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Hypertext. Merkmale, Forschung, Poetik
von Roberto Simanowski

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4. Missverständnis 1: Offenheit des Textes

“When Wolfgang Iser and Stanley Fish argue that the reader constitutes the text in the act of reading they are describing hypertext.” Diese Aussage Bolters (1992, 24) steht für eine Reihe von Fehldeutungen, in denen die Möglichkeit des Lesers, den Hypertext selbst zusammenzustellen, immer wieder mit der von der Rezeptionstheorie in den 70er und 80er Jahren gestärkten Position des Lesers bei der Bedeutungsgenerierung des Textes verwechselt wird. Mit Blick auf Isers Theorie zum Leseprozess konstatiert Bolter: “But what was only figuratively true in the case of print, becomes literally true in the electronic medium. The new medium reifies the metaphor of reader response, for the reader participates in the making of the text as a sequence of words. Even if the author has written all the words, the reader musst call them up and determine the order of presentation by the choices made or the commands issued. There is no single univocal text apart from the reader; the author writes a set of potential texts, from which the reader chooses.” (1991, 158) Man hätte den Fehler eigentlich bemerken müssen, denn bei Iser geht es, wie Bolter selbst referiert, hinsichtlich der Wörter um des Lesers “own imagination” (157), bei Bolter wird daraus die “order of presentation”. Der Hypertext wird in der üblichen Verkörperungs-Logik als Verwirklichung einer theoretischen Antizipation gesehen, während er im Grunde doch deren Negation darstellt.

Basisargument ist zumeist Isers Begriff der Leerstelle – als Metapher für eine “Hemmung im Fluss der Sätze”, für eine Störung der Anschließbarkeit aufeinanderfolgender Textsegmente (Iser 1988, 258f.) –, die man im Link des Hypertextes Gestalt annehmen sieht. Wie Anja Rau richtig einwendet, zielt Isers Leerstellenmetapher jedoch nicht auf die physische Aktivität des Lesers, sondern auf eine mentale (2000, 189). Im gleichen Sinne unterscheiden Manuela Kocher und Michael Böhler zwischen dem virtuellen Vorgang im Bewusstsein des Lesers beim Besetzen der Leerstelle sowie der realen Aktion im Klick auf den Link (2001, 96) und bezeichnen die Lektüre eines Hypertextes als Transformation “des literarischen ‘Theaters’ aus dem Innenraum mentaler Prozesse in den äußeren Interaktionsraum sensoriell-motorischer Wahrnehmungs- und Selektionshandlungen” (87).

Damit ist die offensichtliche Differenz benannt, auf deren Grundlage die Analogie nun aber weiterhin aufrecht erhalten werden könnte. Die Unterscheidung zwischen virtuell und real ist nicht nur auf die verschiedenen Präsentationsebenen von Leerstelle und Link anzuwenden, sondern auch auf deren Existenzform. Die mentale Aktivität der Leerstellenbesetzung wird von Rau zwar als eine vom Text bzw. Autor ausgelöste verstanden (192), ihren Anlass, so ist hinzufügen, hat sie aber im Leser selbst. Insofern Anschließbarkeitsstörungen eine Erfahrung des Lesers und als solche im Sinne des Konstruktivismus von dessem kognitiven System abhängig sind, ist die Leerstelle nicht als unabhängiges Ereignis des Textes, sondern als von Leser zu Leser verschiedenes Phänomen des in der Rezeption erstellten Kommunikats zu verstehen. Auch in diesem Sinne also ist die Leerstelle als virtuell anzusehen. Demgegenüber ist der Link, der nicht erst vom Leser als solcher erkannt oder empfunden werden muss, immer real. Die Frage des Anschlusses existiert beim Hypertext objektiv, sie resultiert nicht aus dem Rezeptionsprozess, sondern ist diesem vorgelagert und aufgesetzt.

