Internet-Epidemien
breiten sich meist mit der Morgensonne aus und reisen um den
Erdball wie eine rabenschwarze Aurora. Als in den USA die
Büroangestellten ihre Rechner starteten, fanden viele
von ihnen den Kurnikowa-Wurm in ihrem Mailkonto - und traten
dann eine Lawine sinnloser Massenmails los, die weltweit die
Firmennetze überfluteten und einige E-Mail-Server lahm
legten. Der Schaden betrug nach Schätzungen des FBI
allein bei 55 gemeldeten Opfern über 160 000 Dollar.
Einen genauen Beleg lieferten die Ermittler dafür
nicht. Sie verließen sich auf die vagen und
möglicherweise übertriebenen Angaben der
Geschädigten. Vieles beruht beim Thema
Computerschädlinge auf Hörensagen. Der Topos des
Datenterrors ist einer der mythischen Orte der
Informationsgesellschaft, ein wahres
Horrormärchenland.
Das
Märchen vom finalen Killervirus
Es wird einmal, vielleicht
schon morgen früh am Bürorechner, zur großen
Entscheidungs-Schlacht kommen zwischen den Mächten der
Finsternis und den Kräften des Lichts. So will es das
Märchen vom finalen Killervirus. Die Rolle des
Bösen übernehmen in diesem Moralstück die
Virenprogrammierer, namenlose Heerscharen von hochbegabten
"Darkside-Hackern", die in schwarzen Messen der
Programmierkunst digitale Monstren erschaffen. Ihre
Pseudonyme erinnern an die Bösewichter in
Fantasy-Comics: "Dark Avenger", "Dark Angel", "Rigor Mortis"
oder "Nowhere Man". Ihre Symbole sind düster und
stammen aus der Welt der andernorts längst
ausgestorbenen Deathmetal-Szene: Totenköpfe, tropfende
Blutzspritzen, Giftzeichen. Ihre unheilbringenden Armeen
sind tot und lebendig zugleich: Ketten aus Nullen und
Einsen, die wie Zombies zum Leben erwachen, wenn sie das
Signal zum Angriff erhalten. Oder wie Frankensteins Monster,
hinter dem, so will es schon die Romanvorlage von 1818, eben
ein hochbegabtes, aber moralisch unterentwickeltes Genie
steht. Virenprogramme vermehren sich wie elektronische
Lebewesen, das macht ihre Magie aus. Virenprogramme brechen
in den geregelten Büroalltag ein wie ein böser
Spuk. Sie toben durch die kollektive Fantasie wie
Poltergeister - die Rache des Unterbewussten an den
Weltbeherrschungsfantasien, die sich um die
Effizienzmaschine Computer ranken. Ein falscher Klick
genügt, schon ist die Arbeit von Monaten vernichtet und
der teure Hightechrechner ist nur noch ein Haufen
Sondermüll.
Dies Schauermärchen
gehört zum Genre der Weltuntergangsfantasie. Mal
angenommen, ein Amazonas-Indianer würde als Ethnologe
die Informationsgesellschaft erforschen: Er würde im
Mythenkranz vom Killervirus, der bei den Stämmen der
Dotcom und der Digerati kursiert, unweigerlich das Wilde
Denken seiner Heimat wiedererkennen.
Jahrelang zählten
Computerviren zum Geheimwissen weniger Eingeweihter. Doch im
ersten Frühling des neuen Jahrtausends verbreitete sich
das Hightechmärchen vom Killervirus in Form eins
vergifteten Liebesbriefs bis in die entlegensten Teile der
vernetzten Weltbewölkerung. "I love you" stand in der
Betreffzeile der E-Mail, die sich von den Philippinen
über Hongkong nach Europa und Amerika verbreitete, ein
"Teufelsding" aus der "Neuen Unterwelt", eine "@-Bombe", die
sich mit Hilfe des Microsoft-Programms Outlook ihre Opfer
suchte. Durch die Flut von E-Mails wurden etliche
Firmennetze überlastet, auch die von Ford und Siemens
und angeblich 80 Prozent der amerikanischen
Regierungsbehörden. Die Mittelbayrische Zeitung musste
als Notausgabe erscheinen und etliche Geldautomaten spielten
verrückt. Der Schaden wurde auf 10 Milliarden Euro
geschätzt. Und alles nur durch die vage Verlockung,
einen Liebesbrief lesen zu dürfen.
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Language is a
Virus (William S. Burroughs)
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Doch wo das Bedrohliche
wuchert, wächst das Rettende auch, das ist die
kathartische Grundaussage dieses Moralstücks, das jeden
PC zu einer potenziellen Bühne für tragische
Datenverluste und dramatische Rettungsversuche macht. Den
bösartigen Doktor-Frankensteins steht eine Allianz aus
Göttern in Weiß gegenüber. Tag und Nacht
wachen die brillanten PC-Doktoren mit vertrauenerweckenden
Namen wie "Dr. Solomon" oder "PC-Doctor" über die
Unversehrtheit ihrer zahlenden Kunden und wehren den
Bannfluch der Bösewichter mit ihren "Gegenmitteln"
("antidotes") ab. Ihr Vokabular ist der Medizin entliehen,
sie "impfen" mit "digitalen Immunsystemen" und
"Gegenmitteln" gegen die tödlichen "Infektionen". John
McAfee, Gründer der gleichnamigen AV-Firma, lässt
sich bisweilen sogar gerne mit Stethoskop ablichten. Die
PC-Doktoren sind, so will es das
Hightech-Gruselmärchen, mindestens genauso genial wie
die Heerscharen der Nacht, sie kennen alle Tricks und Kniffe
der finsteren Mächte und warnen die Öffentlichkeit
ständig und inständig davor, den Versuchungen zu
erliegen, die in Form von Kurnikowa-Fotos und Liebesbriefen
im Netz unterwegs sind.
Die Antivirenindustrie lebt
sehr gut von der permanenten Bedrohung aus dem Cyberspace.
Als das Liebesvirus durchs Internet geisterte, schnellte der
Kurs des Antivirenherstellers McAfee um vierzig Prozent in
die Höhe. Gräuelmärchen sind bares Geld wert.
Daher wird die Branche nicht müde, sich als moralische
Instanz zu inszenieren. Penetrant wie puritanische Prediger
warnen die Virendoktoren vor der Verunreinigung der
Datennetze durch die "Teufelsdinger". So kämpfen die
bösen Virengenies und die guten Antivirendoktoren um
die wankelmütige Seele des überforderten
Märchenhelden namens Ich. Soweit das
Horrormärchen.
Doch wer steckt wirklich
hinter den apokalyptischen Teufelsdingern, die den
Computeralltag zur Hölle zu machen drohen? Der Mythos
vom bösen Virengenie hat einen wahren Kern, der weitaus
spannender ist als die folkloristische Fiktion.
