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160 Zeichen Liebe
Zur Kommunikation eines Gefühls im SMS-Format

von Alexander Roesler

Das Handy ist mehr als ein Telefon, es beschränkt sich nicht nur auf mündliche Kommunikation, sondern ermöglicht auch schriftliche: Durch das Versenden von Kurzmitteilungen (SMS) integriert es einen Dienst, der eher an EMails denn an Gespräche erinnert. Verbunden mit der Eigenschaft der Portabilität ergeben sich daher neue Möglichkeiten der Kommunikation - auch und gerade im Liebes-Diskurs. Fünf Eigenschaften kennzeichnen dabei das Kommunizieren mittels SMS-Botschaften: Knappheit, Schriftlichkeit, Augenblicklichkeit, Privatheit, (fehlende) Objekthaftigkeit. In Praxis wie Theorie ergeben sich daraus Einschränkungen und Erweiterungen in der Ausdrucks- und Darstellungsmöglichkeit von Liebe, die im Vortrag untersucht werden. Mit dem Auftauchen von EMS wird am Ende ein Ausblick auf das nächste Format von Liebes-Diskursen gegeben, das sich bereits jetzt abzuzeichnen beginnt.

1.Knappheit
2. Schriftlichkeit
3. Augenblicklichkeit
4.Privatheit
5.Fehlende Objekthaftigkeit
6. Ausblick


„Die Liebe vertraut sich an, sie spricht, sie teilt sich mit“
Roland Barthes

[SMS: Short Message Service; Zusatzfunktion in der Mobiltelefonie: Textnachrichten in einer Länge von 160 Zeichen können von Handy zu Handy augenblicklich übermittelt werden. Die erste SMS-Nachricht wurde im Vodafon-GSM-Netz in Großbritannien im Dezember 1992 verschickt und war zunächst als kostenloser Zusatzservice gedacht, mit dem die Netzbetreiber den Kunden Nachrichten schicken konnten.]

Der Anfang der Liebe mag ein Gefühl sein. Aber erst die Übermittlung dieses Gefühls an die richtige Adresse und zurück führt zu ihrer Verwirklichung. Liebe ist daher auf Kommunikation angewiesen, und weil Liebe unbedingt ist, nutzt sie alle verfügbaren Mittel zu Verwirklichung ihres Ziels – erst recht alle verfügbaren Kommunikationsmittel. Ein Kommunikationsmittel allerdings, das ist ein alter Grundsatz der Medientheorie, bleibt nicht ohne Einfluß auf die Kommunikation selbst. Es stellt eine Form bereit, die sich auf den Inhalt auswirkt, indem sie dem Ausdrucksbedürfnis durch die Möglichkeit, die sie ihm bietet, Restriktionen auferlegt. Die Kommunikation paßt sich dem an, nutzt das Medium, verändert sich und bildet eine eigene Form aus. So auch im Fall der Kommunikation im SMS-Format.

Fünf Struktureigenschaften kennzeichnen meines Erachtens dieses Format: Knappheit, Schriftlichkeit, Augenblicklichkeit, Privatheit und fehlende Objekthaftigkeit. Diese Begriffe benennen jedoch nicht streng abgetrennte Bereiche, sondern überlappen sich, verweisen aufeinander und ergeben zusammen eine Art Begriffsnetz, mit dessen Hilfe das Besondere der SMS-Kommunikation eingefangen werden kann. Diese fünf Eigenschaften der Kommunikationsform möchte ich in ihrer Auswirkung auf den Kommunikationsinhalt „Liebe“ untersuchen. Dabei gehe ich davon aus, daß die Liebenden sich bereits kennen und ein Paar bilden; außerdem sind sie räumlich getrennt.

[57 Millionen Deutsche besitzen ein Handy, es gibt 42 Millionen Festnetzanschlüsse. Im gesamten Mobilfunknetz wurden im Mai 2001 in Europa 10 Billionen SMS-Nachrichten verschickt. Im Durchschnitt sendet jeder Handy-Nutzer 35 SMS im Monat.]

