www.dichtung-digital.com/2002/01/06-Simanowski

Cyberhypes. Möglichkeiten und Grenzen des Internet
ein Sammelband von Rudolf Maresch und Florian Rötzer

Roberto Simanowski

Vier Jahre nach dem Sammelband Mythos Internet bringt Suhrkamp einen Band auf den Markt, der unter ähnlich kritischem Titel über den Stand der Dinge im Internet berichtet. Die Stichworte ähneln sich; wieder geht es um Demokratie, E-Kommerz, Globalisierung. Die Ergebnisse freilich sind z.T. recht verschieden: Von Renationalisierung des Internet ist die Rede, von Überwachung und von Domestizierung des einst so chaotischen Mediums.


"Der einst erhoffte freie Fluß der Information wird mehr und mehr kanalisiert und überlagert durch die Verwandlung der Information in eine Ware. Übrig bleibt der freie Fluß des Geldes." Die einleitenden Worter der Herausgeber markieren einen bitteren Verlust in der fortschreitenden Aneignung des Mediums, aus dem die Utopien der 90er Jahre gemacht waren. Das unübersichtliche, interaktive Pull-Medium (man zieht sich das, was man braucht) ist ein geordnetes uni-direktionales Push-Medium (man wird mit Daten bombardiert) geworden. 

Trends

Neben der Wandlung von Pull zu Push stellen die Herausgeber die Ökonomisierung des Netzes fest und damit die Ausbreitung von Markt und Wettbewerb in allen sozialen Systemen, einschließlich Erziehung, Kunst und Religion. Ebenso wird die Besitzschere über die Aneignung und Verfügung von Wissen zunehmen, wobei das Medium vor allem den Bindungslosen und Risikobereiten entgegenkommt, die sich bereitwillig auf die ganz anderen Nachbarschaftskonstellationen, Identitätsbildungsprozesse und Fernnah-Beziehungen einlassen. 

Enttäuschungen

Die der Einleitung folgenden 13 Beiträge bestätigen diese Trends, erklären sie oder schreiben gegen sie an. So verweist Florian Rötzer auf die Renationalisierung des "Globalen Dorfes" durch Filterprogramme ("geographic intelligence"), sei es im Interesse des Kommerz (Regionalcode bei DVDs) oder der Abwehr verfassungsfeindlicher Äußerungen (Datenzugang nach IP-Adresse des Users). Gundolf S. Freyermuth sieht in der Digitalisierung der Kunst den Tod des Schauspielers und verkündet den Siegeszug der Immersionsästhetik 

Hoffnungen

Andere heften ihre Utopien ans Internet. So sieht Ivo Skoric, der die Rolle des Internet in Serbien während des Krieges beschreibt, im Netz die Garantie von Öffentlichkeit für Rebellen, Revolutionäre und Regimekritiker. So feiert Richard Barbrook die Geburt des Cyberkommunismus aus der Geburt einer Technologie des kalten Krieges. Man kann sich leicht vorstellen, wie diese Pointe dem Artikel voranging; man wird schon mehr Mühe haben, im entwickelten Szenario der Geschenkökonomie die unverhoffte Beseitigung der Marktwirtschaft zu erkennen. Hier liegt ein Daten-Hype vor, als wäre alles nur noch Information und ließe sich im Modell des Naturalhandels untereinander ganz ohne Geld tauschen. Mein Bäcker und auch mein Internetprovider teilen diese Meinung jedenfalls nicht. Pierre Lévy erörtert die Sinnkrise im Gefolge von Internet, Migration und Globalisierung und apostrophiert im Verlust der regionalen, nationalen, kulturellen Bezüge die große Chance der Post-Kultur: als "Kultur des Kontakts und der wechselseitigen Umfassung, die auf den Kontakt der Kulturen folgt" 

Adoleszensen

In einem sind sich alle einig: Das Medium ist seinen Kinderschuhen entwachsen. Zeichen dafür ist nicht nur der Zugriff Wirtschaft, sondern auch die Etablierung von Selbststeuerungs-, genauer: Marionetteninstitutionen wie der ICANN, deren Geschichte Christian Ahlert skizziert. Das Internet hat, wie Skoric es formuliert, seinen College-Abschluß gemacht, nimmt die Piercings aus der Nase, läßt die Menschheitserrettungsutopien sein und sucht nach einem gut bezahlten Job. Einige werden Kaufleute, einige Rechtsanwälte, einige Intelligent Agents. 

Cyberhypes. Möglichkeiten und Grenzen des Internet
hg. v. Rudolf Maresch und Florian Rötzer
272 S., 21,90 DM, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001
 

 


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