NIO
ist eine Sammlung von Soundschleifen, die vom User beliebig
zusammengestellt werden können. Die 16 Soundschleifen
werden durch 16 im Kreis angeordnete Buchstaben bzw. Icons
repräsentiert. Klickt man auf diese, aktiviert man den
zugehörigen Sound, wobei zur Musik in der Mitte des
Kreises eine Animation bzw. Komposition der beteiligten
Icons zu sehen ist. Die immer gleich langen Sounds sind mit
Cakewalk aufgenommen und mit
Sound Forge
bearbeitet, die animierten Images sind in
Flash
erstellt, das zugrundeliegende Programm ist in Lingo
geschrieben und funktioniert als Player, der die
verschiedenen Layer an Soundsequenzen und Animationen
synchronisiert.
Man kann
immer nur 6 der 16 Soundschleifen aktivieren. Eine
Einschränkung des Programms? Oder will Andrews
musikpädagogisch seine ungeduldigen Schüler auf
die Ästhetik der Beschränkung verpflichten?
Vielleicht würden zuviel beteiligte Soundschleifen
verdecken, dass es sich bei den Animationen manchmal einen
visuellen Rhythmus zum Sound, ein andermal um desssen
Phonetisation handelt.
Andrews
nennt NIO a kind of lettristic dance
(Interview), ein alternative music video
(
Art
of Interactive Audio)
und betont eine Umdrehung der Dominanz:
Most
programming languages are set up so that the visual
dominates and controls the audio. In Nio, when a new
sound begins playing, it causes the animations to
change, which is a case of the audio controlling the
visual.
Aber NIO
ist ein bemerkenswertes Beispiel nicht nur für die
Verschmelzung von Text, Image und Sound, es ist, wie Andrews
im Interview betont, auch ein Fortschritt gegenüber den
eingeschränkten Interaktions-Möglichkeiten der
vorangegangenen Projekte:
in
Seattle Drift, you can 'Do the text' or 'Stop the
text' or 'Discipline the text'. I wanted the actions
that you could take to be personally and
literarillllllly [sic] meaningful.
Mit diesem
Akzent auf die Interaktion folgt das Projekt der Rhetorik
des Hypertexts: Man erhält seinen Text/seine Musik
nicht mehr fertig vom Autor/Komponisten, sondern stellt
ihn/sie sich selbst zusammen aufgrund der vom Autor
vorgegebenen Optionen. Funktioniert, was im Hinblick auf
Literatur nie richtig überzeugt hat und am Ende nur
verärgerte Rezipienten zurückließ,
funktioniert das besser im Hinblick auf Musik und
Bild?
Andrews
selbst erklärt in seinem Essay
Stir
Frys and Cut Ups
über Hypertext und Cut-up-Ästhetik: one of
the things you'd like in a cut up is meaningful association,
not just widely combinatorial permutation. Die meisten
Hypertexte bieten nur unendlich viele
Kombinationsmöglichkeiten, deren Bedeutungsgehalt schon
deswegen nicht garantiert werden kann, weil auch der Autor
nicht in der Lage ist, vorher alle Varianten durchzugehen
(Raymond Queneau hatte für die 100 Billionen
Lektüregänge seiner Sonett-Kombination Cent
Mille Milliards de poèmes (1961) über 190
Millionen Jahre ununterbrochener Lektüre veranschlagt).
Kann Andrews da wirklich auf bedeutungsvolle Assoziationen
hoffen?
Der Vorteil
von NIO liegt in der anderen Sinnlichkeit.
Während beim Hypertext der Mangel an klar komponierten
narrativen Anschlüssen schmerzt, erfrischt hier die
Möglichkeit, das Akapella durch jene Variationen zu
bereichern, die sich bestens ins Ganze integrieren. Auch die
geometrischen Formen, die sich wie ein Screen Saver vor
einem bewegen, passen gut ins Paradigma des visuellen
Genusses. Dem lettristic dance kommt es nicht auf
Bedeutung an, er steht, wie Tanz ja zumeist, primär im
Zeichen jener aesthetics of the sensual, die
Andrew Darley in seinem Buch Visual Digital Culture
als Tendenz auch für die semantischen der visuellen
Künste (wie etwa Film) feststellt. Jim Andrews
audio-visuelle Projekte erhöhen den
Interaktionscharakter auf Kosten des semantischen Aspekts.
Es geht nicht mehr ums Deuten wie in seinen Werken
kinetisch-konkreter Poesie , es geht ums Ausprobieren.
Die Aktivität des Users als Bastler ersetzt seine
Aktivität als Leser.
Ums
Engagement des Bastlers aber geht es Andrews, wie dem
Interview weiter zu entnehmen ist:
One of
the things about Nio is that it can deal with layers
of rhythmic music. So you can take songs and chop them
up into loops (even better if you have different
recordings of the vocals, drums, etc) and then allow
people to rearrange the music arbitrarily or with
constraints. And you can associate one or more
animations (which themselves may be interactive) with
each of the pieces of the song, so that you end up
with a very different sort of music video for the Web
than we have seen so far and perhaps a different song
than you started out with. Very interactive and
engagingly compositional both sonically and visually,
hopefully.
Vordenker
dieses Konzepts ist Brian Eno, der in einem
Interview
im Online-Magazin Wired im Jahre 1995 die Richtung für
das vorgab, was er nicht interactive, sondern
unfinished music
nennt:
What
people are going to be selling more of in the future
is not pieces of music, but systems by which people
can customize listening experiences for themselves.
Change some of the parameters and see what you get.
So, in that sense, musicians would be offering
unfinished pieces of music - pieces of raw material,
but highly evolved raw material, that has a strong
flavor to it already. [...] Such an experience
falls in a nice new place - between art and science
and playing. This is where I expect artists to be
working more and more in the future.
Dieser
Vision aleatorischer Musik verschreibt sich Andrews, der im
Mai 2001 zu Enos Überlegungen eine Diskussion in
Webartery
initiierte. NIO ist seine praktische Antwort, und
es lässt in der Tat die Grenze zwischen Programm und
Kunst verschwimmen. Nio is part 'tool' and part heap
of art, schreibt Andrews und stellt in Aussicht, dass
in einer nächsten Version statt der jetzt
verfügbaren 16 Sounds 60 angeboten werden. Wer will,
kann die 16 Sounds aber auch durch andere, eigene ersetzen,
denn seit August 2001 ist der
NIO-Source
Code
öffentlich: if people use the code, it increases
my value as a programmer and artist. So mag nun jeder
mit seinen eigenen Soundschleifen seine eigenen a cappellas
basteln; deren Hintergrundstimme freilich immer die von
Andrews bleiben wird, denn der Erfinder des Programms ist
bekanntlich Autor noch vor dem Nutzer des Programms. Wer
lieber auf der Oberfläche des Bildschirms bleibt, muss
sich mit dem Angebot Andrews begnügen und kommt
vielleicht auf den Geschmack in NIOs zweiter
Spiel-Option, die das Zusammenstellen der 16 Soundschleifen
in vier Gruppen und das Abspielen dieser Komposition in der
Reihenfolge der Zusammenstellung ermöglicht.
1
- 2
- 3
>
4