1. Knappheit

Bei der Liebeskommunikation geht es um die Kompensation eines Mangels: Technische Geräte werden hier verwendet, weil der andere nicht anwesend ist und dieses schmerzliche Fehlen gelindert werden muß. Dies ist der elementarste Mangel der Liebenden und seine Entsprechung findet er in der beschränkten Länge einer SMS-Botschaft. 160 Zeichen sind nicht viel. Das reicht, um zehnmal „Ich liebe dich“ inklusive Leerzeichen zwischen den Worten plus einmal „Ich liebe“ zu übermitteln, oder dreizehnmal ohne Leerzeichen plus einmal „Ichl“. Knappheit ist aber immer auch eine Chance. Der Umgang mit Mangel setzt Kreativität frei und kann dazu dienen, ihn zu gestalten und dadurch zur Verstärkung der Liebe zu führen. Welche Möglichkeiten stimuliert hier das SMS-Format?

Um dem überbordenden Mitteilungsdrang großer Gefühle Raum mehr zu verschaffen, wird gerne gekürzt. Die simpelste Form ist das WeglassenderWortzwischenräume. Um die Lesbarkeit des Geschriebenen zu erhöhen, können BinnenMajuskel Verwendung finden. Auch werden Worte gerne zmgzgn oder abk., teilweise unter Rückgriff auf amerikanische Floskeln wie „cu“ („see you“), „j4f“ („just for fun“), „bbb“ („bye bye baby“) oder Neuschöpfungen im Deutschen: Die beliebteste Abkürzung lautet „hdl“ („hab dich lieb“) mit den Varianten „hdal“ („hab dich auch lieb“) und „hdgdl“ (“hab dich ganz doll lieb“). Es lassen sich Anfangs- und Endtilgungen beobachten, wie bei „wars“, „sehn“, „nich“, oder es wird gleich ganz auf Worte verzichtet, um Emoticons zu verwenden, die aus der Email-Kommunikation bekannt sind: ;-) für „Augenzwinkern“, :-( für „Traurigkeit“ usw. Man kann ebenfalls eingegangene SMS-Texte speichern und seinerseits weiterverwenden. Und man kann natürlich auch die Grenze der 160 Zeichen umgehen, indem man seine Mitteilung in mehrere Sendungen aufteilt.

Wem es an Originalität mangelt, der findet Hilfe auf zahlreichen Websites im Internet, wo er passende Beispiele findet, die er nur zu übernehmen braucht oder gleich von dort aus auf das Zielhandy schicken lassen kann. Auch gedruckt liegen zahlreiche Ratgeber vor, die für jeden Anlaß die richtige Formulierung bieten. Diese Dienstleistung ist jedoch nicht neu. Sie erinnert an den Begriff „Briefsteller“, der schon ab dem 14. Jahrhundert ein Muster- oder Lehrbuch bezeichnet (liber epistolaris), das rhetorische Regeln für alle Arten von Briefverkehr verzeichnet, oft durch Formeln und Beispielsammlungen bereichert. Die Gefahr der Stereotypbildung ist bekannt und wird seit dem Mittelalter beklagt. Man kann also Originalität borgen, muß jedoch darauf vertrauen, daß der Adressat die Sammlung nicht kennt. Ansonsten droht gerade in der Liebeskommunikation Verstimmung.

In ihrer Knappheit kann die SMS oft nicht mehr sagen, als daß sie geschrieben worden ist. Gerade in der Liebeskommunikation ist der Sinn der Botschaft daher nicht mehr als ein „Ich denke an Dich“, oder natürlich auch ein „Vergißmeinnicht“; niemand erwartet wirklich Inhalt, der darüber hinausgeht. Das entspricht der Konzentration der Liebeskommunikation auf die Expressivität, auf das faktische „das“ des Gefühls. Es geht nicht um den Austausch von Ideen, es geht nicht um einen Dialog wie beim Brief oder beim Telefonieren: Es geht um reinen Ausdruck. Gerade deshalb ist die Knappheit der SMS für die Liebe so geeignet.

