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Krise des Verstehens
Lesekompetenz nach PISA

von Roberto Simanowski
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Auf der Frankfurter Buchmesse 2002 lag ein Lächeln der Erleichterung auf den Gesichtern der Verleger: Die Bedrohung des Buches durch die neuen Medien schien gebannt zu sein, vorbei der Spuk vom Lesen am Bildschirm. Und die PISA-Studie unterstrich es: Deutsche Schüler sollten mehr Zeit mit Büchern verbringen als am Computer. Aber erfüllen Lehrer mit solcher Perspektive wirklich ihre pädagogische Verantwortung? Über die Lesekompetenz im Zeitalter digitaler Medien, über die Erkenntisfreude der Lehrer und über die Wiederkehr der Mandarine.


1. Die Wiederkehr des Buches

Auf der Frankfurter Buchmesse 2002 lag ein Lächeln auf den Gesichtern der Verleger. Ein Lächeln der Erleichterung und neuen Selbstsicherheit: Die Bedrohung des Buches durch die neuen Medien schien gebannt zu sein. Die seit einigen Jahren umgehenden Berichte vom Ende des Gutenbergzeitalters hatten sich als haltlose Science-Fiction herausgestellt, deutlichstes Zeichen dafür eine Leerstelle der Messe 2002, auf der es keinen 100 000 Dollar-eBook-Award mehr gab, der erst 2000 mit großer Gala in der Alten Oper eingeführt worden war. Vorbei der Spuk vom Lesen am Bildschirm; das gute alte Buch hatte Kino und Fernsehen überstanden und nun, wie es aussah, auch die neuen Medien. Wenn diese dem Buch eine Gefahr waren, dann jedenfalls nicht in Form des elektronischen Buches. Eher schadeten sie ihm als Online-Anzeigenmarkt, der den Zeitungen Werbeeinnahmen wegnimmt und Finanzprobleme bereitet, die sich schließlich auch negativ auf das Feuilleton, dieser wichtigen Vermittlungsinstanz guter Literatur, auswirken.

Das elektronische Buch ist gescheitert, weil es durch den Wegfall des haptischen Sinns nur mindere Qualität des Leseerlebens bot, ohne dafür mit einem ästhetischen Mehrwert entschädigen zu können. Allemal die immense Speicherkapazität und die individualisierbare Suchfunktion hatte es dem gedruckten Buch voraus. Aber wer braucht schon immer gleich 100 Romane zur Auswahl bei sich und wer liest diese dann mit dem Stift in der Hand! Und während das elektronische Buch wegen mangelnder Sinnlichkeit auf dem Literaturmarkt nicht wirklich Fuss fassen konnte, probierte dieser Modelle erweiterter Sinnlichkeit aus. Die Literatur wurde ins Paradigma der Eventkultur integriert, Gedichte fanden als gesprochenes Wort ihren Weg zurück in das Ereignis kollektiver Rezeption und Lesungen wandeln sich heutzutage nicht selten in audiovisuelle Veranstaltungen.

Erfolge sind auch an anderen Fronten zu verzeichnen. Das Buch scheint nicht nur seinen elektronischen Konkurrenten zu überleben, es erfährt sogar ein Comeback als verbindliches Kulturgut. Zum Beispiel durch die Reduktion der Auswahl auf einen einzigen Titel, den dann eine ganze Stadt liest, wie Bernhard Schlinks Vorleser, der 2002 in Bad Hersfeld in den Kneipen ausliegt und in städtischen Hallen von Schauspielern vorgetragen wird. Diese Konzentration auf das eine Buch wirkt wie die Gegenwehr zu den 50 Millionen Büchern, die der Großhändler Libri jährlich in Bad Hersfeld umschlägt, wenngleich die Idee selbst aus Chicago kommt.