Der
Zauberlehrling oder die Geburt der Viren aus dem Geist der
Effizienz
Das furchterregende Genie,
das hinter Computerviren steckt, heißt Neumann. John
von Neumann, geboren 1903 in Budapest, ging 1930 von Berlin
nach Princeton in die USA. Von Neumann war einer der
begabtesten Mathematiker des 20. Jahrhunderts, der Inbegriff
des rationalen Denkers. Neben Ungarisch, Deutsch und
Englisch sprach er vor allem "Mathematisch": Alles, was er
betrachtete, wurde ihm zur Formel. Bei Partys zog er sich
manchmal in ein stilles Zimmer zurück, um ein paar
Gleichungen durchzurechnen. Das Drama der Weltwirtschaft
interpretierte er mit den Formeln seiner "Spieltheorie". Die
Welt galt ihm grundsätzlich als berechenbar. Für
die Hiroshishimabombe berechnete er, wie sie am meisten
Schaden anrichten würde. Derlei Gleichungen erforderten
leistungsstarke Computer, doch die existierenden Maschinen
kamen von Neumann furchtbar unpraktisch vor. Eniac zum
Beispiel war ein Kantinengroßes Ungetüm, das
weniger als 400 Rechenschritte pro Sekunde schaffte -
heutige Aldi-Rechner sind millionenfach schneller. Immer,
wenn damals eine neue Formel durchgerechnet werden sollte,
musste das schwitzende Bedienungspersonal per Hand allerlei
Kabel umstöpseln. Von Neumann entwickelte eine
fundamental neue Architektur: Die Aufteilung in Hardware und
Software. 1945 stellte er diese Idee in einem "First Draft",
diesen ersten Entwurf vor. Alle nachfolgenden
Rechnergenerationen basieren auf diesem Prinzip der
sogenannten "von-Neumann-Architektur", auch Handys und
Digitalkameras.
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"Dieser Virus
funktioniert auf Vertrauensbasis. Schicken Sie
diese Botschaft an jeden, den Sie kennen, und
löschen Sie dann alle Dateien auf Ihrer
Festplatte. Vielen Dank für Ihre Mithilfe."
(Honor System Virus)
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Rechner waren für von
Neumann ein Abbild des menschlichen Gehirns, die den
"Neuronen im menschlichen Nervensystem" entsprechen, Ein-
und Ausgabeschnittstellen beschrieb er als "Organe". Durch
seine Trennung von Software und Hardware wurden die
Programme frei wie Gedanken, um von einem Elektronenhirn auf
ein anderes übertragen zu werden. Das bedeutete eine
riesige Arbeitsersparnis.
In diesem Traum von
unbegrenzter Effizienz schlummert auch der Kern des
Alptraums vom Killervirus, der das Siliziumhirn in den
Wahnsinn treibt. Die Effizienz der Elektronenhirne
ließe sich sogar noch steigern, wenn "künstliche
komplexe Automaten" in der Lage wären, sich selbst
fortzupflanzen, so spekulierte von Neumann schon 1949. Mit
diesem Prinzip der "Selbstvervielfältigung" hatte von
Neumann den Computervirus erfunden - zumindest als
theoretische Möglichkeit. Angeblich sollten sich diese
"komplizierten Automaten" wie biologische Organismen
verhalten. Lebewesen wie Tiere, Bakterien oder Menschen
beschrieb von Neumann in derselben Diktion als
"natürliche komplizierte Automaten". In dieser Welt der
Abstraktion fühlt sich der Programmierer als
Schöpfer von künstlichem Leben. Der Mensch
erschafft den Virus nach seinem Bilde.
Gedacht, getan. Bald wurde
den digitalen Abziehbildern des Menschen digitales Leben
eingehaucht - zunächst hinter den verschlossenen
Türen von Elfenbeintürmen. In den Sechziger Jahren
spielten Entwickler an den weltberühmten Bell Labs
"Core Wars", indem sie kleine Digitalschädlinge auf den
Kern des gegnerischen Rechners losließen, um die
Kontrolle über das Gerät zu erlangen. Ein anderes
Spiel nannte sich "Game of Life". Die Maschine erwacht zum
Leben - das ist Stoff, wie gemacht für Romanautoren.
Der Sciencefiction-Schreiber John Brunner spann 1975 in
seinem Roman "The Shockwave Rider" die Evolution der
Digitalorganismen fort. In seinem Szenario frisst sich ein
unsterblicher digitaler "Bandwurm" als "Nemesis" durch die
Datenbestände einer Orwell-ähnlichen
totalitären Gesellschaft und befreit Daten und
Menschen. Fortan nannten die Akademiker Programme, die sich
nicht nur selbst kopieren, sondern sich obendrein noch von
alleine von Maschine zu Maschine bewegen "Wurm".
Würmer galten
zunächst als domestizierte Arbeitstiere. 1982 stand
zwei Forschern am renommierten Xerox Research Center in Palo
Alto eine ebenso mühsame wie langweilige Arbeit bevor:
Sie mussten eine neue Software auf allen 100 Rechnern ihres
Netzwerkes installieren. John Shoch und Jon Hupp
ließen sich von der Romanfantasie inspirieren,
bepackten einen "Wurm" mit dem Programm und schickten ihn
auf die Reise durchs Netz, damit er für sie die
Installation verrichten würde. Es ist eine alte
Geschichte, doch bleibt sie ewig neu: den beiden erging es
wie dem faulen Zauberlehrling in Goethes gleichnamigen
Gedicht, der seine automatischen Besen losschickt zum
Wasserholen, aber die Kontrolle über die dienstbaren
Geister verliert.
Der Xeroxwurm pflanzte sich
zwar fleißig von Rechner zu Rechner fort. Aber sobald
er sich eingenistet hatte, brachte er das jeweilige
Gerät zum Absturz. Die beiden Forscher bezogen sich
allerdings auf eine neuere Variante des
Zauberlehrling-Themas und zitieren in einem Fachaufsatz im
renommierten Magazin Communications of the ACM
ausführlich aus dem Sciencefiction-Roman "The Shockwave
Rider". Der Wurm hatte nicht nur Rechner, sondern auch ihre
Fantasie angesteckt: "An diesem Punkt möchte man sich
eine Szene vorstellen, die direkt aus John Brunners Roman
stammen könnte", schreiben sie. "Mitarbeiter, die durch
das Gebäude rennen und vergeblich versuchen, den Wurm
zu fangen und zu stoppen, bevor er weiterwandert." Fazit:
"Leider war das peinliche Resultat für alle klar
sichtbar: 100 tote Maschinen über das gesamte
Gebäude verteilt."
Verirrt
im eigenen Gruselmärchen: Die Höllenfahrt des
Doktor Joseph Popp
Fast schien es, als
hätten die Geister, die von Neumann im Namen der
Effizienz und Rationalisierung gerufen hatte,
tatsächlich eine Art Eigenleben entwickelt. Die
Ähnlichkeit mit biologischen Erregern wurde
unübersehbar. 1986 gab der amerikanische Informatiker
Fred Cohen den schwer zu bändigenden Hilfsprogrammen in
seiner Doktorarbeit ihren Namen und die noch heute
gültige Definition: "Ein Computervirus ist ein
Programm, das andere infizieren und verändern kann, um
ihm Versionen von sich selbst, die auch verändert sein
können, hinzuzufügen." Damit waren alle Zutaten
für das Gräuelmärchen beisammen: Neunmalkluge
Doktoren, die hinter den verschlossenen Türen ihrer
Labors künstliche Lebewesen erschaffen, die sich jedoch
gegen sie wenden und in einem wütenden
Vernichtungsfeldzug die Welt terrorisieren.