[In 60% der Fälle wird von der Groß- und Kleinschreibung abgewichen, 50% der über 30-Jährigen beachtet Groß- und Kleinschreibung, 66% folgen normgerechter Zeichensetzung, 85 % tilgen das „e“ und das „t“, 79% dieser Tilgungen betrifft die 1. Person singular.]

2. Schriftlichkeit

Obwohl Teil des Telefons, basiert die SMS-Funktion auf Schrift. Neben allen der Knappheit geschuldeten Verwendungen der Schrift tauchen grafische Gestaltungen auf, die über die eigentliche Schrift hinausgehen. Das hängt mit der Tatsache zusammen, daß es eben nicht um die Übermittlung von Information geht, sondern um den Ausdruck von Gefühl. Dies läßt sich oft leichter, direkter oder auch origineller durch grafische Umsetzung erreichen, die aus der Email-Kommunikation bekannt sind. Emoticons sind dafür ein Beispiel, aber auch so etwas wie das „Malen“ von Gegenständen wie einer Rose: @--))-- oder ganzen Bildern, die Zeichen über das Display verteilt zu einer Grafik anordnen:

 .–‘‘‘­–.,.–‘‘‘–.

!   ICH LIEBE   !

 ‘‘–  DICH   –‘‘

   ‘‘‘     ‘‘‘

      ‘‘  ‘‘

         

Auch hier gibt es zahlreiche Dienstleister im Internet und anderswo, die bereits vorgefertigte Bildchen zu laden und zu versenden ermöglichen. Man sollte dabei nur achtgeben, daß das Handy des Empfängers die gleiche Verteilung der Zeichen auf dem Display ermöglicht wie das eigene.

Eine weitere Besonderheit ist die Eingabehilfe T9. Sie erspart das langwierige Tippen von Buchstaben, denn jede der Tasten des Handys ist mit mindestens drei Buchstaben belegt, so daß man bis zu dreimal oder öfter für den gewünschten Buchstaben drücken muß. T9 errechnet aufgrund von Wahrscheinlichkeiten das gewünschte Wort und verringert damit den Tippaufwand. Es gibt allerdings gelegentlich mehrere Möglichkeiten und T9 bietet nicht immer das gewünschte Wort an. Möchte man z.B. „Küsse“ eingeben und drückt die Tasten 5, 8, 7, 7, 3, bietet T9 „Kurse“ an. Daraus kann sich dann eine Art „Geheimsprache“ ergeben, obwohl vielleicht nur Börsianerherzen bei Sätzen wie „Deine Kurse schmecken wie Honig“ höher schlagen. Da Liebende gerne ihre eigene anspielungsreiche Privatsprache ausbilden, bietet T9 hier zusätzliche Anregung.

Aufgrund der Knappheit entfallen auch Anrede und Unterschrift bzw. Verabschiedungsformeln, wenn man den Brief oder das Telefonat zum Vergleich heranzieht. Das ist technisch auch nicht notwendig, denn der Absender jeder SMS wird automatisch angezeigt, wenn seine Nummer im Telefonbuch des Handys gespeichert ist und der Adressat ist durch die richtig gewählte Nummer ebenfalls eindeutig identifiziert. Damit ist der Ort für preisende Anreden der Geliebten wie „meine Teuerste“ und Verabschiedungen wie „auf ewig Dein“ nicht unmittelbar vorgesehen; sie werden daher gerne weggelassen.

Hintergrund all diesen Umgangs mit Schrift ist die Knappheit. Aus Mangel an Platz und daher an Informationsmöglichkeit reduziert sich die Mitteilung auf den bloßen Ausdruck von Gefühl. Dieser wird aber nicht mehr in aller Ausschweifung mit den traditionellen Floskeln der Briefkultur erreicht, sondern in neuen Wendungen, welche die Schriftzeichen aus ihrer Eigenschaft als Buchstaben in grafische Grundelemente verwandeln, mit denen expressive „Bilder“ arrangiert werden können. In diesem Sinne ist der Inhalt der Liebeskommunikation mittels SMS die Reduktion solcher Kommunikation auf das wesentliche, das Gefühl: Der Inhalt paßt sich dem Platzmangel an und sucht neue Formen des Ausdrucks, die mit der Schrift über die Schrift hinausgehen.