Die “Externalisierung des hermeneutischen Prozesses”, wie Kocher und Böhler die Transformation aus dem Innen- in den Außenraum des Textes bezeichnen (87),[1] hat Konsequenzen für die Lektüre, die eher Unterschiede als Gemeinsamkeiten zwischen dem rezeptionstheoretischen und dem hypertexttheoretischen Lektüreverständnis aufzeigen. Denn das Zentrum dieses Prozesses verschiebt sich dadurch nicht, wie oft deklariert, zum Leser, sondern im Gegenteil zum Autor. Wie gleich auszuführen sein wird, ist die Interaktion des Lesers mit dem Text im Zuge der individuellen Navigation durch diesen kein wirklicher Gewinn an Freiheit. Schon gar nicht kann dieses Verhältnis zum Text pauschal als aktive Lektüre gegen die Lektüre linearer Texte als passiv ausgespielt werden. Eine solche immer wieder anzutreffende Perspektive (Bolter 1991, 155; Snyder 1997, 72) überschätzt zum einen den Akt der Navigationsentscheidung und fällt zum anderen hinter die Aussagen der hofierten Rezeptionstheorie über die Position des Lesers gegenüber dem klassischen linearen Text zurück. Es bleibt festzuhalten, dass dem Text Bedeutung geben – ihn interpretieren – und dem Text Gestalt geben – ihn zusammenstellen – zwei prinzipiell verschiedene Vorgänge sind; so wie Offenheit des Textes nicht gleich Offenheit des Textes ist, womit wir bei einer weiteren Metapher sind, die in der Hypertext-Debatte hoch im Kurs steht.

In diesem Falle ist Umberto Ecos Buch vom offenen Kunstwerk Stichwortgeber. Ähnlich wie Iser betont Eco die relative Freiheit des Lesers bei der Erstellung der Textbedeutung und ähnlich wie Iser grenzt er sich zugleich gegen Positionen des Dekonstruktivismus und des Radikalen Konstruktivismus ab, die den Text völlig entmachten und Textwahrnehmung als “endlos autobiographische Tätigkeit” bestimmen (Scheffer 1992, 178).[2] Diese moderate Position eignet sich für die Diskussion der Lektüre von Hypertext, der durch das vorgegebene Angebot an Links ja ebenfalls eine bestimmte Macht gegenüber dem Leser einbehält. Dennoch ist auch hier die Übertragung problematisch. Eco zählt zwar unter dem Begriff “offenes Kunstwerk” zunächst Beispiele aus der Musik auf, die erst im Prozess ihrer Aufführung durch vorzunehmende Kombinationen vollendet werden,[3] aber er nennt diese Werke auch “in einem weit weniger metaphorischen und viel greifbareren Sinne »offen« [...] sie sind, um es einfacher auszudrücken, »nicht fertige« Werke, die der Künstler dem Interpreten mehr oder weniger wie die Teile eines Zusammensetzspiels in die Hand gibt, scheinbar uninteressiert, was dabei herauskommen wird.” (30f.) Als Beispiel eines offenen Kunstwerks par excellence zitiert Eco aber Kafkas Schloss (37), ein sehr lineares, abgeschlossenes Werk, dessen ganze Offenheit in der Vieldeutigkeit seiner unverrückbaren Zeichen liegt. Man kann in diesem Falle von einer konnotativen Offenheit sprechen, während im anderen eine kombinatorische Offenheit vorliegt.

Die Rede von der Offenheit zielt auf die Interpretationsvielfalt eines Werkes. Wie Eco erinnert, bedarf es dazu keineswegs der Kombinationsvielfalt des Hypertexts. Die kombinatorische Offenheit ist keine Vollendung der konnotativen, wie es Bolters Kommentar erscheinen lässt, sie ist zunächst einmal deren Spiegelung auf der Oberflächenebene. Landow weiß durchaus um den Unterschied, wenn er zwischen implizitem und explizitem Hypertext – als mitschwingender bzw. markierter Intertextualität – unterscheidet (1997, 35). Allerdings geht diese Differenzierung in der Diskussion wieder verloren, wenn die explizite Intertextualität als natürliches Erbe der impliziten deklariert wird. Die Frage lautet, ob die kombinatorische Offenheit der konnotativen Offenheit zu- oder abträglich ist.