Schnell mutierten die Viren
von rein akademischen Gedankenspielen zu kleinkriminellen
Tatwaffen. Der "Brain"- oder "Pakistani-Virus" verbreitete
sich um das Jahr 1986 herum auf möglicherweise
über 100 000 Disketten weltweit. Damals waren Disketten
mit raubkopierter Software ein beliebtes Mitbringsel aus
Drittweltstaaten. Zwei pakistanische Brüder, die in
Lahore ein blühendes Raubkopiergeschäft betrieben,
waren angeblich einfach neugierig, den Weg ihrer Konterbande
über die Welt zu verfolgen, und setzten daher den
neuartigen Virus aus als eine Form der automatisierten
Marktforschung. Sie hinterließen sogar ihre
Telefonnumer im Virencode.
Doch der eigentliche Markt,
das stellte sich schnell heraus, lag woanders: nicht im
Konsum, sondern im Terror. Besonders aufsehenerregend war
die Erpressungskampagne eines Programmierers namens Dr.
Joseph Popp, der 1989 vom amerikanischen Cleveland aus 20
000 Disketten mit dem "Aids-Virus" per Post an
Computernutzer in Europa verschickte. Die Diskette versprach
Informationen zum Thema Aids, aber sobald das Programm lief,
verschlüsselte es alle Dateien auf dem Rechner des
Opfers und forderte dazu auf, 200 Dollar auf ein Konto in
Panama zu überweisen, um den Code zur Freischaltung der
eigenen Daten zu erhalten. Doch am Tag, als die ersten
Disketten ihre Opfer erreichten, marschierte zufällig
ein Großaufgebot der US-Armee in Panama ein und das
Computer-Kidnapping floppte. Dr. Popp wurde nach England
ausgeliefert. Die Idiotie, die ihn vor den Kadi gebracht
hatte, rettete ihn auch. Der Prozess wurde zur Farce und
endete ohne Gefängnisstrafe, weil Dr. Popp
überzeugend den globalen Dorfdepp mimte und sich bei
Gerichtsterminen einen Pappkarton über den Kopf
zog.
Derlei grober Unfug, die
"Popp"-Kultur sozusagen, zog immer weitere Kreise, die
Koevolution von Elektronenhirnen und Elektronenviren vollzog
sich mit rasanten Sprüngen. Und stolperte dabei immer
wieder über die eigene Wichtigtuerei. In dutzenden von
privaten Mailboxsystemen tauschten Anfang der Neunziger
Computerfreaks ihre digitalen Schädlinge aus.
Virenschreiber heucheln gern akademisches Interesse vor, um
sich vor den Ermittlungsbehörden zu schützen. Sie
alle haben eines gemeinsam: Sie sind männlich, zwischen
12 und 30 und arg pubertär. Den Plural von Virus nennen
sie "Virii", was wohl Intelligenz vortäuschen soll.
Paskell Paris zum Beispiel, ein Krankenpfleger aus Oklahoma,
nannte seine Viren-Mailbox wahlweise ganz seriös "The
Oklahoma Institute of Virus Research", in der Szene dagegen
firmierte sein digitaler Giftschrank als "The Vortex" - der
Strudel. "Es gibt viele Wege, Gottgleichheit zu erlangen",
versprach der Krankenpfleger in seinem Forum, "wenn du es
schaffst, die falschen weltlichen Hemmungen von Ethik und
Moral hinter dir zu lassen... etwas zu erschaffen ist immer
nett, aber die wahre Macht liegt in der Kraft, zu
zerstören." Virenschreiber imaginieren ihre Rechner als
Transportmittel ins eigene Herz der Finsternis - und landen
dabei meist doch nur wie Dr. Joseph Popp im Innern eines
Pappkartons, einer Black Box, aus der ihre
Beschwörungen hohl hervortönen.
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Prinzipiell
müssen wir uns damit abfinden, dass wir das
Problem nicht in den Griff bekommen. Man kann
sich allerdings an gewisse Grundsätze
halten, was die Disziplin im Umgang mit
sensiblen Daten angeht. (Werner Paul. Spezialist
für Computerviren und
Computerkriminalität im Münchener
Landeskriminalamt)
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Die Virenschreiber bilden
eine Erzählgemeinschaft, deren wichtigste
Kommunikationsform die "Kommentarzeilen" sind, die sich
inmitten des Virencodes befinden. Normalerweise sollen
Kommentarzeilen erläutern, was ein bestimmter
Programmabschnitt tut. Virenschreiber dagegen verwenden
Kommentarzeilen als Flaschenpost, die fast immer von ihren
drei Lieblingsthemen handelt: Ich, ich und nochmals ich. Im
zerstörerischen "I-Love-You"-Virus zum Beispiel fand
sich das rührende Gestammel: "I hate go school" und
"Manila". Tatsächlich kam der Schreiber Onel de Guzman
aus der philippinischen Hauptstadt. Sein vermeintlicher
Mittäter setzte in eines seiner Frühwerke mal die
Drohung ein, einen noch viel gefährlicheren Virus
auszusetzen, "wenn ich bis Ende des Monats nicht einen
festen Job habe". In einem anderen Virus durften
Schriftkkundige folgende altkluge Konfirmandenweisheit
zwischen den Zeilen lesen, verfasst in holprigem Englisch:
"Watch your thoughts, it becomes word/ Watch your words, it
becomes actions/ Watch your actions, it becomes your habit/
Watch your habit, it becomes your character/ Watch your
character, it becomes your Destiny". Amen. Gerne und
ausführlich wird in Zeitungsmeldungen darüber
spekuliert, was diese Digitalgraffiti zu bedeuten haben. Und
häufig lässt die Prahlerei im Programmcode ihren
Autoren tatsächlich poetische Gerechtigkeit widerfahren
- oft führen verräterische Hinweise zur Ergreifung
der Täter.
Der Virenschreiber von heute
zehrt zwar vom Mythos des großen John von Neumann,
ähnelt selber aber eher seinem Namensvetter Alfred E.
Neumann, der Karikatur eines kindischen Kotzbrockens im
Comicheft "Mad." Deshalb verhalten sich manche Virenforscher
auch eher wie Sozialarbeiter, die Problemkids bemuttern.
Sarah Gordon ist so eine Virenmutti - der einzige weibliche
Star der globalen Popp-Kultur. Gordon, die durch ihren
sozialpsychologischen Aufsatz "The Generic Virus Writer"
bekannt geworden ist, war früher tatsächlich
Sozialarbeiterin. Heute ist sie angeblich täglich 10
bis 12 Stunden online, um sich in Virenchats herumzutreiben
und mit den Kids zu plaudern. Den typischen, "generischen"
Virenschreiber gebe es nicht, sagt sie. Doch alle haben
eines gemeinsam: sie genießen die Aufmerksamkeit. An
dieser Profilneurose könnte eine neue, ganzheitliche
Virentherapie ansetzen, sagt Gordon sinngemäß.
Das Image der Virenschreiber müsste von "cool" zu
"uncool" umgeformt werden. Das sei nicht schwer, so die
virtuelle Sozialarbeiterin weiter, denn Virenschreiben
erfordere keine besonderen Fähigkeiten. "Virenschreiber
sind nicht zufällig ganz unten in der Hackordnung der
Hacker- und Cracker-Subkultur", so Gordon. Wie Recht sie mit
ihrer respektlosen Einschätzung hat, zeigt schon ein
flüchtiger Blick hinter die alberne Drohkulisse all der
größenwahnsinnigen kleinen
Möchtegern-von-Neumännlein.
