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Hypertext. Merkmale, Forschung, Poetik
von Roberto Simanowski

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6. Karneval der Links

Das ausdauernde Augenmerk auf die „misunderstandings in the early – but still influential – hypertext theory“ (Raine Koskimaa in: Eskelinen/Koskimaa 2001) war notwendig, weil die aus den Missvertständnissen resultierende Befreiungs-Rhetorik oft mit der Illusion einhergeht, der Kampf sei gewonnen, wenn der Autor als Person besiegt ist. Man sollte allerdings nicht übersehen, dass die Absetzung des Autors als Aussage-Instanz auch zum Verlust kritischer Positionsnahme führen kann und dass die Vernetzung verschiedener Äußerungen an sich noch kein Ausweis; kritisch-reflektierten Denkens ist. Wie oben vermerkt erfordert die Technologie des Hypertexts, komplexe Gedankengänge auf leicht verständliche Einheiten aufzuteilen und klare, verlinkbare Aussagen zu treffen. Dass die Stichwortlogik des Hypertexts weniger zu dialektischem Denken als zu kontrastierenden Behauptungen führt, vermutet Myron C. Tuman nicht zuletzt anhand des Hypertext-Essays E-Literacy von Nancy Kaplan (1995), in dem seine ambivalente Position zur Zukunft der Literacy (Tuman 1992b) innerhalb eines Progressiv-Konservativ-Paradigmas abgehandelt wird. “hypertextual linking may actually encourage the simplistic, oppositional thinking of TV-talk shows”, vermutet Tuman (1995) und betont weiter, dass das kritische Denken selbst unhintergehbar in Oppositionsmodellen verfangen ist und dass man diesem Problem nicht notwendigerweise mit einer neuen Technologie entkommt.

Die durch den Hypertext vermittelte Kulturtechnik des oberflächlichen, ungeduldigen Lesens – Florian Rötzer spricht diesbezüglich gar vom Verlust der Denkkultur (1998, 19) –, riskiert, so lässt sich argumentieren, vielmehr den Verlust der “hermeneutic tradition of interpretation” (Tuman 1992b, 62) zugunsten einer eiligen Informationsgewinnung, die selbst wiederum oft willkürlich, zufällig und unkritisch zwischen den Angeboten auswählt. Es ist Augenwischerei, wenn man sich frei von autoritärer Manipulation fühlt, weil man zwischen Texten verschiedener Autoren hin und her switchen kann. Dieses Switchen, das sei außerdem angemerkt, ist vor dem Hintergrund der Spass- und Erlebnisgesellschaft auch keine Haltung des Widerstandes mehr, sondern passt recht gut zum Lob der Oberfläche und des richtungslosen Aktionismus innerhalb einer Kultur, die die anstrengende Lektüre und das kritische Urteil selbst nicht mehr trainiert.[1]

Der Verlust einer fassbaren Autorinstanz bedeutet noch nicht Demokratisierung der Kommunikation, wie man weiß, wenn man die diskurstheoretische Macht oder Manipulation nicht allein in personalisierter Form denkt. Gerade das Bewusstsein um die Macht und Autopoiese der Strukturen verdeutlicht die Notwendigkeit kritischer, personalisierter Stellungnahmen gegen diese Strukturen. Das Problem, dass Stellungnahmen immer auch innerhalb von Strukturen erfolgen und mehr oder weniger weder deren Bedingungen noch der oben angesprochenen Oppositionslogik entkommen, löst man nicht durch eine Technologie der ‘Entautorisierung’ und multiplen Relationen, sondern durch eine entsprechende Sensibilisierung für die Relativität aller Aussagen. Dass Ironie und Skeptizismus eine zwangsläufige Folge der Hypertext-Technologie sind, wie Aronowitz suggeriert, ist keineswegs sicher. Das Modell der unendlichen Verlinkung kann auch zu einer beherzten Beliebigkeit führen. “When the only tool you have is a hammer”, so zitiert Tuman aus Burnhams The Rise of the Computer State (1983), “everything begins to look like a nail.” (Tuman 1992b, 69) Die griffige Metapher ist Anlass für einen Link zu einem anderen Zitat, das das gleiche gegensätzlich veranschaulicht: “In anderen Worten”, so Marc Poster über den Einfluss des Internet auf seine Benutzer, “ist das Internet weniger eine Sache als ein gesellschaftlicher Raum, weshalb seine Eigenschaften eher denen Deutschlands als denen eines Hammers ähneln. Deutschland macht die dort lebenden Menschen zu Deutschen (zumindest die meisten); ein Hammer macht jedoch Menschen nicht zu Hämmern […], sondern treibt Metallstifte in Holz.” (1997, 161)