Man möchte spontan annehmen, dass die kombinatorische Offenheit sich der konnotativen, die innerhalb der Textsegmente natürlich weiterhin bestehen kann, hinzugesellt.[4] Zudem lässt sich argumentieren, dass die kombinatorische Offenheit der konnotativen einen neuen Gegenstand liefert, nämlich den Link, der selbst Text im Sinne einer deutbaren Aussage darstellt. Auch wenn der Link durch Erklärungen deutlich adressiert ist, handelt es sich zumeist immer um ein Und, das sich erst im Nachhinein als kausale, temporale, additive oder adversative Konjunktion konkretisieren lässt (Wenz 2001, 47).[5] Durch die Nonverbalität und die Abhängigkeit der Konkretisation von der Interpretation der jeweils verbundenen Segmente bleibt der Link der Ausdeutung offen. Dass die Leser andererseits hier oft nicht zuviel an verstecktem Sinne erwarten dürfen, ist ein bekanntes, aber anderes Problem.

Ein Problem ist auch, dass die Verlinkung klar abgegrenzte Texteinheiten voraussetzt, die wegen der Navigationsalternativen nicht davon ausgehen können, dass ihre Bedeutung sich im weiteren Textumfeld entfaltet. Infofern damit, wie bereits angemerkt, eine klare, eindeutige Sprache favorisiert wird, ist die kombinatorische Offenheit der konnotativen freilich abträglich. Diese leidet darüber hinaus auch deswegen unter jener, weil es keine zweite Lektüre gibt, bei der man den Text plötzlich mit ganz anderen Augen liest. Es gibt – wenn nicht Navigationsprotokolle angelegt und im Zweitdurchgang nochmals durchgespielt werden –immer nur die Erstlektüre, da ja durch eine andere Navigation immer ein neuer Text aktualisiert wird: “In print narratives, it is the reader‘s experience of the text which shifts to foster fresh interpretations. With interactive texts, it is the narrative itself which shifts from one reading to the next” (Douglas 1993, 22) – “Each reading is a different turning within a universe of paths” (Bolter 1991, 124f.).

Ein weiteres Problem ist die bevormundete Assoziation. Auch dazu wieder Landow: “Hypertext linking simply allows one to speed up the usual process of making connections while providing a means of graphing such transactions”. (1997, 81) Was Landow hier begrüßt, kann man ebenso bedauern. Es ist nämlich nicht der “usual process”, der durch die Links beschleunigt wird, sondern die Überlagerung des einen Prozesses durch einen anderen. Peter Whalley erhob schon 1990 den Einwand: “It could even be argued that the simple pointer and hierarchical structures provided in hypertext are semantically more limiting than the implicit relationships created in conventional materials” (64). Mit gleicher Stoßrichtung wendet Kolb gegen Landows Berufung auf Derrida ein, dass dessen Dekonstruktivismus ohne “typographical gymnastics” auskomme (1994, 335), und hält für den Hypertext fest: “Links lack the contingent fecundity of immediate juxtaposition and the selfreferentiality of clever textual turns. The links do not necessarily bring off the fragile slippage of a signification that denies its own attempted closure.” (335f.)

Dem ist hinzuzusetzen, dass in linearen Texten sowohl die vom Autor bewusst gesetzten wie die darüber hinaus vorfindbaren Verbindungen subjektzentriert erstellt werden und in ihrer Realisierung letztlich aus der Lektüre-, Denk- und Lebensgeschichte des Lesers resultieren. Und da denkt der eine beim Wort Gespenst eben an die Gothic Novel oder B-Movies, ein anderer an Oscar Wilde, ein dritter an das Kommunistische Manifest. Beim Hypertext jedoch werden diese Verbindungen als Links vom Autor realisiert und schließen, so zahlreich auch immer sie sein mögen, eine Menge an virtuellen Assoziationen aus. Wenn Bolter im Hinblick auf die im Hypertext per Link explizit gemachten Verbindungen schreibt: „the computer takes the mystery out of intertextuality and makes it instead a welldefined process of interconnections“ (1991, 203), dann ist dieser Umstand gerade aus der Befreiungs-Perspektive zu bedauern, denn “mystery” steht ja im Grunde für das Leser-Subjekt und dessem ‘Mitschreiben’ bei der Lektüre des Textes, während der “klar definierte Prozess der Verbindungen” den gestiegenen Einfluss des Autors anzeigt, dessen Verschwinden man eben noch gefeiert hatte.