Ein
Digitaldepp vor Gericht
September 2001. Der Urheber
des Kurnikowa-Wurms steht vor Gericht. Es ist das wohl erste
Mal, dass ein Virenautor angeklagt wird, der gar nicht
programmieren kann. Vierzig Beobachter und Neugierige
verfolgen den Prozess. Ein seltener Ansturm in Leeuwarden,
der Provinzhauptstadt von Friesland hoch oben im Norden der
Niederlande, wo schwerer Güllegeruch von satten
Kuhweiden herüberzieht.
Wer allerdings ein
böses Genie erwartet, wird gründlich
enttäuscht. Jan de W. ist ein kräftiger Bursche in
T-Shirt, schwarzen Jeans und Turnschuhen. Dieser Tage
feierte er seinen einundzwanzigsten Geburtstag. "Reden Sie
lauter", muss der Vorsitzende Richter ihn immer wieder
auffordern, oder auch: "Haben Sie die Frage verstanden?"
Doch der Angeklagte sitzt meist so teilnahmslos da wie ein
abgestürzter Rechner. Trotzig verschränkt er seine
Arme und ähnelt einem Bauernlümmel, der beim
Äpfelklauen erwischt worden ist. "Sie müssen jetzt
etwas antworten", erinnert ihn der Vorsitzende Richter, und
versucht, eine strenge Miene zu machen. Huldvoll
lächelt Königin Beatrix dem Angeklagten zu von
einem Bild an der Wand hinter dem Richter.
Drei Richter befinden
über den neuartigen Fall. Erstmals kommt in dem
Musterprozess ein neuer Straftatbestand zur Anwendung, der
das Verbreiten von Computerviren verbietet. Maximales
Strafmaß: vier Jahre Freiheitsentzug. Deutschland hat
keinen vergleichbaren Paragrafen. Hierzulande ist lediglich
das Ausspähen und Verändern von Daten verboten,
nicht aber ihre Verbreitung. Dennoch scheint es fast, als
sei auch die niederländische Novelle schon wieder
veraltet. Denn die Welt der digitalen Plagegeister befindet
sich im Umbruch. Selbst gewöhnliche Internet-Surfer
können ohne kriminelle Energie zu Schöpfern von
Viren und Würmern werden. Der grobe Unfug als
Straftatbestand tritt ein ins Zeitalter seiner digitalen
Reproduzierbarkeit.
W. jobbt zwar in einem
Computerladen, hat aber selbst nicht die Fähigkeiten,
eigene Programme zu schreiben. Er benutzte einfach einen
vorgefertigten Virenbausatz, den er von einer argentinischen
Internetsite heruntergeladen hatte. Der Bausatz namens "VBS
Worm Generator" ist ein winziges Programm: nur 540 Kilobyte
klein und kinderleicht zu bedienen. Mit wenigen Klicks
erstellt es für den Nutzer ein maßgeschneidertes
Virus. Geschrieben wurde der Bausatz von einem Programmierer
mit dem Pseudonym [k]alamar, angeblich ein Teenager
aus Buenos Aires. "Sie müssen zustimmen, dass
[k] keine Verantwortung übernimmt für
etwaige Schäden", schützt sich der Argentinier vor
etwaigen rechtlichen Folgen. "Dieses Programm ist nur zum
Lernen gedacht, nicht zum Verbreiten." Auch der grobe Unfug
wird ausdifferenziert in der Informationsgesellschaft und
teilt sich auf in begabte Schreibtischtäter, die
virtuelle Waffen schaffen, und Digitaldeppen, die sie aus
Neugier und Dummheit anwenden. Und sich dabei oft selbst ins
Knie schießen. Nach wie vor ist der argentinische
Wurmgenerator online, regelmäßig kommen neue
Versionen heraus. Rechtlich hat [k]alamar
tatsächlich nichts zu befürchten.
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Anteil der
Viren-infizierten E-Mails:
1999: 1 von
1400
2000: 1 von 700
2001: 1 von 300
2004: 1 von 100 (Voraussage)
2008: 1 von 10
2013: 1 von 2
2015: 3 von 4
(Vorhersage der
Antiviren-Firma Messagelabs im September
2001)
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Virenschreiben gilt als
Kavaliersdelikt. Viele Dutzend Bausätze werden kosten-
und straffrei auf Websites angeboten, unter skurrilen Namen
wie Satanic Brain Virus Tools, Instant Virus Production Kit
oder Ye Olde Funky Virus Generator. Mittlerweile beherrschen
viele Bausätze allerlei Tricks und Kniffe, die
früher zur höheren Schule des Virenschreibens
gehörten: Sie verschlüsseln sich selbst und werden
zu so genannten Tarnkappen-Viren, die von älterer
Abwehrsoftware kaum erkannt werden können. Oder sie
verändern von Generation zu Generation ihren eigenen
Code. Dadurch wird das Aufspüren dieser so genannten
polymorphen Viren ebenfalls erschwert. Das Verbreiten von
Virenbaukästen müsse gestoppt werden, fordert der
US-Sicherheitsexperte Richard Smith, "das ist so, als ob man
ein geladenes Gewehr an ein Kind verschenkt".
Über 60 000 Varianten
dieser potenziellen Waffen wurden bislang im Internet
gesichtet, Tendenz steigend. Wöchentlich kommen
Dutzende hinzu - und immer mehr werden von Laien mit
Fertig-Bausätzen zusammengeklickt. Die meisten der
Bausatzviren verstolpern sich schnell an internen
Programmierfehlern, und falls sie sich doch verbreiten, hat
Antivirensoftware ein leichtes Spiel bei der
Analyse.
Der Kurnikowa-Wurm war eher
eine Ausnahme. Er verbreitete sich rasend schnell.
Glücklicherweise war der Erreger relativ harmlos und
vernichtete keine Daten oder Hardware, sondern nur
Arbeitszeit. "Wir haben im Schnitt alle drei Monate eine
große Virusepidemie im Internet", berichtet Howard
Fuhs, ein Sicherheitsberater aus Wiesbaden. Im Netz gibt es
bereits Kalender, auf denen ähnlich wie bei einem
Wetterbericht täglich die Aktivierungstermine von
lauernden Viren vermeldet werden, oft sind es zwei bis drei
pro Tag. Derzeit werden die digitalen Nervensägen auch
allmählich in modernen Mobiltelefonen und auf
elektronischen Terminkalendern heimisch. Von Neumanns
"selbstreproduzierende Automaten" sind heute so
selbstverständlich geworden wie Regen in London. Man
richtet sich eben drauf ein und sagt sich: Es gibt kein
schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Um so
unverständlicher ist es, dass immer noch Surfer ohne
aktuelle Virenscanner unterwegs sind und sich von
Schadprogrammen überrumpeln lassen.
Angeblich wollte der Urheber
des Kurnikowa-Virenangriffs genau vor solcher Naivität
warnen. "Die Leute sind so dumm", sagte er in einem
Interview mit dem Onlinemagazin Wired.com, "Sie sind selber
Schuld, wenn sie auf Viren hereinfallen." Doch er selbst war
genauso leichtsinnig wie die Internet-Experten und -Nutzer,
denen er eine Lehre erteilen wollte. W. hatte vergessen,
seine Kurnikowa-Fanpage rechtzeitig vom Netz zu nehmen, auf
der er vom "besten Tennisstar der Welt" schwärmte,
mitsamt E-Mail-Adresse, Namen und Wohnort: "Ich heiße
Jan und wohne in Sneek (Friesland)."