Wenn also unsere Heimat Internet uns v.a. auf die Kulturtechnik des Hämmerns einschwört, ist das noch keine Garantie für den Siegeszug der Ironie. Das Modell der unendlichen Verlinkung kann Komplexität und Relativität von Wahrnehmung und Positionsnahme vor Augen führen, durch die Rhetorik der kleinen Einheiten kann es aber auch das Denken versimplifizieren im Sinne jenes “gesunden Menschenverstandes”, in dem Richard Rorty gerade das Gegenteil von Ironie ausmacht: “Denn er ist die Parole derer, die alles Wichtige unbefangen in Begriffen des abschließenden Vokabulars beschreiben, das sie und ihre Umgebung gewohnt sind.” (1992, 128) Das philosophisch-moralische Modell des „liberalen Ironikers”, wie es Rorty im Anschluß an seine Erkenntniskritik entwickelt, einer Ironikerin, die vom „Bewusstsein der Kontingenz und Hinfälligkeit ihrer abschließenden Vokabulare, also ihres eigenen Selbst”, getragen ist (128), entwickelt sich, so ist zu fürchten, so wenig allein aus einer Technologie, wie die Demontage der alten Lehrerautorität schon die Befreiung des Denkens bedeutet.[2] Links können durchaus ironisch sein – sie können aber auch ins dichotomische Denken zurückführen, vor allem aber können sie statt im Zeichen der Ironisierung im Zeichen der Karnevalisierung stehen.

Die Praxis der Lektüre des Hypertextes konfrontiert den Leser zunächst mit einem Taumel der Möglichkeiten” (Wirth 1997, 319), in dem er nicht nur entscheiden muss, welchem Link er folgen will, sondern auch, ob dies gleich geschehen soll oder erst nach der Kenntnisnahme des vorliegenden Lauftextes. Der zur Entscheidung, zur Aktivität  gezwungene Leser hat dabei oft nur wenige Anhaltspunkte für die vorzunehmende Navigation. Es gibt zwar eine Routine der Vermutung – so führt der Link auf einer Person zumeist zu biographischen Angaben – und auch die in der Taskbar angezeigte Zieladresse des Link mag von einiger Hilfe sein, generell weiß man aber kaum, wohin ein Link führen wird. Dieser Umstand der eher aggregativen als integrativen Verknüpfung der Textsegmente bringt jenes Phänomen hervor, das Uwe Wirth als abduktives Lesen beschrieben hat: Der Leser von Hypertexten “übernimmt die Rolle eines abduzierenden Detektivs, der die Spuren des Hypertextes liest, den Links folgt und einen plausiblen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Textfragmenten herstellt.” (1997, 329)

Dass der Leser dabei schnell die Lust und den Glauben in die Rationalität der Verlinkung verlieren kann, zeigen jene Beispiele, die vom Würstchen in fünf Schritten zu Plato führen: “Man stellt sprunghafte Kontiguitäts- und Assoziationsbeziehungen her und gelangt so vom ‘Würstchen’ zu ‘Schwein’, von ‘Schwein’zu ‘Borste’, vom ‘Borste’ zu ‘Pinsel’, von ‘Pinsel’ zu ‘Manierismus’, von ‘Manierismus’ zu ‘Idee’ und von dort zu ‘Plato’.” (329) “Ohne ein limitierendes Relevanzkriterium”, so Wirths Mahnung, “führt die Freiheit, den rhizomatischen Raum, d.h. den Raum der Mutmaßung, auszuschreiten, in die »semantische Orientierungslosigkeit«, mithin zu einer beliebigen Ordnung der Dinge und zur universellen Anschließbarkeit von allem mit jedem.  […] Das Prinzip der universellen Anschließbarkeit karnevalisiert alle pragmatischen Relevanzsysteme. Es stellt willkürliche Kohärenzbeziehungen her und verwischt die Grenze zwischen relevanten und irrelevanten Aspekten.” (329)[3]

