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Hypertext. Merkmale, Forschung, Poetik
von Roberto Simanowski

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5. Missverständnis 2: Tod des Autors

Als Barthes 1968 den Tod des Autor ausrief, manifestierte sich darin der zeitgenössische Perspektivenwechsel innerhalb diskurstheoretischer Überlegungen zur Souveränität des Subjekts. Die Auffassung vom Autor als kreatives, souveränes, sich selbst durchschauendes Subjekt wich der Vorstellung vom Menschen als “Ensemble von Strukturen”, wie es Michel Foucault formulierte (Foucault/Caruso 1991, 14), bzw., wie es bei seinem Lehrer Karl Marx heisst, als “Ensemble seiner gesellschaftlichen Verhältnisse” (Marx/Engels 1983, 6). Im Anschluss an die Das-Sein-bestimmt-das-Bewusstsein-Formel des Materialismus wurde der Autor fern aller idealistischen Souveränitätsillusion nicht mehr als Subjekt freier Rede, sondern als Objekt verschiedener Diskurse gesehen, das weniger spricht, als durch jene gesprochen wird – “...it is language which speak, not the author” (Barthes 1977, 143). Foucault deklarierte deswegen 1969 – nur in der Formulierung etwas weniger drastisch als Barthes ein Jahr zuvor – das Verschwinden des Autors: “der Autor ist genau genommen weder der Eigentümer seiner Texte, noch ist er verantwortlich dafür; er ist weder ihr Produzent noch ihr Erfinder” (1988, 7). Aber auch ein verschwundener oder toter Autor hat noch einen Namen, und dieser Name bezeichnet eben jenes spezifische Ensemble, jene einmalige Mischung aus Einflüssen, die das ‘Gefäß Mensch’ darstellt. Der Autor stirbt zwar als Souverän seines Textes, nicht aber als dessen äußere, benennbare Instanz.[1]

Die Hypertext-Theoretiker haben Anfang der 90er Jahre diese Demontage der Autoritität im Hinblick auf den Inhalt des Textes kurzerhand auf die Demontage der Autorität im Hinblick auf dessen Gestalt ausgedehnt. So referiert Landow – im Anschluss an Barthes’ Bezeichnung des Autors als “plurality of other texts, of codes which are infinite” und im Anschluss an Lyotards Beschreibung des Selbst als “‘nodal points’ of specific communication circuits”[2] – die Demontage der Autor-Idee zwar im oben beschriebenen Sinne, gelangt in diesem Prozess aber fast unbemerkt zu einer ganz anderen Akzentuierung: “The problem for anyone who yearns to retain older conceptions of authorship or the author function lies in the fact that radical changes in textuality produce radical changes in the author figure derived from that textuality. Lack of textual autonomy, like lack of textual centeredness, immediately reverberates through conceptions of authorship as well.” (1997, 92) Hier wird die Demontage der Autorschaft vom Argument der reflexiv nicht einholbaren Verfangenheit des Subjekts im Ensemble aufgenommener Texte insgeheim umgestellt auf das Argument, der Autor besitze nicht mehr die volle Verfügungsgewalt über den von ihm produzierten Text.[3]

Noch deutlicher wird die Umdeutung der Todes-Metapher in einer Schrift von 1999, wo Landow nunmehr doch das Überleben einer schreibenden Instanz einräumt und festhält: “So it is, perhaps, not the absence of someone writing, contributing, or changing a text that we encounter, but rather the absence of someone with full control or ownership of any particular text. We find no one, in other words, who can enforce the desire: »Leave my text alone!« Linking, the electronic, virtual connection between and among lexias, changes relations and status.” (156) Im Anschluss an die zitierte Passage folgt der in der gleichen Argumentationslinie liegende Hinweis auf “another adjustement or reallocation of power from author to reader”, das durch die Möglichkeit des Lesers, “to add links, lexias, or both to texts that he or she reads”, gegeben sei. Kein Wort mehr vom inneren Hoheitsverlust über den eigenen Text, nur noch von äußeren Besitzverhältnissen.