Jan de W. gab weiteren
Online-Zeitschriften Interviews über seinen Virus.
Spätestens dadurch flog er auf. Bevor er festgenommen
wurde, ging er zwei Tage nach der Tat gemeinsam mit seinen
Eltern zur Polizeistation von Sneek und zeigte sich
an.
Mit diesem Geständnis
sprang die akute Virusinfektion auf Siebold Hartkamp
über, den Bürgermeister von Sneek. Spontan bot er
dem Bausatz-Lümmel einen Job an. "Solche Leute
können wir in unserer Computerabteilung gut
gebrauchen", schwärmte der Bürgermeister wie in
einem Friesenwitz, "plötzlich steht unsere Stadt auf
der digitalen Weltkarte."
Die Verhandlung um den
Bausatz-Wurm war nach nur zwei Stunden abgeschlossen. "Ich
plädiere auf Freispruch", sagte der Verteidiger.
Bösartige Software sei heute etwas ganz Normales:
"Viren sind Teil vom Internet-Game."
Die Richter gaben ihm
weitgehend Recht, als sie zwei Wochen später das Urteil
verkündeten, eine eher symbolische Strafe: 150 Stunden
gemeinnützige Arbeit sowie die Konfiszierung der CD,
auf der der Schuldige seinen Virenzoo gespeichert hatte.
Ganz so, als könnten die Richter stellvertretend
für den dusseligen Jan de W. wenigstens dessen digitale
Plagegeister dingfest machen.
Anatomie
eines Märchens: Im Netz der
Panikindustrie
Spätestens nach dem
Prozess gegen den Virenlümmel aus Friesland fällt
es schwer, an die Bedrohlichkeit genialer junger
Von-Neumännchen hinter den "Teufelsdingern" zu glauben.
Der Virenkomplex ist nicht irgendeine Randerscheinung der
Computerisierung. Der Umgang mit der Virenproblematik ist
ein Gradmesser für das Erwachsenwerden der
Wissensgesellschaft. Derzeit befinden sich alle beteiligten
Akteure tief in die Wahnwelt ihres eigenen Märchens
verstrickt: die Virenschreiber genau wie die
Antivirenindustrie, die Netzwerkbetreuer genau wie die
Medien.
Jahrzehntelang fand die
Forschung an Viren und an ihrer Abwehr sowie ein- und
denselben akademischen Labors statt. Daher haben die
Antivirenberater einen fast ebenso schlechten Ruf die
Virenschreiber selber. Die AV-Industrie sei geprägt von
"schamlosen Tricksereien, hirnlosem Geschwätz, das sich
als Vernunft tarnt, ätzender Vulgarität,
lächerlichen Kleinkriegen, schmutzigen Tricks",
schreibt George Smith, ein Netzbeschmutzer und
Sicherheitsberater aus Kalifornien, in seiner schonungslosen
Abrechnung "The Virus Creation Labs". Jahrzehntelang
ließ sich in im schmutzigen Codekrieg nicht genau
sagen, wer auf welcher Seite der Front steht. Denn ohne
Viren keine Antivirenindustrie. Virenschreiber sehen sich
oft in einem sportlichen Wettbewerb mit Virenscannern, und
fühlen sich anerkannt, wenn ihr armseliges kleines
Virus erkannt wird vom Schutzprogramm.
Virenfreunde wie Mark
Washburn schrieben sowohl Viren als auch Antivirenprogramme,
Dealer wie John Buchanan vertickten ihre teilweise selber
geschriebenen Sammlungen gegen Geld. Hackertools und
Vireninformationen tauchten sogar auf einer
öffentlichen Verwaltungs-Mailbox der
Sicherheitsberaterin einer US-Behörde auf. Ein gewisser
"Dark Angel" widmete daher seinen Virengenerator
großherzig "sowohl der Virusgemeinde wie auch der
Antivirusgemeinde, die beide davon profitieren werden..."
Wer derlei Freunde hat, braucht keine Feinde.
Um sich von ihren
Zulieferbetrieben, den Virenschreibern, zu unterscheiden,
inszenieren sich die Hersteller von Antivirensoftware
ebenfalls als Comichelden: Sie sind die Götter in
Weiß, die unermüdlich gegen den bunten
Mutantenzoo aus Viren, Würmern und Trojanischen Pferden
kämpfen.
Die Gründergeneration
der AV-Industrie rekrutierte sich oft aus schillernden
Persönlichkeiten wie John McAfee, der versucht hatte,
eine Art virtuellen Safe-Sex-Swingerclub aufzuziehen, indem
er eine Datenbank aufbaute, in der sich
Silicon-Valley-Bewohner eintragen lassen konnten, wenn sie
beim Aids-Test HIV-negativ getestet wurden. Doch das
Geschäft lief nicht so recht, und so verlegte er sich
lieber auf Digitalviren. Der Durchbruch für seine Firma
McAfee kam 1992, als alle Welt vor dem mythischen
Michelangelo-Virus erzitterte, das sich über eine
Floppydisk verbreitete. Am 6. März, dem Geburtstag des
Malers Michelangelo, würde der Virus zum Leben erwachen
und große Teile der Festplatte mit sinnlosen Daten
überschreiben. Die junge Antivirenindustrie tat alles,
um die Panik zu schüren, und fütterte die
sensationshungrige Presse mit leckeren Zitaten. Fünf
Millionen Computer waren angeblich infiziert, "Millionen von
PC könnten am Freitag abstürzen," schrieb USA
Today, und die sonst eher skeptische Washington Post warnte:
"Tödlicher Virus richtet morgen ein Chaos an."
Michelangelos Geburtstag kam und ging, doch der
Weltuntergang blieb aus. Das sei der Presse und ihren
Warnungen zu verdanken, orakelte daraufhin McAfee, die
Medien hätten eine Medaille verdient. Dabei
gehörten sie eigentlich an den Pranger.
Virenmärchen scheinen
immun zu sein gegen Widerlegungen, denn immer, wenn sie sich
als heiße Luft erweisen, wird das Ausbleiben der
Katastrophe als ihr Verdienst in die Große
Erzählung vom Kampf gegen das Böse interpretiert.
Ein alter Kniff aus der Trickkiste aller falschen Propheten.
Doch diese clevere Erzählstrategie der
Gräuelmärchenonkels hat sehr reale Auswirkungen:
McAfee verkaufte allein im Februar und März des
Michelangelo-Jahres 68 Prozent mehr Firmenlizenzen als
bisher. Seitdem gehören überzogene Kassandrarufe
zum festen Repertoire der Branche.
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Scheint so, als
würde deine Alpträume jetzt wahr.
(Anzeige des Smash-Virus, bevor er den gesamten
Inhalt der Festplatte löscht)
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Die Olympischen Winterspiele
1994 in Lillehammer zum Beispiel sollten angeblich
gefährdet sein durch den "Olympic Aids"-Virus. Nichts
passierte. Dabei hätte schon die Bekennerbotschaft
stutzig machen können, die im Code versteckt war:
"Dieser Virus wurde nur geschrieben, um Angst und Publicity
zu erzeugen." Der virale Olympiateilnehmer erreichte sein
Ziel - mit wortmächtiger Unterstützung der
Medien.
