|
|
|
|
www.dichtung-digital.de/Forum-Kassel-Okt-00/Dotzler
|
|
Forum Ästhetik
Digitaler Literatur
Virtual Textuality
oder Vom parodistischen Ende der
Fußnote im Hypertext
Bernhard
Dotzler
top
- 1
- 2
- 3
- 4
Etwas
Neues über die tools, features und performance
characteristics von Hyperfiction und
Netzliteratur zu sagen, will ich angesichts eines
Mediums, zu dem gerade das Neueste immer schon alle Spatzen
von den Dächern pfeifen, gar nicht erst versuchen.
Statt dessen seien nur einige vereinzelte Beobachtungen vor-
oder zusammengetragen - auch das im Wissen, eher Bekanntes
vorzubringen (selbst wenn die Jahreszahl 2000 im Impressum
des einen oder anderen Beispiels steht). Aber vielleicht ist
das ja durchaus 'angesagt', wenn man bedenkt, daß
ausgerechnet eine Autorin mit dem netzgerechten Namen
Katharina Hacker (Jahrgang 1967) ihren Netzauftritt
unlängst mit folgendem Kommentar versah:
Da ich Word nicht benutze,
versuche ich eine andere Version. Haben Sie mir etwas in der
binären Datei geschickt? Die zu öffnen, bin ich
nämlich auch nicht in der Lage. Sorry. Ich
fürchte, ich weiß nicht so sehr viel mehr, als wo
oben und wo unten ist beim Computer.
[1]
1. Fußnoten
zur Fußnote
Die Kernoperation, um die es
»beim Computer«, also bei Hypertexten geht -
Hypertexte definiert als »nichtlineare digitale
Dokumente«[2]
-, ist zweifellos der Link oder Hyperlink. Man kann ihn
einerseits als eine Art »vervollkommneter
Fußnote«
ansehen.[3]
Andererseits bewirkt die Vervollkommnung einen
entscheidenden Unterschied. Fußnoten konstituieren ein
Verweissystem, sowohl was den Bezug zwischen Textstelle und
Anmerkung angeht, als auch mit Blick auf die Anmerkungen
selbst, deren statistisch überwiegender Teil wohl
ihrerseits aus Verweisen auf andere Literatur besteht.
Hyperlinks dagegen verweisen nicht, sondern verbinden.
»Der Link in einem Hypertext steht also nicht als
Signifikant für etwas anderes, der Link ist die
Verbindung zu dem
Bezeichneten.«[4]
Er überbietet die Macht der Zeichen dadurch, daß
er Schaltung ist.
Der Urtyp aller
nichtlinearen, digitalen Dokumente implementiert nichts
anderes als solche Schaltungen. Die historisch und
systematisch ersten elektronischen Texte waren und sind
nämlich Computerprogramme. Ohne sie gäbe es keine
Hypertexte, wenn anders jeder Hypertext »aus zwei
verschiedenen Texten [besteht]: dem, der auf dem
Bildschirm zu sehen ist, und dem
Programmtext«.[5]
Die Kunst des Programmierens, die mit dem Sprungbefehl
beginnt: ob offen und etwas verpönt als GO
TO-Anweisung, oder ob elegant und versteckt als bedingter
Befehl IF... THEN..., WHILE... DO...
etc.[6]
- diese Kunst gibt daher die eine Vergleichsrichtung
vor.
Die andere ist aber eben die
Fußnote. Einerseits koextensiv mit der Technik des
Buchdrucks,[7]
steht sie andererseits in einem genuinen
Spannungsverhältnis zur Linearität der Schrift im
allgemeinen wie der, sagen wir, Erzählliteratur im
besonderen. Um dafür (im Sinne der angekündigten
Einzelbeobachtungen) ein prominentes Beispiel zu geben:
»Longtemps, je me suis couché de bonne
heure«, so beginnt, wie Sie wissen, Prousts
Recherche du temps perdu. Die Korrekturfahnen dieser
Recherche gehören zu den berühmtesten im
(frei nach Malraux) imaginären Literaturarchiv der
Moderne. Sie sehen aus wie ein großer
Verzweiflungsakt, wie ein Ausbruch aus der Linearität
der Schrift, bezeugen aber im Gegenteil ein einziges
großes Bemühen der Einpassung in ebendiese
Linearität. Daß Proust mit ihr seine Mühe
haben mußte, hängt nicht zuletzt mit der
Instantaneität zusammen, die er als Zeit-Erfahrung
beschwört - und in deren Namen er nicht umsonst andere
Medien, vor allem die Photographie, zum Vergleich
heranzieht. Das »wahre Leben« - »jenes Leben,
das [...] in jedem Augenblick wohnt« -
»ist die Literatur«, soll einerseits gelten, um
andererseits dagegenzuhalten, daß aber die meisten
Menschen dieses wahre Leben nicht sähen, weil zwar auch
»ihre Vergangenheit von unzähligen
Photonegativen angefüllt« sei, diese jedoch
»ganz ungenutzt« blieben, »da ihr Verstand
sie nicht 'entwickelt'«
habe.[8]
Was Wunder, daß Prousts Unterfangen nicht nur
schwierig war, sondern ihm auch einen bemerkenswerten
Schluß eintrug. Man kann bewundern, wie vollkommen
sich Anfang und Ende des Romans zusammenbiegen
(»Longtemps,...« - »...dans le Temps«).