Wirth hält fest, dass das in der Verlinkung bewahrte Ausmaß an Kohärenz bestimmt, inwiefern dem Leser die Rolle als “sinnsuchender Detektiv” oder als “surfender Dandy” abverlangt wird (335), und optiert für eine Integration des assoziativen, hypertextuellen Lesens in den Prozess des abduktiven Hypothesenaufstellens: “Als guter Leser-Detektiv wird er [der Leser] seine abduktive Kompetenz als geistigen Kompass im rhizomatischen Labyrinth des Diskurses nutzen. Doch er muss auch seine abduktive Kompetenz, welche immer schon auf ‘vor-ausgelegte’ Relevanzstrukturen und Kohärenzkriterien zurückgreift, ironisch reflektieren können, ja sie womöglich ‘auf den Kopf stellen’.”(336) Der ironische Blick auf die Relevanzstrukturen und Kohärenzkriterien, mit denen man an den Text tritt, führt uns einerseits wieder zu Rortys liberalen Ironikern, andererseits zu Juri M. Lotmans Beschreibung des Leküreprozesses als Kampf zwischen dem Eigenen und dem Fremden – “Die Rezeption eines künstlerischen Textes ist immer ein Kampf zwischen dem Zuhörer und dem Autor” (1986, 407) –, anders gesagt, zwischen der Appellstruktur des Textes und der Interessenstruktur des Lesers. Die paradoxe Ethik dieses Rezeptionsmodells eines gemäßigten Konstruktivismus: Der Leser gewinnt, wenn er verliert, denn nur wenn er die Wirklichkeitsmodellierung des Autors zulässt, kann er sein eigenes Wirklichkeitsmodell modifizieren und erweitern. Dieser Kampf ist freilich kein Spezifikum des Hypertextes, erfährt dort aber einen besonderen Ausgang. Wo der Tod des Autors gilt, fehlt dem Leser der Gegner; und dies trifft in erster Linie für jenen Tod zu, wie er in der Hypertexttheorie zumeist verstanden wird: Der Tod des Autors als Ordnungsprinzip des Textes.

Die Karnevalisierung, die Wirth anspricht, resultiert zum einen daraus, dass dieser Tod gar nicht vorliegt, zum anderen daraus, dass er es doch tut. Im ersten Falle, auf den wir gleich näher zu sprechen kommen, drückt sich die Präsenz des Autors in der Linksetzung aus, für deren Kohärenz oder Nichtkohärenz er dann auch verantwortlich ist. Der zweite Fall liegt vor, wenn man einem externen Link, der in der Verantwortung des Autors liegt, folgt und dann auch auf der neuen Website einen externen Link, der in der Verantwortung eines anderen Autors liegt, anwählt. Bringen wir Wirths aus Umberto Ecos Roman Das Foucaultsche Pendel geborgtes Beispiel der Plato-Wurst-Beziehung ins Internet, ist klar, dass das Kohärenzkriterium von Link zu Link durchaus besteht – der Link von Würstchen zu Schwein liegt so nahe wie der von Idee zu Plato – und dass sich nur in der Abfolge dieser Links der karnevaleske Aspekt einstellt. Die Karnevalsierung ist in diesem Fall ein Phänomen externer Vernetzung, die den Leser einen Text zusammenstellen lässt, der verschiedene Autoren bzw. Autor-Instanzen hat. Hier muss sich der Leser als “abduzierender Detektiv” auf die Kohärenzkriterien immer wieder neuer Autoren einlassen, ohne wirklich Zeit zu haben, deren Psychologie zu erkunden und dem Vorgefundenen die eigene Wirklichkeitsmodellierung entgegenzusetzen. Je mehr er mit dem Hammer um sich schlägt, desto aussichtsloser ist der Kampf, den er weder gewinnen noch verlieren kann.

