Je
mehr Wörter man also abschießt, um so mehr
Buchstaben scharrt man um sich. Aber Achtung, auch hier gibt
es Angreifer. Das sind die Wörter in Blau, die direkt
und mit weit größerer Geschwindigkeit als die
Grünen aufs eigene Wort
Poetry zukommen. Sie
haben zwar den gleichen Namen, suchen aber, als
Kamikaze-Wörter, den Zusammestoß. Gelingt es
nicht, sie zuvor abzuschießen, woraus dann
semantintisch unklare Sonderzeichen entstehen (Ausweichen
hilft nicht, denn dieses Wörter folgen, wie moderne
Waffen, ihrem Ziel), zerstören sie das rote
Poetry. Natürlich ist dieses nach seiner
farbenprächtigen, recht schön anzusehenden
Explosion gleich wieder da zum Weiterspielen. Aber es gibt
Punktverlust.

poetry (blau) zerstört poetry (rot)
Wer die
default-Einstellungen nicht mag, kann die Wörter, die
auf dem Bildschirm in Aktion treten, übrigens auch
selbst festlegen. Zum Angebot für Grün und Blau
stehen u.a.: Whats inside; I am the other; I am of
two minds; coretext; write me .., für das rote Wort
indess gibt es eine Zeile für die eigene Eingabe. Unter
der Zeile steht: Identity; wer sich wagt, tippt also
den eigenen Namen.
Der Sinn
dieses poetischen Kampfspiels? Zum einen die
Ironisierung aller anderen Kampfspiele. Normalerweise kann
man Menschen abschießen oder Moorhühner: Aber
Wörter?! Arteroids macht Wörter zu Gegnern
bzw. Opfern, die als Zielobjekte in Frage kommen.
Zum anderen
erscheinen je geschickter man ist um so mehr Wörter,
bis sich daraus ganze Sätze bilden lassen: The
battle of Poetry against itself, Poetry
destroyed and created Poetry... Der Versuch, diese z.T.
auf dem Kopf stehenden Wörter zu entziffern, absorbiert
allerdings die Aufmerksamkeit, die man eigentlich zur Abwehr
der Angreifer benötigt: Lektüre ist
lebensgefährlich, wie auf jedem Schlachtfeld. Der
Zugang zum Text erfolgt über eine Fertigkeit, die
gewöhnlich mit dem Gegenteil von Poesie besetzt ist:
Die Geschicklichkeit, dem Feind auszuweichen und ihn zu
treffen. Die Rhetorik der Kampfspiele am Bildschirm wird
vereinnahmt, dekonstruiert, semantisch neu besetzt. Und was
macht Poesie anderes, als die Klischees und
Erwatungshaltungen des primären Sprachsystems in einem
sekundären Durch-Gang zu verfremden!
Man kann den
Kampf aber auch ganz wörtlich nehmen und die
Dekonstruktion ganz bildlich. Es gibt die Worte, die von der
Poesie demontiert und in neue, eher visuell sinnliche als
kognitiv semantische Zusammenhänge zerlegt werden. Was
als festgefügtes Wort daherkommt, verliert seine
übliche Gestalt, sobald das Geschoß der Poesie es
trifft. Rilke hat dieses Grundgefühl des Dichters in
seinen frühen Gedichten einmal in Verse
gebracht:
Ich
fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus;
Und dieses heißt Hund und jendes heißt
Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.
Nach dem
Schuß der Poesie sind diese ach so deutlichen
Wörter nicht mehr, was sie waren. Die Poesie hat sich
durchgesetzt. Dem neuen Blick auf die Dinge geht die
Zerstörung des alten voraus. Andrews erweitert die
konkrete Poesie um die Syntax Zeit und Interaktion. So wie
Gomringer in seinem Gedicht
Wind
allein aus der Anordnung des einen Wortes Wind
vermittelt, was Wind ist, und so wie Jandl die
Niagarafälle allein durch einen vertikalen Freiraum
zwischen den Buchstaben niagaaaaaaaaaaaaaaaa und
ra felle vor Augen führt, so artikuliert Andrews
sein Anliegen auf der Oberfläche der Materialität
der Zeichen.
Diese
Materialität ist freilich tückisch, denn sie
umfasst weit mehr als nur ihre graphische Existenz. Die
traditionelle konkrete Poesie kann zwar auch mit Farbe
arbeiten, aber sie kann z.B. nicht die Information
vermitteln, dass das Wort Poesie nach seiner
farbenprächtigen Explosion (in rot-gelbe Buchstaben)
wieder in ein einfaches Rot zurückfällt. Dieses
Zurückfallen folgt freilich der Logik solcher
Kampfspiele, die besondere Farbenpracht der Explosion jedoch
nicht und sie ist ein wahres visuelles Ereignis. Da
das Schönste die Explosion des eigenen Wortes ist,
möchte man am liebsten die ganze Zeit sich selbst
treffen lassen.
Ist dies
auch ein Zeichen? Oder ist dies Farbenpracht nur eine
willkürliche Design-Entscheidung? Hier steht man vor
der ganz alten hermeneutischen Frage: Was wollte uns der
Dichter/Programmierer damit sagen? Nun, vielleicht, dass man
gar nicht immer sich wehren soll. Dass man gar nicht immer
den Zugriff auf die Außenwelt suchen soll. Die oben
beschriebene Dekonstruktion basiert ja auch auf einer klar
bestimmten Handlung und setzt im Grunde nur der einen
Ordnungsmacht eine andere entgegen. Vielleicht liegt die
wahre Liebe des Poeten darin, sich aller besitzergreifenden
Energie zu enthalten und sich ganz der Welt auszusetzen.
Rilkes zitierte Klage über die Wortgewaltigen endet
nicht zufällig mit Versen der Enthaltung:
Ich
will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ich bringt mir alle die Dinge um.
Noch
deutlich hat Rilke das Objekt-Sein, die Vermählung mit
den Dingen in späteren Versen ausgesprochen:
Und ich
gehe und ich weiß nicht weiter
ich vergaß, was ich zu sagen kam,
alles will, ich soll ein Streiter
werden, und ich bin ein Bräutigam.
Der Gewinn
liegt nicht im Sieg, sondern im Unterliegen.
Sicher ist
das freilich nicht. Nicht sicherer jedenfalls als die
Gedanken, auf die man beim Anblick abstrakter Bilder kommt.
Hier wie da ist es letztlich eine Frage der kognitiven
Energie, die das Werk über seine gelegentliche visuelle
Qualität sei dies ein schwarzes Quadrat oder ein
zerspringendes Wort beim Betrachter freisetzt. Mit
dem entsprechenden Hintergrund mag man also Rilke und
Dekonstruktivismus assoziieren. Andere deren
Hintergrund eher die Kirmis-Schießbude ist
werden einfach ein bisschen mit der Poesie auf die blauen
und grünen Worte schießen und sich wünschen,
diese wie jene wären doch Personen oder wenigstens
Moorhühner.
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