[:-\ bedeutet „unentschlossen“, :-* „bittere Pille“, :-x „Kuß“, :-X „großer Kuß“, :-& „sprachlos, ängstlich“, %-( „Verwirrung“, (:-( „nachdenklich, Stirnrunzeln“.]

3. Augenblicklichkeit

Das Besondere der SMS ist ihre Augenblicklichkeit: kaum geschrieben, schon gesendet, wobei man davon ausgehen kann, daß der Adressat die SMS auch sofort erhält und liest, da kompetente Handy-Nutzer ihr Gerät immer angeschaltet haben. Das ist der Unterschied zur Email, bei der man nicht davon ausgeht, daß der Adressat im Moment des Abschickens auch online ist, vom Unterschied zum klassischen Brief ganz zu schweigen. Das macht SMS auch für die Liebeskommunikation besonders geeignet; keine Postkutsche, kein Briefträger, keine schlampig arbeitende Post, keine Auslieferungszeit verzögert Sendung und Empfang. Die SMS-Botschaft ist die Verkörperung des Instantanen und entspricht damit dem Liebesgefühl. Sie ermöglicht Gefühlskommunikation in Echtzeit.

Die SMS-Botschaft bedeutet inhaltlich daher nicht nur „ich denke an dich“, sondern ganz genau: „Ich denke jetzt an dich“, und zwar wirklich „jetzt“, „in dem Moment, in dem du diese Zeilen liest“. Das ist etwas ganz neues, etwas, das man bisher höchstens mündlich face-to-face oder am Telefon oder schriftlich beim verabredeten Chat erreichen konnte.

Sofortige Lieferung heißt aber auch, daß sofortige Antwort möglich ist. Damit nähert sich die SMS wieder dem mündlichen Telefonieren, dem Chat oder dem zeitraubenden Briefwechsel an und tendiert in Richtung Dialog. Die sofortige Antwortmöglichkeit hat allerdings Auswirkungen auf die Liebeskommunikation und zeigt ihre Dialektik. Denn einerseits kann die Sehnsucht sofort durch eine SMS-Antwort gestillt werden, andererseits kann bei deren Ausbleiben die bohrende Frage entstehen, warum denn nicht gleich geantwortet wird, wo doch der Adressat sein Handy vermutlich angeschaltet hat; will er etwa im Moment nicht gestört werden? Und wenn ja, warum?

Das Ausbleiben einer unmittelbaren Antwort kann in Kontrolle ausarten, zumal das Handy ortsunabhängig ist. Egal, wo der andere gerade ist, er ist erreichbar und könnte sich melden; bestimmte klassische Ausreden fallen daher weg. Außerdem kann, was in der Liebeskommunikation manchmal zumindest von einer Seite erwünscht ist, der andere erreicht werden, auch wenn er anderweitig verabredet ist. Die Möglichkeit, sich in Erinnerung zu rufen durch den Klingelton, der das Eintreffen von SMS-Botschaften signalisiert, kann je nach Standpunkt von Vorteil oder Nachteil sein.

Sofortige Antwort und Unabhängigkeit des Ortes bilden auch Unterschiede zur Liebeskommunikation mittels Brief oder Telefon. Das Evozieren des anderen, der abwesend ist, nicht sobald antworten kann und deshalb beschworen werden muß, entfällt. Ebenso alle Kommunikation, die den Ort des Verfassens oder des Empfangs einer Nachricht mit Gefühl auflädt und thematisiert. Und ebenfalls verschwindet das Warten auf den Anruf, das zum Topos in Literatur und Film geworden ist, das Kreisen um den Apparat, die hektische Reaktion auf eingebildete Klingelzeichen, die Verdammung zur Untätigkeit, die Fesselung an den Ort des Festnetzanschlusses. Der moderne Liebende kann außer Haus gehen, er trägt sein Warten mit sich.