Fall eins – die Verantwortlichkeit des Autors für die Linksetzung – liegt freilich auch in gedruckten bzw. linearen Texten vor, wo es gilt, die Anschließbarkeit von Satz zu Satz, von Absatz zu Absatz zu garantieren. Im geschlossenen Hypertext eines Autors oder einer Autorengruppe wächst das Problem dieser Aufgabe allerdings mit den Möglichkeiten der Verlinkung; dies führt tendenziell dazu, dass der Autor verantwortlich für die Linksetzung ist und doch keine Verantwortung für die Linkstruktur übernehmen kann. Da die Möglichkeiten der Verlinkung exponentiell zunehmen, kann bei entsprechender Komplexität nicht mehr davon ausgegangen werden, dass der Autor alle Navigationsmöglichkeiten des Textes auf Relevanzstrukturen und Kohärenzkriterien geprüft hat. Er kann immer nur den Link selbst prüfen, nicht aber, wie er sich in der Vor- und Nachgeschichte seiner Aktivierung ausnimmt, denn diese Geschichte besteht aus all den Kombinationsmöglichkeiten, die sich bisher ergeben haben bzw. noch ergeben werden. Da der Kontext das Verständnis der vorliegenden Zeichen bestimmt, ist der Autor nicht in der Lage, die vom Leser zu erwartende Bedeutungszuschreibung sicher zu kalkulieren und sein Wirklichkeitsmodell gegen das des Lesers aufzubauen. Der Autor, so das abzuleitende Paradox, kennt seinen Text nicht – der Leser kämpft mit sich allein.

Wenn das Bezugsnetz des Hypertextes in seinen exponentiell wachsenden Realisierungsmöglichkeiten die Kenntnis des Autors übersteigt, so ist es andererseits auch nicht ein Produkt des Lesers. Dessen “attentionale Zuwendung” zum Text (Iser 1994, 164) wird bei der klassischen Lektüre zwar durch den Autor zu beeinflussen versucht, erfolgt letztlich aber doch abhängig von der individuellen Wahrnehmungs- und Denkdisposition, die somit ein subjektives Netz des Textes bzw. Kommunikats erstellt. Im Hypertext ist die “attentionale Zuwendung” durch Links markiert und somit unvermeidlich. Die Möglichkeiten der Verzweigung innerhalb des Netzes sind durch den Autor nicht nur angelegt, sondern festgeschrieben; ohne jedoch im einzelnen durchgespielt worden zu sein. Paradox Nummer zwei: Der Autor kennt zwar das angelegte Netz nicht, regiert es aber gleichwohl.

Angesichts dieser produktionsästhetischen Unzuverlässigkeit stellt sich freilich die Frage, inwiefern das rezeptionsästhetische Entscheidungsdilemma im Taumel der Möglichkeiten” (Wirth) nur ein eingebildetes ist, dem auf der anderen Seite gar kein Abruf einer Entscheidung voranging. Wie dem auch sei, es bleibt die Tatsache, dass jeder Link, wie Suter es formuliert (Suter 2000, 144), den Leser zunächst vor die Option von Ausstieg oder Aufschub stellt und somit zur Entscheidung zwingt, den laufenden Text sofort zu verlassen oder zunächst an sein Ende zu lesen. Wenn Landow von „rhetoric of departure“ und „rhetoric of arrival“ spricht (1997, 12), so wäre das Duo um die Rhetorik des Aufschubs zu ergänzen, denn es ist mit Markus Krajewski (1997, 67) wohl davon auszugehen, dass die meisten Leser im Modell einer ignorierenden Lektüre die angebotenen Links zunächst übergehen und sich diesen erst nach der Kenntnisnahme des vorliegenden Textes zuwenden.

