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Hypertext. Merkmale, Forschung, Poetik
von Roberto Simanowski

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3. Evangelisten des Hypertexts

Die Geschichte der permutativen Dichtung – die auf Florian Cramers Website Permutationen nicht nur nachgelesen, sondern auch an funktionsfähigen Modellen durchgespielt werden kann – erhält mit der Ankunft des Computers natürlich neue Impulse. Der Hypertext scheint die Experimente des Aufbrechens linearerer Erzählformen und der Auflösung der Texthierarchie fortzuführen. Dass zu dieser Tradition auch Autoren gehören, die weniger plakativ die Erzeugung der Textgestalt der Kombinationsarbeit des Lesers überlassen, weiß Robert Coover, der neben Queneau, Cortazar und Pavić auch Laurence Sterne und James Joyce als Vorläufer nennt. Neben dem Beleg aus der Vergangenheit gibt es einen aus der Gegenwart. “The traditional novel”, schreibt Coover im gleichen Essay nicht ohne ironischen Beiton, “is perceived by its would-be executioners as the virulent carrier of the patriarchal, colonial, canonical, proprietary, hierarchical and authoritarian values of a past that is no longer with us“ (1992). Weiter heisst es, nun durchaus ernst gemeint: “hypertext presents a radically divergent technology, interactive and polyvocal, favoring a plurality of discourses over definitive utterance and freeing the reader from domination by the author.”

Hinter der Anrufung der neuen Technologie steht das Konzept der aktuellen Philosophie. Im akademischen Bereich populär geworden in den späten 80er Jahren, erhielt der Hypertext auch das Theoriedesign dieser Zeit. Postmoderne und poststrukturalistische Theoretiker wie Roland Barthes,[1] Michel Foucault,[2] Jean François Lyotard,[3] Jacques Derrida,[4] Gilles Deleuze und Félix Guattari[5] werden als Bezugspersonen herangezogen und geben dem neuen Gegenstand wissenschaftliche Dignität. Jay David Bolter, dem die starken Bezüge selbst etwas unheimlich vorkommen – “It is sometimes uncanny how well the post-modern theorists seem to be anticipating electronic writing.” (1991, 156) –, sieht im Hypertext “a vindication of postmodern literary theory” (1992, 24). George P. Landow, dessen Buch Hypertext. The Convergence of Contemporary Critical Theory and Technology den Bezug schon programmatisch im Titel trägt, ist es eher ‚peinlich‘,[6] wenn er sich zum Fazit gezwungen sieht: “contemporary theory proposes and hypertext disposes; or, to be less theologically aphoristic, hypertext embodies many of the ideas and attitudes proposed by Barthes, Derrida, Foucault, and others” (1997, 91).[7] Im deutschen Kontext ist es vor allem Norbert Bolz, der die Affinität des Hypertextes zur Dekonstruktion feiert (1993).

Die Rhetorik ist voller Aufbruch, und was bei Coover leicht hin gesagt ist – “true freedom from the tyranny of the line is perceived as only really possible now at last with the advent of hypertext, written and read on the computer” (1992) –, kommt anderswo im Duktus ernstzunehmender Schlussfolgerungen: “The initial metaphor in hypertext is not an imperfect annunciation destined for fulfillment. Instead it is a system which is already present as a totality, but which invites the reader not to ratify its wholeness, but to deconstruct it”. Die Botschaft des “hypertextual medium”, so Stuart Moulthrop weiter, “concerns the possibility of infinite difference” (1991, 129f.). Moulthrops Aussage klingt plausibel: Durch seine Vernetzung und externen Links hält der Hypertext immer auch das Andere anwesend im Eigenen und scheint Gegensätzliches nicht mehr zugunsten einer favorisierten Sichtweise auszuschließen. Jeder lineare Text arbeitet mehr oder weniger selektiv und manipulierend, wobei das Problem beginnt, wenn aus Gründen der Komposition bestimmte sekundäre Aspekte vernachlässigt oder ausgelassen und die Informationen in einer kohärenten, nachvollziehbaren, überzeugenden – oder eben überredenden – Art geordnet werden. Schon die Ordnung der Fakten ist Manipulation, wie Hayden White etwa für die Historiographie gezeigt hat (1990) und wie Peter Greenaway – auch “1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 can be seen as a narrative” (1996, 227) – es für alle Materialorganisation geltend macht.[8] Und wer bestimmt, was sekundäre oder primäre Aspekte sind?!