[67% der Frauen und 80% der Männer vertrauen darauf, daß ihre SMS auch ankommt, 42% der Frauen erwarten Antwort auf eine SMS, 50% der Männer.]

4.Privatheit

Versuche in Familien, die sich ein Handy teilen wollten, haben ergeben, daß dies nicht funktioniert. Das Handy wird von den Kommunikationspartnern als ein persönlicher Gegenstand angesehen, auf den nur der betreffende Adressat Zugriff hat. Das liegt banalerweise daran, daß das Handy mobil ist und herumgetragen wird, was einer Gruppe von Menschen nur gelingt, wenn sie gemeinsam unterwegs ist. Das Kommunikationsverhalten orientiert sich in der Praxis daher an dem Grundsatz: ein Handy, ein Besitzer. Dadurch eignet es sich besonders für private Kommunikation.

Denn Privatheit bedeutet zunächst, daß die SMS-Botschaft meist auch den gewünschten Adressaten erreicht. Niemand anderes bekommt die Nachricht zu lesen, es sei denn, der Besitzer borgt sein Handy aus oder zeigt es herum. Man kann also davon ausgehen, daß der Empfänger auch der gewünschte ist; ein Umstand, der in der Liebeskommunikation entscheidend ist: Man kann wirklich privat sein.

Da die SMS eine Textbotschaft ist und folglich vom Empfänger gelesen wird, kann der Inhalt vertraulich behandelt werden. Das steht in eigentümlichen Kontrast zum ansonsten vollständig öffentlichen Charakter des Handys: Wer es als Telefon benutzt, kann seine Worte nicht vor Umstehenden verbergen, die das Gespräch mitbekommen, ob sie wollen oder nicht. Die SMS dagegen kann privat bleiben und hat darüber hinaus den Vorteil, dem anderen eine Nachricht zu übermitteln, die er auch in großen Menschenmengen allein für sich wahrnehmen kann. Selbst wenn sich das Eintreffen der SMS mit einem kurzen akustischen Signal bemerkbar macht, bleibt der Inhalt der Nachricht verborgen. SMS ist daher die private Kehrseite des Handys als öffentliches Telefon.

Privatheit bedeutet auch, daß im Fall der SMS der Absender nicht anonym bleiben kann. Ist er im Telefonbuch namentlich gespeichert, wird der Name im Display angezeigt, ansonsten erscheint die Telefonnummer. Möchte man anonym bleiben, ist einiger Aufwand nötig; man muß z.B. über einen „Free-SMS-Service“ im Internet gehen, der SMS im Auftrag vom Server aus verschickt. Dieses Vorgehen empfiehlt sich jedoch lediglich dann, wenn man an der Anbahnung einer Liebesbeziehung interessiert ist. Ansonsten gilt, daß der Absender immer bekannt ist.

[32,5 % aller SMS enden mit einer Formel für die Verabschiedung, meist als Abkürzung wie „hdl“, „cu“ oder „LG“.]

5.Fehlende Objekthaftigkeit

Der Text der SMS-Nachricht ist wie jeder Text im Computer lediglich digital vorhanden. Sein Objektstatus ist daher von besonderer Art, er ist nicht „greifbar“ wie ein Brief oder in der Weise aufzeichenbar wie ein Telefongespräch. Ganz deutlich wird das an der Aufbewahrungsmöglichkeit von SMS-Nachrichten auf dem Handy selbst. Zwar sind einzelne Nachrichten speicherbar, doch hat der Speicherplatz nur einen begrenzten Umfang. Je nach Länge lassen sich nur 10 bis 15 SMS-Botschaften aufbewahren. Möchte man neue erhalten, müssen die alten erst gelöscht werden.