2. Kanon als Rettung

Ein älteres Mittel nicht nur gegen die ausufernde Quantität, sondern auch gegen sinkende Qualität ist der literarische Kanon. Über dessen Sinn und Inhalt wurde in den letzten Jahren wiederholt gestritten. Dass es ihn geben sollte, scheint mittlerweile wieder Konsens zu sein. So jedenfalls versteht Susanne Mayer in ihrem Beitrag "Goethes Feinde, wo seid ihr?" in der ZEIT vom 24. Oktober (Nummer 44/2002, S. 59) den ausgebliebenen Generalprotest angesichts der "Schülerbibliothek", die die ZEIT zwei Wochen zuvor offerierte (Nr. 42/2002, S. 45). Habe es vor fünf Jahren noch einen Aufschrei gegen Kanonisierungsbestrebungen gegeben, so finde man nun nurmehr Proteste gegen die vorgenommene Auswahl. Man denkt, so Susanne Mayer, offenbar nicht mehr, man müsse die Schüler immer da abholen, wo sie mit ihrem Eminem-Rap und anderen Beispielen der Alltagskultur die Lehrer erwarten. Nein, man soll ihnen durchaus Sperriges, Fremdes zumuten. Was aber heisst das? Dass man nicht nur Rap, sondern auch Goethes Faust behandeln soll, oder dass man Rap nicht behandeln soll? Der Folgeabsatz bringt keine Antwort, aber einige Fingerzeige: Es werde keinem etwas nutzen, schreibt Mayer weiter, das HTML-Handbuch auswendig zu kennen: "alle ahnen: Bleiben wird wenig von heute, jedenfalls nicht die Software". Und dann: "Verstanden die Lektion von Pisa, dass diese Kinder sprachlich ausgehungert sind." Da ist es also, das Stich- und Schlagwort, in dessen Gefolge man mit solch kurzsichtigem Urteil rechnen musste. Deutsche Schüler haben in der PISA-Studie erstaunlich schlecht abgeschnitten. In der Rubrik Lesekompetenz kamen sie unter den 31 Vergleichsländern nur auf den 21. Platz. Da tut Rettung höchst not. Und Rettung liegt im Kanon, nicht im Rap, und schon gar nicht in den neuen Medien. Oder?

Der Kurzschluss liegt in der Rückkehr zum engen Textbegriff humanistischer Prägung und in der Reduktion der neuen Medien auf ihren ökonomischen und informationsspezifischen Aspekt. Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Umgang mit literarischen Texten muss in den Schulen trainiert werden, damit kapitale Lektürefehler, wie die von Goethe und Hesse im Vorwort zur Neuauflage ihres Werthers bzw. Steppenwolfs beklagten, vermieden werden. Aber wer deswegen glaubt, sich auf einen Kanon guter Bücher konzentrieren und die neuen Medien aus den interpretativen Unterrichstfächern raushalten zu müssen, riskiert, dass Deutschland bei der nächsten PISA-Studie in Sachen Lesekompetenz erneut einen hinteren Platz belegt. Denn auch die nonlinearen, multimedialen, interaktiven Texte der neuen Medien verlangen nach hermeneutischem Training. Diese Medien symbolisch auf ihre HTML-Ebene zu reduzieren, schafft zwar eine bessere Argumentationslage, verfängt sich aber auch in der abgestandenen Oppositionslogik Dichter versus Ingenieur und verrät eine Ahnungslosigkeit, die geradezu verantwortungslos ist. Gewiss, die neuen Medien beruhen auf dem digitalen Code und zur Medienkompetenz gehört auch, die HTML-Source einigermaßen lesen zu können. Aber es geht nicht darum allein und es geht nicht einmal in erster Linie darum.

3. Lesekompetenz im Zeitalter digitaler Medien

Es geht um die Zeichen, die der Code auf dem Screen erzeugt, es geht um eine Lesekompetenz, die den Anforderungen und Konstellationen der digitalen Medien gerecht wird und auch hier zwischen Gutem und Mittelmäßigem, zwischen Vordergründigem und Tiefsinnigem, zwischen Kitsch und dem ironischen Spiel mit Kitsch zu unterscheiden weiß. Es gilt, zwischen den Zeilen bzw. Zeichen zu lesen, die hier nicht mehr nur aus Buchstaben bestehen, sondern auch aus Links, Farbe, Formen, Sound, Bewegung und Interaktion. Dies ist die neue Sprache der digitalen Medien, deren Hermeneutik es noch zu entwickeln gilt. Eine philologische Arbeit, die so interdisziplinär vorgehen muss, wie die Sprache der digitalen Medien multimedial ist. Es gibt keinen Grund, sich dieser Arbeit zu entziehen, es sei denn, man geht davon aus, dass nach dem Neuen Markt bald auch die Neuen Medien einbrechen und die Jahre technologischer Irrungen und Wirrungen wieder der vordigitalen Medienordnung weichen werden.