Beim Hypertext, so Landow, ist jene Komposition des linearen Printtexts nicht möglich, denn durch die Verlinkung verlieren die Texte ihre “discreteness” (1997, 82). Zitierte Belegstellen sind nun nicht mehr aus dem Zusammenhang gerissen in den eigenen Argumentationsgang eingebracht – und schon rein mengenmäßig diesem untergeordnet –, sondern durch einen Link zum Originaltext sofort zugänglich (87): “The necessary contextualization and intertextuality produced by situating individual reading units within a network of easily navigable pathways weaves texts, including those by different authors and those in nonverbal media, together. One effect is to weaken and perhaps destroy any sense of textual uniqueness.” (65)

Landows Argumentation setzt freilich Bedingungen voraus, die nicht jeder Hypertext erfüllt. Natürlich kann auch ein Hypertext ein Zentrum und eine Ebenenhierarchie aufweisen, die durch eine entsprechende Menüleiste jederzeit bewusst gehalten werden, und natürlich gibt es auch geschlossene Hypertexte, die keineswegs den Link ins Netz zu den zitierten Belegstellen bzw. zum impliziten Kommentar und Widerspruch anderer Texte anbieten. Aber abgesehen von solchen, im übrigen in der Forschung oft anzutreffenden Nachlässigkeiten in der Binnendifferenzierung des Phänomens Hypertext: Dass der Hypertext die Zerstörung jeglicher Texteinheit bedeutet, ist schon deswegen anzuzweifeln, weil er dies nur auf der Basis strenger Textgrenzen realisieren kann. Das Prinzip der Verlinkung beruht auf der vorausgegangenen Atomisierung – so wie der Internationalismus auf dem Nationalismus.[9]

Damit die Teile variabel miteinander verbunden werden können, müssen sie als eigenständige Einheiten umgrenzt werden: “a hypertext node, unlike a textual paragraph, tends to be a strict unit which does not blend seamlessly with ist neighbors” (Conklin 1987); jedes Textsegment “takes on a live of its own as it becomes more selfcontained and less dependent on what precedes or follows it in a linear succesion” (Snyder 1997, 53). Landow räumt dies später selbst ein, wenn er mit Bezug auf Terence Harpold schreibt: “To state the obvious: one cannot make connections without having things to connect. [...] all links simultaneously both bridge and maintain seperation” (1999, 159). Landow diskutiert dies allerdings nicht im Hinblick auf die grenzüberschreitende Funktion des Hypertexts; ebensowenig wird deutlich, auf welche Schrift Harpolds er sich bezieht. Harpold hatte bereits 1991 den “link as a signifier of pure difference” (173) bezeichnet und 1994 wiederholt: “The link is able to assume its conventional function as a marker of the lexial intersection only insofar as it concretizes  (fixes, petrifies) the disjunktion between lexias” (197).

Die Struktur der Verlinkung, so das Credo der Einwände, führt in der Konsequenz zu kleinen, in sich selbst verständlichen Texteinheiten, die statt komplexer, ausladender Gedankengänge im Grunde nur schnell und kontextunabhängig Verständliches enthalten können. Der Autor eines Hypertexts “is encouraged to make discrete points and seperate them from their context”, so Begemann und Conklin, die Tuman als Kronzeugen dafür zitiert, dass Hypertext die Entwicklung komplexer Ideen behindert: “when you’re struggeling to solve a problem, the mental effort required to seperate it into discrete thoughts, identify their types, label them, and link them can be prohibitive”(260).[10] Die Atomisierung seiner Elemente lässt denn auch der dekonstruktiven Kraft des Hypertextes misstrauen: “There is the danger that the hypertext could become a mass of comments and links in which no single link could gather enough force or distinctiveness to make deconstructive maneauvers. By their very multitude the links would allow individual lexias too much atomistic sufficiency.” (Kolb 1994, 336) Die Hypertextstruktur scheint somit weniger der tastenden Suche nach dem Zusammenhang und der klugen Dekonstruktion dieses Zusammenhangs als der Etablierung schneller Antworten zu dienen. Die discreteness, die der Hypertext nach Landow durch seine Verlinkung verliert, wird auf einer vorgelagerten Ebene zum Produktionsprinzip erhoben; der epistemologische Skandal besteht darin, dass die allgemeine Verbrüderung aller mit allen auf dem Auseinderreissen der Familien beruht.

Auch die Rezeption von Hypertexten wird mitunter vorschnell als Werkzeug des kritischen Denkens gefeiert. Man verweist darauf, dass die Struktur der Vernetzung die konstruktivistische Perspektive gegenüber einer objektivistischen stärkt und spricht gar von einer Revolution hin zu Ironie und Skeptizismus (Aronowitz 1992, 133). “Critical thinking”, so Landows Argument, “relies upon relating many things to one another. Since the essence of hypertext lies in its making connections, it provides an efficient means of accustoming students to making connections among materials they encounter.” (1997, 225) Inwiefern dies ein Hypertext schon an sich tut und inwiefern es dazu der Erfüllung weiterer Bedingungen bedarf, ist allerdings umstritten. Während die einen vermuten, dass bereits die Klickentscheidung kritisches Bewusstsein fördere, betonen andere – und diesen mag man sich eher anschließen –, dass erst eine bestimmte Fragestellung bzw. die Möglichkeit, selbst an der Gestaltung des Hypertextes teilzunehmen, ein kritisches, die Relativität von Aussagen in Rechnung stellendes Bewusstsein fördert.[11]

