformulierung der 6. Feuerbachthese von Marx führt - das Individuum als Summe seiner Links -, bringt Mark Poster kurzerhand auf die Formel: Das Internet ähnelt eher Deutschland als einem Hammer. Die Idee ist die gleiche: Das Medium ist nicht nur ein Mittel, dessen wir uns zur Erreichung bestimmter Ziele (Nägel einschlagen, Informationssuche) bedienen, sondern es bestimmt unser Selbst- und Weltverständnis, so wie das Land, in dem wir sozialisiert wurden.

Ein anderes Phänomen ist die Öffentlichkeit im Netz, die immer wieder gern als elektronische Agora apostrophiert wird. Sowohl Rudolf Maresch wie Sasksi Sassen sehen darin ein Phantasma und verweisen auf die neuen Ausgrenzungsweisen (Zugang zu und Beherrschung der zugrundeliegenden Technologie) sowie auf neue Monopolisierungsvorgänge nach einer kurzen Zeit der Anarchie und des globalen Wettbewerbs. Mit ähnlichem Zungenschlag betont Florian Rötzer, dass der Cyberspace mit seiner Utopie der delokalisierten Vernetzung letztlich auch einen Rückzug des Individuums und des Staates aus seiner sozialen Verantwortung bedeutet. Die "Anmerkungen zur Netzkritik" von Geert Lovink und Pit Schulz sind eher ein diffuses Stakkato bedeutsam klingender Worte, allerdings mit dem Lichtblick eines fulminanten argumentum ad hominem gegen den Romantiker und selbsternannten Präsidenten des Netzes John Perry Barlow, der trotz seiner berühmten Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace als Mitglied des Global Business Network schließlich sogar als Feind der Freiheit des Netzes dasteht.

Das Phänomen des Hypertextes wird unter Netzkultur verbucht. Uwe Wirth diskutiert mit dem bösen Titel "Literatur im Internet. Oder: Wen kümmert's, wer liest" die zentrifugale Wirkung des Links und die Rolle des Lesers als abduzierender Detektiv, der den plausiblen Zusammenhängen der verschiedenen Textfragmente hinterher ist - und spätestens, wenn er sich vom letzten Trivialsatz zu Goethes "Faust" geleitet sieht, einsieht, dass die universelle Anschließbarkeit alle pragmatischen Relevanzsysteme karnevalisiert und Kohärenzbeziehungen bzw. Intertextualität via Link zur Farce werden lässt.

Und der Mythos? Der spielte im Laufe des Buches keine große Rolle mehr. Die Beiträge berichten recht allgemein von Phänomenen im Netz, hier und da mit einem Schlenker auf Vorurteile, aber insgesamt nicht dem Phänomen der Mythenbildung selbst auf der Spur. Aber das ist durchaus ein Vorteil - ebenso wie die Tatsache, dass manche Beiträge des Buches nur die übersetzte Neuauflage längst bekannter amerikanischer Texte sind -, nämlich dann, wenn man diesen Band als das versteht, was er eigentlich sein will: Einführung eines unbedarften Publikum in ein unbekanntes Reich.

Mythos Internet
hg. v. Stefan Münker und Alexander Roesler
394 S., 27,80 DM, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997
  

 


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