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Jim Andrews' kinetisch-konkrete audio-visuelle Poesie
Roberto Simanowski

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Seattle Drift ist ein kurzes, im grammatischen wie im physischen Sinne animiertes Gedicht, das vorgibt, seine eigentliche Gestalt verloren zu haben:

I'm a bad text.
I used to be a poem
but drifted from the scene.
Do me.
I just want you to do me.

Wer der ironisch-charmanten Aufforderung folgt und Do the text klickt, wird Zeuge, wie die Worte ihren Platz verlassen, sich nach rechts und nach unten über den Bildschirm ausbreiten und dabei völlig durcheinandergeraten. Solang man nicht auf Stop the text klickt und dann, um die Ausgangslage wiederherzustellen, auf Discipline the text, dehnen die weißen Wörter die Datei immer weiter aus und verlieren sich regelrecht im Schwarz des Bildschirms, in dem man sie durch vertikales und horizontales Scrollen schließlich einzelnd oder in Grüppchen aufspüren kann. Das Gedicht wird zu einem sich ständig fortschreibenden Text, bis der User durch den Stop-Klick seine Do the text-Anweisung aufhebt: Interaktion als Warten.

Die Ironie resultiert intermedial aus dem Kontrast zwischen Benennung der verlorenen Ursprungslage (hier liest der Rezipient) und dem Ergebnis der Wiederherstellung (dies sieht der Rezipient): I drifted from the scene, sagt das ordentlich aufgereihte Gedicht und wird, sobald man ihm helfen will, erst recht ins Ungewisse getrieben. Als sei die Ordnung der Verse ein Verstoß gegen die wirkliche Ordnung des Seins, die eine der Verschiebung und des Unfassbaren ist. Benennung ist Reduktion, wie die Theorie der Différance informiert, deren spielerische Umsetzung Seattle Drift zu sein scheint.

Enigma n folgt dem Prinzip und der Programmierung (DHTML) von Seattle Drift, wenn es auch weit kürzer ist und, bei aller eintretender Bewegung, innerhalb der Bildschirmeinheit verbleibt. Was man findet, ist das Wort meaning und die Klickoptionen Prod meaning / Stir meaning / Tame meaning. Die Erzeugung von Bedeutung sieht dann so aus, dass alle Buchstaben durcheinanderwirbeln, was durch hinzukommende Optionen (Swat / Speed / Spell) variiert bzw. beendet werden kann. Der Klick auf Spell ergibt wieder meaning, dessen anagrammatische Beziehung zu enigma n längst deutlich geworden ist.

Das anagrammatische Spiel gehört traditionell zu den Werkzeugen experimenteller bzw. konkreter Poesie, dem hier im digitalen Medium allerdings die Zeit der Performance zu Hilfe kommt: Durch die ständige Bewegung der Buchstaben – dies kann die konkrete Poesie des Papiers nicht – ändert sich deren Zusammenhang fortwährend, was der Formel Bedeutung ist Rätsel noch das Attribut unlösbar hinzugibt. Die Buchstaben sind nicht nur in eine willkürliche Anordnung geraten – damit könnte man sich arrangieren –, sie ändern diese ständig – womit auch der annagramatisch unnütze Buchstabe n als Zahl des Unbekannten seinen tieferen Sinn erhält.

Will man in der Bedeutungsgebung dieses Rätsels über Bedeutung ganz hoch greifen, kann man hier – im Vergleich zu seiner unbeweglichen Variante auf dem Papier – den Übergang von Saussure zu Derrida deklarieren: Bedeutungsgebung ist nicht nur nicht-substantiell und relational, sie ist auch ein unabgeschlossener Prozess, da jedes Signifikat wieder Signifikant eines anderen Signifikaten ist. Das transzendentale Signifikat, das Saussure noch zulässt, stellt sich hier nur bei Abbruch des Bedeutungsgebungskarussells ein. Die Selbstbeschreibung des Gedichts am Ende – “Enigma n is a philosophical poetry toy for poets and philosophers from the age of 4 up” – gibt solch angestrengtem Zugriff durchaus Raum. Und wenn Andrews Seattle Drift als metareflexiven Text bezeichnet, der sich selbst verkörpert (vgl. den Quellcode), gilt dies erst recht für Enigma n:

Stylistically, the piece is similar to the pop-up poems (though not in behavior) in that the text talks about itself. I like this approach because it focusses attention on the questions and also allows me to develop character. The character is the text itself, and the character commenting on its own nature and behavior, though embodying that nature and behavior also, beyond it but within it, like the rest of us.


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