Im Juli 2001 warnte das
amerikanische National Infrastructure Protection Center
(NIPC) eindringlichst vor dem Wurm Code Red, der sich nicht
durch die Rechner der Endbenutzer schlängelte, sondern
über professionelle Server verbreitete. Das FBI riet
sogar dazu, sich während der Zeit des erwarteten
Angriffs vom Internet abzukoppeln. Daraufhin waren Websites
wie die des Pentagon waren zeitweilig gar nicht nicht zu
erreichen - eine weitaus größere
Beeinträchtigung als der Virus selbst
herbeigeführt hätte. Denn Code Red brachte das
Internet nicht zum Erliegen, wie die Hype-Industrie
prophezeit hatte. Die Kassandras lagen wieder einmal
daneben, und Insider tauften Code Red in "Code Dead" um.
Zwar wurde an dem betreffenden Termin das Netz langsamer.
Aber das lag nicht an dem Virus, sondern an einem
Kabelbrand. Ein Güterzug war in Baltimore entgleist und
hatte in einem Tunnel die Kabel von sieben großen
Internetprovidern angeschmort.
Hoaxes:
Virenprofis warnen vor Virenwarnungen
Längst kursieren
Parodien auf die lächerlichen Windei-Warnungen der
Antivirenindustrie:
"ACHTUNG!! Noch
während Sie seelenruhig diesen Artikel lesen,
könnte Ihr Rechner von einen ELEKTRONISCHEN Virus
KLEINGESCHREDDERT werden. Schicken Sie diese Mail SOFORT
an ALLE Menschen, die Sie kennen!!!"
Online-Veteranen kennen
derartig hysterische Warnungen, die immer wieder im
elektronischen Postkasten landen, häufig von
aufgeschreckten Bekannten weitergeleitet. Die Gefahren, vor
denen diese E-Mails warnen, existieren nicht. Doch bis der
Empfänger das gemerkt hat, haben die Mitteilungen ihre
Aufgabe bereits erfüllt: seine Zeit gestohlen. "Hoaxes"
heißen die Windei-Warnungen auf Neudeutsch - im
Klartext: "Verarschungen". Wichtigstes Stilelement ist der
ausgiebige Gebrauch von Ausrufungszeichen,
Großbuchstaben und pseudotechnischem
Science-Fiction-Geschwafel: "Der Prozessor wird in eine
n-komplexe, unendliche Binärschleife geschickt",
orakelt etwa die Warnung vor dem (nicht existierenden) "Good
Times"-Virus, einem stilbildenden Klassiker des Genres, der
anno 1994 für viel unnötige Aufregung sorgte.
Meist kulminieren Hoaxes in der Aufforderung, die Mail an
möglichst viele Menschen zu versenden.
In Deutschland ist seit
Jahren immer wieder der "Telefonmissbrauch"-Hoax virulent.
Er warnt Mobiltelefonierer davor, eine bestimmte Nummer
einzugeben (meist die 09 oder 90), da sonst die SIM-Karte
ausgelesen werden könnte und später die
Telefonkosten "ins Unermessliche" steigen würden. Ein
"Klingelstreich" mit Folgen: Beim Mobilfunkanbieter T-Mobile
gehen seither immer wieder besorgte Anrufe ein. "Einmal in
die Welt gesetzt, ist ein Hoax nicht mehr zu stoppen", sagt
Pressesprecher Stephan Althoff genervt. "Ein Scherz bekommt
im Internet ein Eigenleben."
Der SIM-Karten-Jokus zum
Beispiel geht schon seit Anfang 1998 um: Da grassierte er
laut Althoff in Irland. "Als man dort Entwarnung gab,
schwappte der Hoax auf den Kontinent rüber, anfangs vor
allem in die Alpenrepubliken." Im Jahr 1999 eroberte er
Deutschland, wo er immer wieder von neuem auszubrechen
scheint. "Wir haben mal drei Monate Ruhe, dann kommt er
wieder", so Althoff. Der Grund: Immer neue Handy- und
Internet-Nutzer kommen dazu und kennen das abgedroschene
Seemannsgarn der alteingesessenen Netzbürger noch
nicht. Einem Hoax auf den Leim zu gehen gleicht einer
Äquatortaufe im Meer der Daten und
Frequenzen.
Im Hoax wiederholen sich
viele wahre Begebenheiten der Virengeschichte als Farce -
und nehmen eine ganz eigene Realität an. "Unsere
Hotline hat mehr mit Hoaxes zu kämpfen als mit echten
Viren", heißt es auf der Homepage von Sophos, einem
Antivirenprogramm-Hersteller. "Obwohl es keine offiziellen
Studien darüber gibt, wird geschätzt, dass ein
Hoax mehr Schaden anrichten kann als ein echter Virus." Die
amerikanische EDV-Eingreiftruppe Computer Incident Advisory
Capability (CIAC) nennt mögliche Schäden: Der
E-Mail-Verkehr schwelle unnötig an, und der
Produktivitätsverlust sei enorm, wenn Tausende von hoch
bezahlten Büromitarbeitern auch nur eine Minute mit dem
Lesen und Löschen eines Hoaxes verbringen - was
häufig vorkommt. Wenn das von Neumann wüsste, er
würde wahrscheinlich entzückt ein paar neue
Gleichungen formulieren: Wie das Signalgewitter eines
epileptischen Anfalls jagen die Unsinnsmeldungen durchs
Zentralnervensystem des Internet - vor allem, weil viele
User schneller klicken als denken. Unzensiert huschen so
finstere Phantasmen durchs Netz. Und Spekulationen über
das Warum und Woher klingen bisweilen selbst wie
Hirngespinste: "Es gibt Gerüchte, dass die Versender
von Werbe-Mails absichtlich Hoaxes und Kettenbriefe
anzetteln, um E-Mail-Adressen zu sammeln", munkelt das CIAC
- nur um gleich einzuschränken: "Natürlich
könnte auch das wiederum ein Hoax sein."
"Hoaxes sind kein
technisches, sondern ein soziologisches Phänomen", sagt
Frank Ziemann, ein Berliner Netzwerkspezialist, der einen
kostenlosen Hoax-Newsletter an über 12 000 Abonnenten
verschickt. "Die meisten Hoaxes kommen von Kids, die zu doof
sind, echte Viren zu programmieren." Und das, man denke an
Jan de W., will schon etwas heißen.
Der Ursprung einiger Hoaxes
entpuppt sich als Aprilscherz in einer Zeitung, wie etwa die
Meldung, dass die USA noch vor dem Golfkrieg Drucker mit
manipulierten Chips in den Irak lieferten, um dort Rechner
der Flugabwehr zu infizieren. Andere Hoaxes scheinen einen
wahren Kern zu haben, der durch das Prinzip der stillen Post
immer weiter verfälscht worden ist.
Selbst harmlose Scherze wie
der "Honor System"-Hoax können verunsichern, wenn ein
Netzneuling das Humorige daran nicht gleich kapiert: "Dieser
Virus funktioniert auf Vertrauensbasis. Schicken Sie diese
Botschaft an jeden, den Sie kennen, und löschen Sie
dann alle Dateien auf Ihrer Festplatte. Vielen Dank für
Ihre Mithilfe."