Die Technologie des Hypertexts, so lässt sich festhalten, wird in der Folge der oben zitierten Utopien einer ‘praktisch gewordenen Theorie’ mitunter recht voreilig und unkritisch in den Dienst eines neuen Evangelismus gestellt. Grundlage und Motiv bilden dabei zweifellos das Bekenntnis zu einer euphorische Grundstimmung, mit der man den Abschiedsschmerz des Poststrukturalismus hinsichtlich der verlorenen humanistischen Illusionen in eine Rhetorik der Befreiung und des Aufbruchs in eine neue Zukunft umkomponiert: “Whereas terms like death, vanish, loss, and expressions of deplation and impoverishment color critical theory, the vocabulary of freedom, energy, and empowerment marks writings on hypertextuality” (Landow 1997, 103).[12] Vor diesem Hintergrund hält sich auch ein doppeltes Missverständnis bis in die Gegenwart: das Missverständnis von der Offenheit des Textes und vom Tod seines Autors. Dies empfiehlt in den nächsten zwei Abschnitten eine genauere Durchsicht der theoretischen Bezugspunkte.

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[1] Wichtig ist Barthes’ antihierarchische Lesart in S/Z (1970), die den Text in ein Netzwerk von Lexia aufteilt, sowie seine Rede vom Tod des Autors (1968). Landow baut den Bezug auf und übernimmt den Begriff >Lexia< für die Texteinheiten (Nodes) im Hypertext (1997, 64 u.ö.).

[2] Landow bezieht sich u.a. auf Foucaults Rede vom Verschwinden des Autors (1997, 92).

[3] Landow verweist auf Lyotards Rede vom Ende der Metaerzählungen (1997,183f.).

[4] Derridas Glas (1974) wird wie Barthes S/Z als Vorwegnahme des Hypertexts in Printform gesehen (Ulmer, Taylor/Saarinen), Landow (1997, 32f., 47 u.ö.) verweist auf Derridas Emphase auf die Offenheit bzw. Intertextualität des Textes.

[5] Von Deleuze und Guattari wurde der Rhizom-Begriff in die Diskussion des Hypertext übernommen (vgl. Landow 1997, 38-42, Moulthrop 1994, Laferte 1995)

[6] Im Hinblick auf Barthes Verständnis des lesbaren und schreibbaren Texts und Derridas Dezentrierungskonzept schreibt Landow: „hypertext creates an almost embarrassingly literal embodiment of both concepts“ (1997, 32). Vgl. ebd. im Hinblick auf die Anschaulichkeit der „easily navigable pathways“ des Hypertexts gegenüber postmoderner Theorie: „an almost embarrassingly literal reification or embodiment of a principle that had seemed particularly abstract and difficult when read from the vantage point of print“ (65).

[7] Im Sinne der Umsetzung der Theorie der Dekonstruktion in die Praxis durch die Technologie des Hypertexts auch Poster 1990. Vgl. Snyders materialreicher, wenn auch recht unkritischer Aufweis von Bezügen des Hypertext-Diskurses zur zeitgenössischen Theoriebildung. Inzwischen hört man freilich auch so radikale Kommentare wie den von Luc Herman von der University of Antwerp, der in einem Vortrag Dezember Ende 1998 an der Universität Konstanz Bolter und Landow unterstellt, Literaturgeschichte und –theorie als “salesman for hypertext” und Startheoretiker wie Derrida und Bachtin als “quality labels” zu benutzen..

[8] Zur kombinatorischen Grundlage der Filme Peter Greenaways vgl. Schulze, 308-313.

[9] Die Analogie mag weit hergeholt scheinen, beleuchtet aber recht gut das eigentliche Problem. Der Internationalismus setzt eine klare Abgrenzung der Relata voraus, die miteinander verbunden werden sollen; Gellner spricht in dieser Hinsicht vom “Damoklesschwert” der Nationen- bzw. Staatenbildung, das in der Moderne über all jenen hängt, die Teil der Gemeinschaft sein wollen. Nationalbewusstsein, Eigenstereotypisierungen und die exkludierende Konstituierung als staatliche Einheit gehen daher dem Inter-Nationalismus unmittelbar voraus (1995, 174 und 15, vgl. Simanowski 1998).

[10] Vgl. ebd: “sometimes it’s unnatural to break your thoughts into discret units, particularly if you don’t understand the problem well und those thoughts are vague, confused, and shifting”.

[11] Michael Joyce macht diesbezüglich die wichtige Unterscheidung zwischen exploratory use of hypertext – dies geschieht bei der üblichen Informationssuche im Netz – und conctructive use of hypertext – also des eigenen Eingriffs in die Organisation der Informationen (1995, 41ff.). Zur pädagogischen Dikussion des Hypertexts vgl. ausführlich Simanowski 2000.

[12] Eine ktitischere Sicht auf den Zusammenhang von Erkenntnis und Interesse gibt Tuman 1992b, 130f.