Solche Annahmen sind natürlich nicht nur wirklichkeitsfremd, sie verraten auch einen Mangel an Entdecker- und Erkenntnisfreude im Hinblick auf ein neues, noch recht unsicheres Terrain künstlerischer Ausdrucksformen und interpretatorischer Herausforderung. Die Reduktion der Beziehung Literatur-Neue Medien auf das Phänomen elektronisches Buch oder ins Netz gestellte traditionelle Texte ist weniger Grund als Ergebis dieses Mangels. Aber indem man ein komplexes Feld auf Aspekte reduziert, die sich selbst denunzieren, verkommt Literaturunterricht zu einer eigentümlichen Form der Besitzstandswahrung und entfernt sich strukturell von der inhaltlichen Konstante guter Literatur, herkömmliche Wahrnehmungs- und Handlungsmuster in Frage zu stellen und dem Aufbruch zu neuen Ufern das Wort zu reden. Du musst dein Leben ändern, lautet einer der bekanntesten Verse deutscher Literaturgeschichte. Du must deinen Unterricht ändern, möchte man den Lehrenden zurufen, die angesichts einer veränderten Sozialisations- und Kulturalisationslage sich ängstlich an das in Schule und Universität Gelernte halten, statt die Auseinandersetzung gerade mit solch problematischen Texten wie denen von Eminem als unausschlagbaren Teil der pädagogischen Verantwortung zu verstehen. Lehrer sollten, um den Spieß einmal umzudrehen, auch sich selbst das Sperrige, Fremde zumuten.

4. Wiederkehr der Mandarine

Dieser Hoffnung steht freilich die "Wiederkehr der Mandarine" entgegen, die Wolfgang Frühwald, vormaliger DFG-Leiter, heute Vorsitzender der Alexander von Humboldt-Stiftung, in einem Aufsatz zum Wandel des Gelehrtenbildes in moderner Zeit vermerkt. Mandarine, so rekapituliert Frühwald dieses Symbol der Geistesaristokratie, "verweigerten sich dem Zeitalter der Massen und Maschinen und gaben sich [...] jenem kruden Antimodernismus hin, der die Illusion völliger Freiheit von Interessen lehrte." (Zeit der Wissenschaft. Forschungskultur an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, DuMont 1997, 42.) Man hat den Eindruck, dass es sich bei der Argumentation für Goethe und gegen den Rap (oder wer auch immer die beschworenen "Feinde Goethes" seien) um eine ähnliche Rückzugsbewegung (nicht nur im universitären Bereich) handelt. Dass man sich dabei gerade nicht auf Goethe berufen kann, der dem Neuem stets aufgeschlossenen gegenüberstand und auf der Suche nach neuen Formen heute gewiss auch mit digitalen Mitteln experimentieren würde, hätte ein guter Literaturunterricht eigentlich vermitteln sollen.

Die Abwehr der Massen und Maschinen zeigt sich heute in der Abwehr beispielsweise von Rap - als dem aktuellen Ausdruck der Massenkultur - und neuen Medien - als den Technologien eines veränderten Schreibens. Dieser Abwehr liegt die Abwehr der kulturwissenschaftlichen durch die philologische Perspektive zugrunde, wobei die Ironie darin liegt, dass die digitalen Medien, neben ihrer kulturwissenschaftlichen Erforschung, ja zunächst einmal gerade eine streng philologische Zuwendung im Sinne der oben skizzierten Zeichendeutung brauchen.

Das betriebswirtschaftlich verständliche Lächeln der Verleger erweist sich, medienökologisch gesehen, als Sackgasse. Buch und neue Medien sollten nicht allein aus einem Konkurrenzverhältnis heraus verstanden werden. Beide brauchen kompetente Leser, die möglichst in beiden Fällen immer nach dem Besten greifen. Denn das Ziel ist nicht der Sieg des Buches über die neuen Medien oder umgekehrt. Das Ziel ist der mündige Leser, der den jeweiligen Kommunikationsangeboten nicht auf den Leim geht, sondern stilsicher die Zeichen zu deuten vermag, sei es ein Roman, ein Rap oder ein multimediales, interaktives Schreibprojekt im Internet.

 

posted: 10. Februar 2003
(zugleich: Neue Deutsche Literatur 1/2003, 173-177)  

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