Mit derlei Fantasieviren,
die sich losgelöst von der Realität von Hirn zu
Hirn hangeln, kehrt die computerisierte Gesellschaft zu
ihren Wurzeln zurück: Zu den Gedankenexperimenten des
John von Neumann zum Computer als Gehirn-Nachbau und zu
"komplexen Automaten", die sich selber vermehren
können. Gedanken selbst werden infektiös und
werden so wirksam wie Computerviren.
Einerseits sind sie Teil des
Virenproblems, andererseits könnten sie Teil der
Lösung sein: Hoaxes sind ein Crashkurs in Sachen
Skepsis. Gerade ihre absurde Fantastik macht sie zum
perfekten Lehrmaterial für die Stiftung
Märchentest. Wer dies Genre kapiert, hat auch die
meisten anderen Hightechmärchen durchschaut. Doch mit
Skepsis allein ist das reale Virenproblem noch nicht
gelöst.
Asymmetrische
Attacken
Es scheint paradox: Wie kann
es sein, dass ein paar hundert spätpubertäre
Neumännchen die klügsten Köpfen der
milliardenschweren Computerbranche als jammernde Statisten
durch ihre Comicheld-Fantasien hetzen?
Zwei Antworten bieten sich
an, die eine einfach, die zweite überzeugend. Zuerst
die einfache: Die Nutzer sind immer noch erstaunlich naiv.
Kaum jemand scheint dazugelernt zu haben, seit der
verheerende "I-Love-You"-Virus im Jahr 2000 mehrere
Millionen Rechner attackierte. Wer sich seitdem ohne ein
aktuelles Virenschutzprogramm ins Internet begibt, handelt
grob fahrlässig, so als wäre das Internet immer
noch das nette globale Dorf, das es nie gewesen ist.
Rein technisch ist der
Virenschutz banal. So einfach, wie sich Viren erstellen
lassen, lassen sie sich auch erkennen von sogenannten
"Virenscannern" oder Antivirus-Tools (AV). AV-Programme sind
im Grunde genommen Volltext-Suchmaschinen, welche einfach
jedes Programm, das auf einem Rechner installiert wird, nach
verräterischen Codezeilen oder auffälligem
Verhalten durchsuchen. Kein Virenprogramm kann je alle Viren
erkennen, aber durch die Kombination von zweien und durch
regelmäßige Updates ließe sich fast jede
globale Epidemie im Keim ersticken.
Dennoch verzichten immer
noch viele Internetnutzer auf diese Programme, oder
verschludern einfach, sie zu aktualisieren. Denn zwei
Märchen schaukeln sich gegenseitig hoch. Der Alptraum
vom Teufelsvirus, gegen den nur Beten hilft auf der einen
Seite. Auf der anderen Seite das Idyll vom schmusigen
globalen Dorf, in dem keine Hütte ein Türschloss
braucht. Der Effekt sind Milliardenschäden, die sich
leicht verhindern ließen. Virenschutzprogramme
müssten eigentlich so selbstverständlich sein wie
eine verschließbare Wohnungstür in New York, ein
Regenschirm in London oder ein Fahrradschloss in
Amsterdam.
Angesichts des viralen
Dauerbeschusses geht allerdings auch ein erhebliches
Sicherheitsrisiko von den Profis aus: von verschusselten
Netzwerkbetreuern, im Fachjargon Systemadministratoren oder
einfach Admin genannt, die als Hausmeister des Netzes die
Server der Webseiten am Laufen halten. Im September 2001
verbreitete sich zum Beispiel ein neuer Internet-Wurm mit
rasender Geschwindigkeit. Der Nimda-Virus benutzt Software
aus dem Hause Microsoft, um die PC ahnungsloser Surfer zu
manipulieren. Nimdas neuer Trick: Schon das Aufrufen einer
Webseite genügt unter Umständen, und schon ist der
Rechner infiziert. Diese Sicherheitslücke war seit
über einem Jahr bekannt. Doch viele Admins verschliefen
es, die Lücke mit einem kleinen Zusatzprogramm zu
schließen. Wie jeder Virus war auch Nimda eine Art
interaktive Botschaft: Der geheimnisvolle Name Nimda ist
einfach "Admin", rückwärts gelesen.
So drehen sich alle munter
im Teufelskreis ohne Ausgang: Die Virenschreiber fühlen
sich angestachelt, soviel Doofheit auszunutzen, die
Antivirenhersteller warnen vor der Infokalypse, um ihre
Produkte zu verkaufen, und die Medien sind dankbar für
die regelmäßigen Schlagzeilen. Naive
Internetnutzer wiederum fühlen sich einerseits bestens
unterhalten von den Horrormärchen. Neulinge fühlen
ein Grundgefühl bestätigt: Dass sie machtlos sind
gegenüber den Tücken der Technik. Und werden es
dadurch wirklich. Dies Horrormärchen dürfte einer
der teuersten Fortsetzungsromane der Geschichte sein mit
milliardenschweren Produktionskosten pro Jahr.
Neben dieser gleichsam
moralischen Erklärung für die Hilflosigkeit der
Informationsgesellschaft gegenüber den Virenattacken
gibt es eine strategische: die Asymmetrie der Angriffe.
Viren funktionieren asymmetrisch, denn mit geringem Aufwand
wird eine gigantische Wirkung erzielt. Ein einzelner kleiner
Jan de W. lässt von Sneek aus seine automatische
Schadensroutine Tag und Nacht millionenfach für sich
arbeiten. Ein derartig effizientes Vorgehen schwebte auch
von Neumann vor, als er die dienstbaren Geister erdachte.
Der Virenschutz dagegen funktioniert immer noch weitgehend
manuell: Mit großem Aufwand wird geringer Nutzen
erzielt, durch mühsame Hand- und Kopfarbeit von
Millionen von Netzwerkberkbetreuern, Sicherheitsberatern und
Einzelnutzern. Immer, wenn wieder irgendein
lächerlicher Friesenvirus durchs Netz geistert, muss an
Millionen von Rechnern eine neue Sicherheitsmaßnahme
ergriffen werden.
Zwei Produktionsformen
treffen bei Virenepidemien aufeinander, ähnlich wie im
amerikanischen Bürgerkrieg, als der industrielle Norden
1865 den agrarischen Süden besiegte, vor allem durch
die Überlegenheit der Industrie. Die Virenkids spielen
Nordstaaten und piesacken mit ihrem vollautomatischen
Virenunfug eine veraltete Frühform der
Informationsgesellschaft, die auf einzelkämpferische
Informationshandwerker setzt. Auch die schärfsten
Gesetze können an dieser grundlegenden Asymmetrie
nichts ändern. Solange die Virenabwehr nicht ebenso
vollautomatisch funktioniert wie die Attacken, werden immer
wieder Virenstürme von Ost nach West durch die globalen
Netze toben mit den ersten Sonnenstrahlen. Solange die
Informationsgesellschaft auf Handarbeit setzt, ergeht es ihr
wie den Südstaaten: Sie bleibt Opfer ihrer archaischen
Produktionsweise sowie der eigenen Selbstverzauberung.