Auch Bolter argumentiert in diesem Sinne: “The text is not simply an expression of the author’s emotions, for the reader helps to make the text” (1991, 153). Hier erfolgt die Umdeutung innerhalb eines einzigen Satzes, dessen erster Teil durchaus im Einklag mit dem Poststrukturalismus steht, in dessem Sinne dann aber denn der Autor ist selbst ein Text aus Texten weiterlauten müsste, statt den Leser als Kontrapart einzuführen. In einer Anschlusspassage übergeht Bolter dann sogar die durch die Rezeptionstheorie vorgenommene Stärkung der Rolle des Lesers gegenüber Autor und (gedrucktem, linearem) Text und sieht Rettung nun nur an der sonst so freundschaftlich umarmten Rezeptionstheorie vorbei im Modell des Hypertexts: “One Romantic view is that the poets are talking to themselves and that we as readers are eavesdropping. But in the electronic writing space the reader is no eavesdropper; he or she is a necessary element in the conversation. / The reader may well become the author’s adversary, seeking to make the text over in a direction that the author did not anticipate.” (154)

Der von Landow und Bolter betonte Kontrollverlust des Autors über seinen Text  entspricht zwar durchaus den Tatsachen (zur fortbestehenden, sogar gewachsenen Kontrollmacht des Autors vgl. unten Abschnitt 8), der Bezug auf Barthes und Foucault stimmt in dieser Perspektive jedoch nicht mehr. Die Differenz wurde freilich wieder damit erklärt, dass die Theorie in der Praxis des Hypertextes konkret wird und erst dort ihre eigentliche Vollendung findet. Aber indem ein kompliziertes Verfahren der Entmachtung des Subjekts tief unter der Oberfläche des Diskurses in die sichtbare Entmachtung auf der Oberfläche transformiert wird, wird es nicht konkretisiert, sondern banalisiert. Die Intention des Poststrukturalismus und der Diskurstheorie war, den Akzent auf die schwer durchschaubaren Strukturen und Diskurse zu legen, unter deren Einfluss Menschen denken und handeln. Es ging, wie es Foucault am Beispiel der Macht beschrieb, darum, sich von der juridischen Repräsentation der Macht zu lösen, von der “Matrix einer globalen Zweiteilung, die Beherrscher und Beherrschte einander entgegensetzt” (1991a, 115). Es ging darum, den “Sex ohne das Gesetz und die Macht ohne den König zu denken” (112).[4] Die Hypertexttheorie – zumindest die diskutierte amerikanische, der Markku Eskelinen mit sichtlicher Freude an Überspitzung pauschal „average conceptual weakness“ attestiert (Eskelinen/Koskimaa 2001) – fällt hinter diesen Diskussionsstand zurück, indem sie alles erneut an Personen und separierbaren äußeren Erscheinungen festmacht: Autorität geht nicht an den Diskurs verloren, sondern an den Leser als Gegenspieler; Offenheit meint nicht primär semantische Ambiguität, sondern Kombinationsvielfalt; Intertextualität besteht nicht virtuell, sondern manifestiert sich in anklickbaren Links. Die Hypertexttheorie ist in großen Teilen nicht die Weiterführung der poststrukturalistischen Theorie, sondern Verrat an dieser.

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[1] Barthes lässt keinen Zweifel über die personelle Integrität des Autors: “Linguistically, the author is never more than the instance saying I” (1977, 145). Vgl. ebd., S. 146 über den Autor: “The text is a tissue of quotations drawn from the innumerable centres of culture [...] the writer can only imitate a gesture that is always anterior, never original. His only power is to mix writings, to counter the ones with the others, in such a way as never to rest on any of them.” Dass die Diskurstheorie eine “kritische Analyse der Funktion des Autors in der Ordnung des Diskurses, nicht das Verschwinden des Autors aus dieser Ordnung” beschreibt, hat Uwe Japp schon 1988 herausarbeitet (232f.).   

[2] Landow zitiert hier aus S/Z von Roland Bartes und aus Postmodern Conditions von Lyotard (Landow 1997, 91f.). 

[3] In diesem Sinne zitiert Landow anschließend Michael Heims Klage, dass der Leser eines vernetzten Textes diesen durch eine Database-Suche an jeglichem Punkt, nicht nur an dem vom Autor als Beginn vorgesehenen, ‘betreten’ kann und dass beim elektronischen Schreiben die Einsamkeit des reflektierten Lesens und Schreibens durch die Verlinkung “with the total textuality of human expressions” (Heim 1997, 215) verlorengeht (Landow 1997, 94). 

[4] Landow selbst schließt sich diesem Gedanken im Grunde an, wenn er auf Claude Lévi-Strauss’ Untersuchungsergebnis in The Raw and the Cooked (1964) verweist: “not how men think in myths, but how myths operate in men’s minds without their being aware of the fact” (1997, 93).