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Die Erfahrbarkeiten hyperfiktionaler Lektüren
  Christian Bachmann
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Springen wir wieder vorwärts zu den Hyperlinks: Für eine Erzählung wirken die Hyperlinks wie Schnittstellen zwischen den individuell zu arrangierenden Textblöcken, den Textumfeldern. Es sind Punkte, an welchen die eine Lektüre endet und eine neue beginnt. Die Stringenz der Erzählstruktur, die ein Autor angelegt hat, muss nun irgendwie gewährleisten, dass diese Schnittstellen nachvollziehbar und plausibel gewählt sind. Mit anderen Worten, es geht hierbei um den narrativen Spannungsbogen. Hilmar Schmundt kritisiert den Spannungsbogen einer Hyper-Lektüre als unverzichtbares Mittel für die Plausibilität einer narrativen Struktur. [4] Diesbezüglich wächst die Lektüre einer Hyperfiktion vermutlich eher assoziativ als konstruiert, aber an neuralgischen Stellen ihrer semantischen Verdichtung. Letztendlich funktioniert dieser Hyper-Mechanismus über kleinere und kleinste Linkstellen also am ehesten als (über)ambitionierter Versuch, komplexe, während des Lesens aufgebaute Erwartungshaltungen durch eine Reduktion auf selbst sehr vieldeutige Einzelausdrücke zu zwingen. Dies mag einer der Gründe sein, weshalb einige Online-Texte ihre Leserschaft zu fesseln vermögen und andere nicht.

Es geht in Hyperfiktionen aber letzten Endes nicht darum, zu wissen, ob gewisse Hyperlinks „korrekter“ sind als andere. Wenn also alle Hyperlinks formal gleichwertig sind, müssen es andere Kriterien sein, die einen Leser dazu bewegen, sich für einen bestimmten Link zu entscheiden: Die Text-Territorien [5] innerhalb der Hyperfiktion, welche die Hyperlinks beinhalten, werden von der Leserschaft erstellt und erhalten hierbei eine entsprechende höhrere Aufmerksamkeit. Es könnte durchaus plausibel erscheinen, Text-Territorien als erweiterten Fokus auf eine Linkstelle zu betrachten, also ein näheres oder weiteres Text-Umfeld auf diese Stelle der defizitären Verdichtung in die Betrachtung mit einzubeziehen. Ein Hyperlink wird in der Folge noch zum ausführenden, richtungbestimmenden Teil innerhalb des Text-Territoriums.


Text-Territorien stehen nicht für sich allein, sondern sie beeinflussen wiederum andere, benachbarte Textbereiche. Für eine Hyperfiktion bedeutet dies, dass sich die Konsistenz ihrer Lektüre aufgrund der Verschiebung von Schwerpunkten mittels sich verlagernder Verbindungs- oder Bedeutungslinien in Bewegung hält. In Bewegung deshalb, weil durch die ständige Neuanordnung von Links (durch das Verbindungen-Machen, das Neuarrangieren von Text-Teilen) die Kräfteverhältnisse der sich immer neu formierenden Text-Territorien zueinander verändert werden. Der Erzähltext wird in seiner Erfahrbarkeit zum Rhizom.

Für die Lektüre einer Hyperfiktion bedeutet dies, dass sich für den Leser die Ausgangslage der Erzählung mit jeder neuen Entscheidung für einen Hyperlink ändern kann. Dabei ist es offenbar wichtig, wie der Leser die Position der Linkstelle innerhalb eines Erzähltextes, innerhalb seines eigendefinierten Text-Territoriums qualitativ auf seinen Inhalt interpretiert, da er annehmen muss, dass sich der Folgetext auktorial vermutlich in irgendeiner Weise auf dieses Textumfeld und seine Linkstelle beziehen wird (natürlich nur, wenn den Leser dieser Umstand interessiert). Jedoch ist die Grösse, beziehungsweise die Kraft eines solchen Umfelds nicht vom Autor definiert, sondern lediglich der Hyperlink, also die Absprungstelle selbst. Die Definition von Text-Territorien im Sinne Deleuze/Guattaris also liefert einzig der Leser. Die Entscheidung für einen Hyperlink gegenüber einem anderen ist folglich abhängig davon, welches Textumfeld der Leser innerhalb 'seines Textes' mit einem unmittelbaren Hyperlink assoziiert.

Textstellen, auf welche ein Leser von Hyperfiktionen unter Umständen wiederholt zurückgeführt wird, nimmt er als 'Knotenpunkte' in der Erzählung wahr. Er wird deshalb wohl nicht noch einmal denjenigen Link wählen, der ihn in der Folge wieder auf die aktuelle Textstelle geholt hat, sondern einen neuen Pfad wählen, und dadurch interpretiert er die eben gelesene Sequenz als eine Schlaufe in der Erzählung. Solche Knotenpunkte können die Wichtigkeit einer Textstelle – und seiner Verzweigungsoptionen – als Dreh- und Angelpunkt in der Erzählung implizit resp. explorativ verdeutlichen.

Eingang Strasse: Das Wachstum einer Hyperfiktion entscheidet sich an den Stellen der Verzweigungen im Text; der Leser entscheidet individuell über deren Relevanz in seiner eigenen Lektüre. Ende der Strasse.


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