Dumpfe Rotzlöffel wie
Jan de W. sind Lehrmeister in Sachen Modernisierung, ohne es
zu wollen und ohne es zu wissen. Es gilt nur, zwischen den
Zeilen der Virenprogramme zu lesen. Neben den
pubertäten Graffiti ihrer Autoren verbreiten sie eine
zweite Botschaft: das Evangelium von der
Software-Automatisierung und ihres Apostels St. John von
Neumann.
Technisch ist die
Infrastruktur für einen weitgehend automatischen
Virenschutz längst vorhanden. Doch kaum ein Privatkunde
macht von dem Angebot Gebrauch, den eigenen Rechner durch
automatische Updates schützen zu lassen. "Das setzt
eine intensive Vertrauensverhältnis voraus", sagt Klaus
Brunnstein, Gründer des Virus Test-Centers (VTC) an der
Uni Hamburg. "Und dieses Vertrauen genießt die
Antivirenindustrie anscheinend nicht." Das Märchen, das
die Gräuelmärchenonkels streuen, um das Problem zu
lösen, wird so selber zum Problem. Denn durch die
Panikmache verspielen die Antivirenhersteller ihre
Glaubwürdigkeit. Der Vertrauensverlust wiederum
verhindert die dringend notwendige
Automatisierung.
Die Branche hat sich in
ihren eigenen Virenmärchen verheddert. Nun wird es
höchste Zeit, die eigene Rolle und das eigene Image zu
überdenken. Es wandelt sich vom Leitbild des
Wunderheilers und Exorzisten zum Selbstverständnis
einer staubtrockenen Polzeibehörde. Ein solcher
Imagewandel bedürfte nicht einmal großer
Fantasiearbeit. Denn im Alltag der Antivirenindustrie geht
es längst so stinklangweilig zu, wie man es von einer
zuverlässigen Schutzinstanz erwarten darf. Nun
müsste sich diese Sensation des Alltags nur noch
herumsprechen.
Sara
und die Virenverwalter
Wo die automatische
Bedrohung wächst, wird auch die Rettung automatisiert.
"Darf ich vorstellen, das ist meine wichtigste Kollegin",
sagt André Post, Informatiker bei der Antivirenfirma
Symantec in der Europafiliale im holländischen
Städtchen Leiden. Sara ist Tag und Nacht im Einsatz und
erledigt fast alle Virenmeldungen. Sara ist der Inbegriff
der Antivirenindustrie, ein einziger Blick auf sie
genügt, um die gesamte Branche zu begreifen. Sara sieht
nichtssagend aus: ein Schrank mit ein paar Rechnern darin.
Sara ist eine Virendatenbank, von der sich je eine Kopie im
kalifornischen Cupertino und in Leiden befindet, in gut
verschlossenen Sicherheitsräumen. Automatisch schicken
die Rechner von Symantec-Kunden aus aller Welt
verdächtige Software an Sara. Sara vergleicht sie mit
den Beschreibungen aller bekannten Viren. Wenn das
eingeschickte Virus bekannt ist, verschickt Sara binnen
einer Minute automatisch das digitale Heilmittel per
Internet an den Rechner des Kunden. Gefahr erkannt, Gefahr
gebannt, vollautomatisch und ohne dass Anbieter oder Kunde
davon etwas merken würden. Über 95 Prozent aller
Virenmeldungen werden so abgearbeitet.
Für die restlichen
fünf Prozent sind André Post und seine zwei
Kollegen zuständig. An speziellen "Infektionsrechnern"
nehmen sie die dubiosen Dateien unter die Lupe. Die
Maschinen stehen völlig isoliert in einem speziellen
Raum, und sind nicht einmal mit dem Firmennetz verbunden.
Pro Tag untersucht Post rund 15 verdächtige Dateien.
Wenn er morgens mit der Arbeit anfängt, kopiert er sie
auf eine Diskette und trägt sie per Hand zu seinem
Infektionsrechner.
Den Kurnikowa-Virus zum
Beispiel bekam er um zehn nach elf, erzählt er. Eine
Viertelstunde später war der Wurm seziert. Post hatte
sich einfach die 50 Zeilen Code angesehen und festgestellt,
welche Zeile ein typisches Erkennungsmerkmal ist: in diesem
Fall war es der Programmbefehl, sich selbst an alle
Mailadressen zu versenden. Er markierte diese
verräterische Codezeile als sogenannten "Fingerabdruck"
und sandte sie an Sara. Fertig war die Impfung, auch sie in
vielen Fällen vollautomatisch: wenn der Nutzer das
betreffende Feld anklickt, holt sich sein Rechner vor jeder
Internetsitzung automatisch die neuesten Fingerabdrücke
auf die lokale Festplatte. "Digital Immune System"
heißt diese Technik.
Selbst der
"I-Love-You"-Virus war nach zehn Minuten analysiert, sagt
Post. Doch damit fing die eigentliche Arbeit erst an:
Interviews vom Morgen bis zum Abend. "Ein Großteil
meiner Arbeit ist Pressearbeit", sagt Post. Der Onkel Doktor
ist immer auch ein Märchen- und Medienonkel, das wird
in der Informationsgesellschaft einfach von ihm erwartet.
"Jaaa, ich habe hier einen
Windows-Wurm", frohlockt sein Kollege Neal Hindocha
irgendwann am Nachmittag. Es scheint schön zu sein,
gebraucht zu werden in Zeiten der automatisierten
Gefahrenabwehr. Vier Informatiker sitzen in der Leidener
Filiale, um die Fingerabdrücke digitaler Eindringlinge
zu nehmen. Sie blättern in Zeitschriften, trinken
Kaffee, spielen zwischendurch Schach. Hier stemmen sich
keine Datentetektive gegen den Ansturm der apokalyptischen
Viren. Hier erledigt eine geordnete Virenverwaltung den
täglichen Kleinkram. Die Virenerkennung selbst macht in
der Sicherheitsindustrie noch die wenigste Arbeit und
dürfte im Prozentbereich liegen. Auf die vier
Virensammler in Leiden kommen fast 200 Mitarbeiter, die in
endlosen Gängen auf vier Stockwerken Verträge
abwickeln, telefonische Beratungsgespräche führen,
Pressearbeit machen oder in der Kantine Kaffee
kochen.
Der neue Windows-Wurm, so
stellt sich schließlich heraus, war keiner, sondern
nur ein Fehlalarm. "Die meisten Viren, die wir bekommen,
sind gar keine", sagt Hindocha leicht resigniert. Um
fünf ist Feierabend, denn die Symantec-Zentrale im
Silicon Valley übernimmt nun. Wer in der Virenindustrie
die atemlose Verbrecherjagd hart am Abgrund der
Datenapokalypse vermutet, sollte lieber einen
Science-Fiction-Roman lesen. Oder wahlweise die atemlosen
Pressemitteilungen von Finjan und FBI und NIPC und all den
anderen Alleinunterhaltern.
Selten machen die
Virenverwalter bei Symantec Überstunden. Nur die
Datenbank Sara hält die Stellung. So lieblos und
automatisiert, wie die unbegabten Virenkids mit ein paar
Mausklicks ihre globalen Klingelstreiche zusammenpfuschen,
so vollautomatisch putzt Sara das Netz wieder
sauber.
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Dieser Text
ist ein Ausschnitt aus Hilmar Schmundts 2002 im Argon-Verlag
erschienen Buch Hightechmärchen.
dichtung-digital