Wolfgang Iser beschreibt die Verarbeitung von Informationen beim Lesen wie folgt:
Im Gelesenwerden geschieht die für jedes literarische Werk zentrale Interaktion zwischen seiner Struktur und seinem Empfänger. [
] Der Text als solcher hält nur verschiedene schematisierte Ansichten parat, durch die der Gegenstand des Werks hervorgebracht werden kann, während das eigentliche Hervorbringen zu einem Akt der Konkretisation wird.
[
] In literarischen Werken [
] geschieht eine Interaktion, in deren Verlauf der Leser den Sinn des Textes dadurch 'empfängt', dass er ihn konstituiert. [12]
Text als Territorium besitzt also ein bestimmtes Umfeld, das durch die Konsistenz seine Position markiert und für einen kurzen Moment festhält. Dieses Text-Umfeld könnte man auch als temporäre Konstellation eines Kräftverhältnisses von Verbindungen bezüglich einer Textstelle bezeichnen. Iser hat das 'Empfangen' eines Sinnes durch den Leser in Anführungszeichen gesetzt, weil eben durchaus nicht determiniert ist, woher der Leser diesen Sinn denn eigentlich zu beziehen hat. Vielmehr ist diese Sinngenerierung eine Mischung aus der Intention des Autors und der Konkretisation des Lesers. Hierin wird bereits deutlich, dass es einem Autor unmöglich sein kann, alle seine konkreten Leser kennen zu wollen.
Terry Eagleton beschreibt den Lesevorgang als eine nicht-lineare Bewegung:
Lesen ist keine lineare Vorwärtsbewegung, kein rein additiver Vorgang: unsere anfänglichen Erwartungen erzeugen einen Referenzrahmen, innerhalb dessen alles Nachfolgende interpretiert wird, aber das jeweils Folgende kann unser ursprüngliches Verständnis rückwirkend verändern [
] Wir lesen gleichzeitig rückwärts und vorwärts [
] auf vielen Ebenen gleichzeitig [
] [13]
Um mit Eagleton und Deleuze/Guattari gleichzeitig zu sprechen: Die Territorien können also auf formalen und zeitlichen Achsen liegen und einander dennoch beeinflussen: Das Gelesene generiert eine Erwartungshaltung, die sich aufgrund der unmittelbaren Assoziation und deren Rückkoppelung auf das Leserwissen gebildet hat. Diese Erwartungshaltung aber hat sich ebenso in Bezug auf den Autor und seine möglichen Intentionen durch die Lektüre entwickelt. Dies bedeutet, dass während der Lektüre sehr wohl Intensitäten auf den Leser treffen oder diese durch ihn aktiviert werden, gleichzeitig werden diese aber geordnet, hierarchisiert und positioniert; sie setzen sich auf einer Erwartungsebene des Lesers fest und verändern diese kontinuierlich.
Ein Text-Territorium bezeichnet immer eine 'Abstraktionszone', denn eine Positionierung von Text (im Kontext des Lesers) ist immer eine doppelte Form der Abstrahierung: Ein erster Abstrahierungsschritt entsteht beim Autor in der Produktion von Text durch eine für den Autor bestimmende, individuelle Form der Umsetzung seiner Gedanken oder Ideen (Verschriftlichung), die dem Leser primär als lesbarer Text zur Verfügung steht. Der zweite Schritt der Abstrahierung geschieht in der Decodierung von solchen Autor-Texten, also in der Transformation von Informationen eines gelesenen Textes (der bereits selbst Kontext ist) in den eigenen Kontext des individuellen Lesers.
Abschliessend lässt sich sagen, dass es in der Lektüre von Hyperfiktionen deshalb wichtig ist, Text-Territorien individuell zu definieren, weil jede Passage einen ganz individuellen Raum in der Erzählung und im Verständnis des Lesers für die Erzählung einnimmt. Das Definieren von Text-Territorien entspricht der Ausweitung des Link-Fokus und zeigt, dass die wichtigen Faktoren der Narrativität ganz und gar nicht auf der systemischen Seite liegen müssen, und dass der Ausgestaltung von Erzählräumen nicht durch allzu vereinfachte Link-Strukturen beizukommen ist. Ebenso möchte ich aber betonen, dass Hyperfiktionen stark durch ihre Formgebungsebene beeinflusst werden, weil genau diese Prozesse der Zusammensetzung mit all ihren Unbestimmbarkeiten nun mal ein Teil des künstlerischen Motors bei solchen Online-Texten sind und sein werden. Die Art dieser transversalen Arbeit eines Hyper-Lesers während der Lektüre können bei gedruckten, fixierten Texten ausschliesslich auf einer dem Medium äusserlichen Ebene, ausserhalb der Form von Text entstehen. Bei Hyperfiktionen auch innerhalb. Sei es aus Versehen oder Programm.