Verschärft wird diese Situation dadurch, daß sich SMS-Nachrichten nicht so ohne weiteres anderswo als auf dem Handy abspeichern lassen. Lediglich technisch avancierte Modelle verfügen über eine Infrarotschnittstelle, mit der Daten auf den Computer übertragen werden können. Oder man besitzt einen Organizer mit integriertem Handy. Fehlt diese Technik, muß man SMS-Nachrichten zur Aufbewahrung abschreiben.

Diese Bedingung stellt für die Liebeskommunikation einen extremen Unterschied zu allen anderen Kommunikationsformen dar. Will man eine Nachricht seiner Liebsten archivieren, ist es die eigene Handschrift, in der sie konserviert wird. Sammlungen, wie sie z.B. bei Liebesbriefen möglich sind, an denen man sich immer wieder erfreuen kann, indem man sie hervornimmt und wieder und wieder liest, sind nur als Abschriften möglich. Die begrenzte Speichermöglichkeit verdeutlicht damit, das die Augenblicklichkeit der SMS technisch eingeschrieben ist.

Fehlende Objekthaftigkeit läßt auch die Chance schwinden, die Nachricht der Geliebten als Fetisch zur Überbrückung der Trennung zu benutzen. Nichts an der abgeschriebenen Nachricht ist authentisches Zeichen der Geliebten, lediglich die Wortwahl und ihre Anordnung. Nichts, was sich z.B. in einem Brief an Individualität finden läßt, ist gerettet: keine Tränen, die das Papier benetzt haben, kein Duft, der auf dem Blatt verteilt worden ist, kein geblümtes Papier, keine Beigaben, keine Merkmale der Handschrift. Lediglich nackter Inhalt, nichts, was die Geliebte buchstäblich berührt hat.

Alle Individualität des Absenders muß sich daher im Inhalt und seiner Abfassung ausdrücken. Jeder Schreib- oder Tippfehler, jede Bevorzugung von Klein- anstelle von Großschreibung, jedes Wortspiel mithilfe von T9, jede Abkürzung und Auslassung kann als Spur der Geliebten gelesen werden. Mehr jedoch nicht. Materialität ist in Inhalt kodiert, reines Anzeichen, ohne physischen Kontakt mit realen – geliebten – Personen.

[30% der Frauen und 26% der Männer schreiben niemals eine SMS an den Partner.]

6. Ausblick

Alles dies ist jedoch eine Bestandsaufnahme des Augenblicks. Daß es anders werden wird, ist unumstößlich. Auf Werbeplakaten wird bereits das Fotografieren mit dem Handy angepriesen, das Versenden von Bildern. Aus SMS wird MMS: Multi Media Service. Und Bilder sind nur der Anfang. Die Reduktion auf 160 Zeichen wird fallen, die Bilder werden laufen lernen, Töne, Musik etc. werden per Handy aufgezeichnet und verschickt werden können. Mit dem Ausbau des UMTS-Netzes und der Notwendigkeit, mit neuen Diensten Geld zu verdienen, wird die alte Form der SMS verschwinden.

Am Beispiel der Fotos läßt sich zeigen, daß damit auch die Liebeskommunikation per SMS betroffen ist. Man kann sich nun als Angesicht in Erinnerung bringen, man kann eine ganz andere Kontrolle ausüben, indem man sich ein Foto der Umgebung schicken läßt, in welcher der andere sich gerade befindet, Knappheit bildet kein Problem mehr, Schriftlichkeit als Medium wird aufgehoben, Objekthaftigkeit zumindest erweitert. Lediglich Privatheit bleibt bestehen, ebenso wie Augenblicklichkeit. Der Unterschied zur Email-Kommunikation allerdings wird beseitigt. MMS-Botschaften sind dann Emails mit Attachment und der einzige Unterschied besteht darin, daß der Empfänger vermutlich immer online ist. SMS als eigenständige Kommunikationsform löst sich in Multimedia auf und verschwindet. Die Liebe wird sich neue Wege der Kommunikation suchen. Und finden.

[Dieser Text entspricht 119 SMS-Nachrichten. Inklusive Leerzeichen.]

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