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Hypertext. Merkmale, Forschung, Poetik[1]
von Roberto Simanowski

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1. Alternativen ohne Folgen - Gavin Inglis’ HIV-Test-Hypertext

Same Day Test von Gavin Inglis beginnt, wie man sich solche Anfänge vorstellt: Gabrielle ist am Telefon, man hat Monate nichts mehr von ihr gehört, nun ruft sie an: „Tom. I'm positive. You'd better get a test.“ Dann haut sie den Hörer nieder. Unter dem Text stehen zwei Links zur Wahl: Gabrielle und Phone Infirmary. Wer erst mehr über Gabrielle erfahren will, ist danach wieder vor die Wahl gestellt: Phone Infirmary½Don’t. Klickt man Don‘t, liest man: “It's better not to know. Because in a way, knowing you have a terminal disease is like already being dead. Your imagination is limited by your knowledge of the future...” Von dieser Seite geht kein Link mehr aus, die Geschichte ist am Ende angekommen.

Wer wissen will, wie es weitergeht, klickt im Browser auf Zurück und ruft das Krankenhaus an. Dort erhält man einen Termin und hat wieder die Wahl: zwischen Go und Don’t Go (das zum schon bekannten Ende führt). Nach dem Test bleibt Tom Zeit bis vier Uhr Nachmittags. Er bzw. der Leser muss entscheiden, ob er zur Arbeit geht oder nicht. Tut er es, stehen als Links zur Auswahl: Lunch with workmates | Lunch alone, nimmt er sich hingegen frei, heisst die Frage Museum oder Pub. Die Alternativen verzweigen sich weiter und kreuzen sich zuweilen: Man kommt vom Museum, vom Pub und von der Arbeitsstelle zum gleichen Lunch-Platz mit dem gleichen alten Mann als Tischnachbar. Von hier geht es weiter zu Work oder Princess Street Gardens. Viele Links sind nur Umwege, die an der Begegnung im Lunch-Restaurant vorbeiführen oder den Gang zu Jills Haus (Toms früherer Freundin) und schließlich zum Krankenhaus etwas verzögern. Dorthin aber führen schließlich alle Wege, zum letzte Klick, der Result heisst und die Nachbildung eines offiziellen Testdokuments zeigt, durch dessen Angaben man sich erst mühsam durchlesen muss, bis man auf die Meldung “negativ” stösst. Ende der Links, Ende der Geschichte.

Dies Struktur ist – trotz der Überschneidungen – im Grunde recht simpel und erinnert an die Choose Your Own Adventure-Geschichten. Sie entwickelt im vorliegenden Kontext ihren Reiz dadurch, dass sie konsequent die kontroversen Entscheidungen und Verhaltensweisen anbietet, die sich in einer solchen Situation ergeben, und den Leser darin verstrickt, als solle er den Ernstfall schon einmal durchspielen. Andererseits ist auch klar, dass es für Tom keine wirkliche Wahl mehr gibt. Er kann nur noch entscheiden, wie und wo er auf das Ergebnis warten will. Die Navigationsalternativen sprechen – darin liegt ihre versteckte Didaktik – implizit von jener Wahl, die nicht mehr besteht, sobald die Alternative nur noch heisst: Test oder nicht Test. Die Links sind sogesehen die Fortführung der Geschichte, sie sind der Kommentar oder die Moral mit wortlosen Mitteln. Man kann also festhalten: Links verbinden nicht nur Text, sie sind Text.

Erwächst die multilineare Erzählweise somit organisch aus dem Gegenstand, so verfehlt die Geschichte trotzdem die Anforderungen eines literarischen Hypertextes. Das Problem liegt darin, dass die Alternativen keinen wirklichen Unterschied erzeugen. Schickt man Tom z.B. nach dem Test statt ins Museum in den Pub und lässt ihn fünf Pints Bier bestellen, so fühlt er sich dann zwar reichlich betrunken, aber dies bleibt ohne Folgen für seine Handlungen und Gedanken. Auch jetzt gibt es noch einen Link zu Jills Haus. Zwar ruft dieser nun eine andere Datei auf als beim ersten Anlauf, aber der Unterschied der Dateien liegt lediglich in der Uhrzeit – es ist eine halbe Stunde später ­–, der Text selbst ist der gleiche. Lässt man Tom jedoch weitertrinken und nach sieben Pint Bier nicht mehr zu Jill, sondern direkt ins Krankenhaus gehen, zeigt die Datei zwar 5.01 Uhr an, aber man stösst auch hier auf den gleichen Text wie zuvor, als Jill um 4.14 Uhr der Ärztin gegenübersaß und das Testergebnis erfuhr. Riecht sie, fragt man sich da, denn seine Fahne nicht! Sollte sich Toms alkoholisierte Verfassung nicht irgendwie im Text wiederspiegeln?

