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Erfahr- und Erlesbarkeiten
Die Erfahrbarkeit von Hyperfiktionen als Erzählstrukturen ist definiert abhängig vom Umgang mit elektronischem Text. Die Lektüre einer Hyperfiktion unterscheidet sich von anderen Hypertextkonzepten, weil sie ein narratives Element, also eine zu erarbeitende Struktur von Sinnzusammenhängen ständig mit sich führt. Die Lektüre ist also, als Effekt des Lesens, ein Gebilde, welches sich der Leser aufgrund der Texte zusammengestellt hat. So weit, nichts Neues unter der Sonne. Allerdings unterscheiden sich die Lektüren von Hyperfiktionen und Hypertexten durch den unterschiedlichen Anspruch an eine narrative Entwicklung. Diese Feststellung verdeutlicht die Wichtigkeit von Zusammenhängen, von Stringenz und Kontinuität in erzählenden Strukturen. In Hyperfiktionen ist die Erschliessung der Lektüre eng an das Textkorpus, aber auch umgekehrt, die Erschliessung von Textkorpi eng an die Aktionen der Leser gebunden, die aus der Lektüre heraus, unterschiedliche Intentionen an den Text heranbringen. So entsteht in Hyperfiktionen eine Wechselwirkung aus sich gegenseitig beeinflussenden Mechanismen, welche ständig zwischen den Ebenen technischer, syntaktischer Zusammenhänge und rezeptiver Impulse oder Affekte wirken.
Um die Wirkung dieser Impulse in hyperfiktionalen Lektüren zu unterstreichen, möchte ich auf ein paar allgemeine Merkmale bezüglich Funktionen und Wirkungen des Lesens aufzeigen, weil diese in der Analyse fiktionaler Erzählstrukturen elektronischer Textwelten ebenso zentral sind. Der moderne Begriff der Lektüre ist rezeptionstheoretisch geprägt und ein zwingender Faktor für die mitunter komplexen Zusammenhänge um das Verständnis eines Erzähltextes.
Lesen als Produkt von Aktivitäten
Der rezeptionsästhetische Begriff des Lesens ist geprägt vom unbedingten Einbezug des Lesers in den Prozess die Text-Erschliessung. Diese Auffassung von Lektüre ist folglich als Bedeutungsvorgang, als Erarbeitungsprozess von Information zu verstehen.
Roland Barthes definiert in seiner Unterscheidung der Begriffe des Schreibbaren und des Lesbaren die heutige Betrachtungsweise des Begriffs Lektüre wie folgt:
Was die Bewertung des Textes findet, ist ein Wert: das was heute geschrieben (neu geschrieben) werden kann: das Schreibbare. Warum ist das Schreibbare unser Wert? Weil es das Vorhaben der literarischen Arbeit (der Literatur als Arbeit) ist, aus dem Leser nicht mehr einen Konsumenten, sondern einen Textproduzenten zu machen. Unsere Literatur ist von der gnadenlosen Trennung gezeichnet, die die literarische Institution zwischen dem Hersteller und dem Verbraucher des Textes, seinem Besitzer und seinem Käufer, seinem Autor und seinem Leser aufrechterhält. Ein solcher Leser ist in einem Nichtstun versunken, in einer Undurchdringbarkeit, kurz, in einer Art Seriosität: anstatt selber zu spielen und den Zauber des Signifikanten, die Wollust des Schreibens ganz wahrzunehmen, bleibt ihm als Anteil nur die armselige Freiheit, den Text entweder anzunehmen oder ihn zu verwerfen: die Lektüre ist nichts weiter als ein Referendum. Als Gegenüber des schreibbaren Textes etabliert sich also sein negativer, reaktiver Wert, sein Gegenwert: das was gelesen, aber nicht geschrieben werden kann: das Lesbare. Jeden lesbaren Text nennen wir einen klassischen Text. [6]
Der Schreibprozess ist dem gerade geschriebenen Text unmittelbar äquivalent: Der schreibbare Text, das sind wir beim Schreiben, und die Distanz dazu entsteht erst, wenn irgendein singuläres System (Ideologie, Gattung, Kritik) [7] auftaucht, das diese Unmittelbarkeit auf einer abstrakten Ebene zurückstuft. Barthes merkt hierbei an, dass einen Text zu interpretieren nicht bedeuten kann, [
] ihm einen (mehr oder weniger begründeten, mehr oder weniger freien) Sinn [zu] geben, [
] vielmehr ab[zu]schätzen, aus welchem Pluralem er gebildet ist[8]. Das von Barthes angesprochene Plurale entspricht sehr genau der Definition von verschiedenen Graden und Zusammensetzungen von Intensitäten bei Deleuze/Guattari, welche sich formal nicht zuletzt auch in der Indeterminiertheit, in der Konvention zeigt, mit Begriffen, als komprimierten Formen eines sprachlichen Vielfachen, bewusst 'logistische' Mängel in Kauf zu nehmen.