Was auch immer man tut, das Mögliche bleibt hinter dem Realisierten erkennbar mit einer zentrifugalen Kraft, selbst oder gerade wenn es ausgeschlagen wurde: “Once the choice is made, the reader may regret her decision and be haunted with the »could have been«” (Ryan 2000b). Die nichtgewählte Option ist gewiss ein Stachel, der zu jeder Lektüre eines Hypertextes gehört. Wie schmerzhaft aber ist der Stich tatsächlich, wenn die andere Entscheidung durch die über den Browser getätigte oder im Text angelegte Rückkehr jederzeit nachgeholt werden kann? In diesem Falle geht kein Text verloren, es variiert nur die Reihenfolge der Textsegmente, deren spezifische Bedeutung aber bezweifelt werden muss.

Diskutiert man die Frage im Hinblick auf den offenen Hypertext im Internet – Fall zwei in der oben gemachten Unterscheidung –, existiert die Möglichkeit des Auslesens durch Rückkehr freilich nicht, da die Links potentiell zu allen Sites des Netzes führen. Diskutiert man die Frage im Hinblick auf den geschlossenen Hypertext ohne externe Links, stellt sich die Sache noch einmal anders dar. Denn dann bedeutet Aufschieben zumeist nicht Aufheben, sondern tatsächlich nur Aufschub, bis man innerhalb des Textgeflechts auf den ausgeschlagenen Node zurückgeführt wird. Diese entscheidende Differenzierung zwischen offenem und geschlossenem Hypertext wird in der Diskussion von Hypertexten nicht immer vorgenommen, was dann leicht dazu führt, dass richtige Schlussfolgerungen im Hinblick auf die Lektüre des einen ohne weitere Prüfung auf die Lektüre des anderen Modells angewandt werden. Die Lektüre des geschlossenen Hypertextes bedeutet weder Ausstieg aus dem vorliegenden Textzusammenhang noch Begegnung mit einer unbestimmten Autorschaft; ihr wesentlicher Aspekt ist nicht die Entscheidung für oder gegen einen Link, sondern die Frage, ob die Kombination der Nodes schließlich einen Unterschied für die dem Gesamttext letztlich zugeschriebene Bedeutung erzeugt. Wir kommen darauf zurück in Abschnitt 10. Zunächst ist einer anderen Differenzierung zu folgen, und zwar der zwischen einer Database zu Sachthemen und einem literarischen Hypertext. Bei letzterem geht es nicht um Informationsgewinn und Informationsdemokratie, sondern um das Erzählen einer Geschichte im multilinearen Stil. Hier stellt sich die Frage also unter dem Vorzeichen der Ästhetik.

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[1] Steven Johnsons auf den ersten Blick plausibler Differenzierung “Channel surfing is all about the thrill of surfaces. Web surfing is about depth, about wanting to know more” (1997, 130) steht Florian Rötzers einen Schritt weiter gehende Überlegung entgegen, dass gerade das TV-Zappen Ausdruck rückeroberter Herrschaft des Konsumenten gegenüber nicht beeinflussbaren Angeboten ist, während in den interaktiven Medien das “Zappen internalisiert und damit die Restsouveränität des Zuschauers untergraben” ist (1998, 95). Zur Signatur der Spassgesellschaft als Inszenierung des Autoritativen durch das Medienverbundsystem vgl. Lenger 2000.

[2] Vgl. Tumans Argumentation, dass die Entmachtung des Lehrers – der zu Unrecht pauschal als “judge on the side of the system” gesehen werde – nicht automatisch zur Kritik am System, sondern oft nur zur Etablierung des Commonplaces und des ordinären Denkens führe (1992a, 81-108., hier: 104), wobei der Commonplace strukturell dem “gesunden Menschenverstand” bei Rorty vergleichbar wäre.

[3] Diese Grenzverwischung erfolgt übrigens auch durch jene Links, die keineswegs Kohärenz zur Adresse vermissen lassen, dafür aber einen wirklichen Grund der Verlinkung. So kritisiert Johnson etwa den “mindless use of hypertext” am Beispiel eines Links zu Apple Computer, nur weil diese Company im Text genannt wird, was dann zum völlig unspezifischen Link www.apple.com führt, also eine Ahnungslosigkeit des Lesers voraussetzt, die schon an Beleidigung grenzt, oder eine Ahnungslosigkeit des Autors bezeugt, die nicht minder ärgerlich ist (1997, 128).