Inglis versucht durchaus, den bisherigen Lese- bzw. Handlungsgang in Rechnung zu stellen. Wer Tom zum Beispiel nach sieben Bier nicht direkt ins Krankenhaus gehen lässt, sondern auf Not yet klickt und erst dann auf den alternativlosen Link zum Krankenhaus, wird mit ihm um 6.35 Uhr schließlich vor verschlossener Tür stehen. “There's none of them here now. You're too late. Come back in the morning”, lautet die Auskunft des Wachmanns. Eine andere Reaktion auf den zunehmenden Alkoholkonsum liegt darin, dass nach dem siebten Bier der Link zum Hospital einmal Hostipal und einmal Hopsital heisst, womit dieser Text zu einer Art innere Rede des betrunkenden Erzählers wird. Die passende Pointe des Zuspätkommens befriedigt allerdings nur auf der Oberfläche, zumal sie nicht in einen neuen, retardierenden Handlungsstrang führt, sondern das Erzählen einfach beendet, was dazu führt, dass der Leser die Zurück-Funktion des Browsers benutzt, um doch noch pünktlich der Ärztin gegenüberzusitzen. Warum, so ist zu fragen, schlägt sich der gewählte Handlungsgang nur in einer veränderten Uhrzeit nieder. Wenn schon jeweils eine neue Datei mit einer anderen Uhrzeit aufgerufen wird, dann hätte auch der angezeigte Text jeweils dem Gang der Geschichte angepasst werden können. Und nach allen Regeln menschlicher Psychologie: Tom hätte nach so vielem Bier vor dem Haus seiner Ex-Freundin nun andere Gedanken und Gefühle haben sollen.

Wir sind mitten beim Hauptproblem der Hyperfiction: Wie organisiert man, dass der andere Kontext aufgrund anderer Navigation auch Folgen hat? Dank der Kürze seines Textes bewahrt Inglis durchaus genügend Kontrolle über die Navigation seiner Leser, und er hat der überschaubaren Navigationsstruktur auf der Dateieneben durchaus Rechnung getragen. Die Dateien spiegeln die alternative Navigation jedoch immer nur in einer anderen Uhrzeit – als vergehe nur mehr Zeit, wenn man drei oder vier Bier mehr trinkt. Im Pub spiegelt der Text Toms veränderten inneren Zustand, im Text danach ist davon nichts mehr zu spüren. Aber wir alle wissen: Man ist auch noch betrunken, wenn man die Kneipe verlässt – eine Geschichte, die dem nicht Rechnung träg, verstößt ganz klar gegen die narrative Logik.

Das Hauptproblem jeder Hyperfiction, die Navigationsalternativen vorauszubedenken und jeweils in sich schlüssig zu gestalten, wäre hier leicht zu lösen gewesen. Komplexere Hyperfiction wie Afternoon mit ihren mehr als 500 Links  haben diese Chance schon weniger  und bei Werken wie Raymond Queneaus Cent mille milliards de poèmes (1961) wird der Text sowieso nicht mehr vom Autor beherrscht, sondern vom Zufall. Womit wir bei den narrativen Aporien der Hyperfiction sind. Aber beginnen wir von vorn: Was ist ein Hypertext, wie liest man ihn und welchen Missverständnissen unterliegt die Theorie?

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[1] Teile dieses Aufsatzes sind in das Kapitel „Hyperfiction“ in: Roberto Simanowski; Interfictions. Vom Schreiben im Netz, Edition Suhrkamp 2002, eingeggangen.

 


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