Lesen als Formgebungsprozess
Die Form eines Textes resultiert immer aus der Abstraktion durch die konventionierte Sprache, sie ist die Voraussetzung für den Formgebungsprozess. Georg Lukács sieht in der Abstraktion der komplexen realen Welt des Autors und dem Schaffen von inneren Erzähl-Realitäten im modernen Roman den Inbegriff für individuierte, literarische Formgebungsprozesse:
[
] es ist niemals das Schaffen einer neuen Realität, sondern immer nur ein subjektives Spiegeln der bereits daseienden. [9]
Die hier zum Ausdruck gebrachte Abstrahierung der komplexen Welt in einen kodierten, transportierbaren Zustand der Sprache wird also zu einer Voraussetzung, zu erzählen, respektive das Erlebte (gedanklich oder real) zu ordnen und in eine Form zu bringen. Dadurch wird deutlich, dass die Ausbildung der Form bereits einen bestimmten Rahmen absteckt, also die Definition von Grenzen ein Teil jeder Formgebung sein muss. Mit der Form im Rahmen der sprachlichen Konventionen werden Texte positioniert, verankert und legitimiert.
Nietzsche bezeichnet in seinem Aufsatz Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne die Konvention der Worte als ein Gleichsetzen des Nicht-Gleichen. [
] Das Übersehen des Individuellen und Wirklichen giebt uns den Begriff, wie es uns auch die Form giebt, wohingegen die Natur keine Formen und Begriffe, also auch keine Gattungen kennt, sondern nur ein für uns unzugängliches und undefinierbares X[10]. Indem die Sprache aus lauter konventionierten Begriffen besteht, wird der individuelle Charakter einer 'eigenen Sprache' zugunsten eines schematischen Rasters von Kategorienbildung eingebüsst. Die Welt ist nicht anders fasslich, es sei denn als eine Summe von menschlichen Relationen [11]. Die Worte und Sätze der Sprache sind nichts anderes als die konventionierten Formen menschlicher Relationen zu den Dingen. Die Sprache definiert Nietzsche als ein dicht miteinander verwobenes Netz von Kompositionen, Metaphernbildungen, Metonymien und Analogien, und im Umgang damit sieht er die wohl begrenzten, aber schöpferischen Möglichkeiten menschlichen Schaffens selbst.
Eine Lektüre ist also auf ihrer zeitlichen und räumlichen Achse des literarischen Schaffens auch nicht fixiert, sondern ständigen Wandeln unterzogen, eine Rezipientenschaft durch die Verwendung von Metaphern immer wieder neu zu fesseln. In der Konvention und wesensbestimmenden Bindung an seine Rezipienten ist die Sprache spätestens seit Nietzsche eng mit dem Begriff der Form verbunden. Die Form wird somit zum Ausdruck der unmittelbar linearen Gesetze der Verschriftlichung.
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