Natürlich, kann man einwenden, besteht die Möglichkeit der individuellen Assoziation weiterhin, und so mag jeder weiterhin an die Gespenster denken, die ihm am nächsten liegen. Aber man muss sich im klaren darüber sein, dass der Hypertext eine Hierachie der Assoziationen aufbaut, in der die vom Autor real gesetzten Bezüge eine stärkere Präsenz genießen als die vom Leser virtuell erstellten. Und da man auf diese nicht klicken kann und da der Link lauter ruft als die innere Stimme, beherrscht die durch den Autor programmierte Intertextualität Text und Rezeption. Der Text schließt sich nach außen ab, indem er zu jeder Lücke schon einen abrufbaren Textblock bereithält (Rau, 201) – “die Annotationen des Autors überschreiben die Konnotationen des Lesers” (Matussek, 275). So wird die “ästhetisch vorangetriebene Offenheit moderner bzw. postmoderner Texte im Hypertext zur zweiten Natur trivialisiert” (Wenz 1997, 253). Im Grunde ist jene Konstellation des konsumierenden Lesers gestärkt, von der man sich, mit Berufung auf Barthes, absetzen wollte. Die behauptete Verkörperung der postmodernen Theorien ist, wie Eckhard Schumacher in seiner Replik auf die explizite Intertextualität des Hypertextes etwas fachterminologisch, aber völlig richtig festhält, „eine Abschlussbewegung, die ihr Ziel offenbar darin sieht, […], die Dissemination der Konnotation in die Ordnung der Denotation zu überführen.“ (129) Damit sind wir beim Missverständnis Nummer zwei: der verschwundene oder gar tote Autor.

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[1] “Die Spielform des Hypertexts beziehungsweise seine Verschmelzung mit Adventure-Games kann also als eine Externalisierung des hermeneutischen Prozesses des Verstehens als Hin- und Her eines inneren Sinngebungsentwurfes und seiner laufenden Anpassungen beziehungsweise Abwandlungen in der fortschreitenden Lektüre in den Außenraum eines interaktiven Geschehens zwischen Bildschirmleser und Computer(-Programm) gesehen werden.” (87)

[2]“Leser, auch professionelle Leser (Literaturkritiker, Literaturwissenschaftler und Essayisten) verfahren als 'Autobiographen': Was wir wahrnehmen und erfahren, was wir erkennen, erleben und wissen, ergibt sich aus einer unausgesetzten nicht-schriftlichen, u. U. sogar nicht-sprachlichen ‘Selbstbeschreibung’” (Scheffer 1992, 182).

[3] Eco verweist auf Karlheinz Stockhausens Klavierstück XI und Henri Pousseurs Scambi (Vertauschungen), wo die Kombination der musikalischen Phrasen jeweils dem Interpreten überlassen wird. (1977, 27)

[4] Kocher und Böhler sprechen von einer Doppelung des Hin- und Her-Navigierens: nicht nur auf der mentalen Ebene des Textes, sondern auch auf der motorischen der Bildschirmoberfläche (2001, 95). Vgl. in diesem Sinne auch Kurt Fendt, der von zwei Orten der Leerstellen im Hypertext spricht: “im Text selbst, wenn es sich um textinterne oder textexterne Verweise handelt, und an den Rändern des Textes, wenn es um Fragen der Anschließbarkeit geht.” (1993, 154)

[5] Vgl. Ray McAleese, der das Verhältnis von Link und Nodes ebenfalls syntaktisch fasst, die Nodes aber als Substantive oder Sachverhalte denkt und die Links als Verben (1990, 113).