Aber die letzten Zeilen der letzten Seite (zumindest der
benutzten Ausgabe) bilden dann eben doch einen Nachtrag:
eine Fußnote, die den manu-typo-skriptoralen
Zwischenzustand der Korrekturfahnen noch im Druckbild der
Endfassung bewahrt.
Ausgerechnet der Roman, der
die Linearität des Erzählflusses wie kein anderer
ausschöpft, erinnert damit an die Unmöglichkeit
strikter Linearität. Jeder Text (das Wort memoriert es
ja) ist per se: Gewebe. Ein Postavantgardist wie Josef Hir
al hat daraus die Konsequenz gezogen und seine Geschichte -
in Kombination der Hingabe an die Erinnerung à la
Proust und der Textbeflissenheit à la
Heißenbüttel - gleich überwiegend auf
Fußnoten verteilt. Einem »kurzen Grundtext«
folgen umfangreiche »Anmerkungen« und noch
umfangreichere »Anmerkungen zu den Anmerkungen«
und schließlich sogar eine »Anmerkung zur letzten
Anmerkung in den Anmerkungen zu den
Anmerkungen«.[9]
Spätestens
Weiterentwicklungen wie diese lassen die oft gestellte Frage
nach literarischen Hypertextvorwegnahmen berechtigt
erscheinen. Weil die Anfänge dieser Debatte mit der
weltweiten Euphorie für lateinamerikanische
Erzähler(innen) zusammenfiel, dürfte Julio
Cortazar - dank Rayuela, 1966 - der meistgenannte
Miterfinder sein, gefolgt von den Oulipo-Protagonisten
Queneau und Calvino. Unbeachtet (was den
Hyperfiction-Kontext angeht) blieb dagegen der bereits 1951
erschienene Roman eines Ernst von Salomon mit dem Titel:
Der Fragebogen. Schon dieser Titel signalisiert seine
ungewöhnliche formale Struktur. Das Sujet fungiert als
Textgenerator, indem seine Rubriken die Geschichte des
Ich-Erzähler-Subjekts organisieren. Notwendig kommt es
so zu fortwährenden Lesesprungbefehlen wie unter Punkt
127 und 128: »siehe Antwort auf Frage
125«.[10]
Weil der Roman damit aber nur die Technologie umsetzt, aus
der sich - abstammend von den Lochkartenmaschinen Herman
Hollerithsa[11]
- das Hypertext-Medium Computer entwickelt hat, gebührt
ihm vielleicht mehr als jedem anderen die Anerkennung als
Vorschein der aktuellen Literatur-Experimente, und zwar um
so mehr, als er damit implizit darauf hinweist, daß
Literaturtheorie und Technologie nicht erst durch PC
und Internet
konvergieren.[12]
1
>
2
- 3
- 4
Anmerkungen:
[01]
Null, hrsg. v. Thomas Hettche u. Jana Hensel, Köln
2000, S. 8.
[02]
Kursbuch Internet, hrsg. v. Stefan Bollmann u. Christiane
Heimbach, Reinbek 1996, S. 459.
[03]
Vgl. Friedrich Kittler, Bewegliche Lettern. Ein
Rückblick auf das Buch, in: Kursbuch 133/1998, S.
195-200 (hier: 195).
[04]
Frank-Simon Ritz (Hrsg.): Germanistik im Internet
(Informationsmittel für Bibliotheken, Beiheft 8),
Berlin 1998, S. 5.
[05]
Sabrina Ortmann, Literatur im Netz und Netzliteratur, in:
Ritz, Germanistik im Internet, S. 131-145 (hier: 141, Anm.
64). - Für ein kalkuliertes Spiel mit dieser Doppelung
von Sub- und Hypertext vgl. Peter Berlich, Core (core1),
in/auf: Beat Suter/Michael Böhler (Hrsg.),
Hyperfiction. Hyperliterarisches Lesebuch: Internet und
Literatur (Buch und CD-ROM), Basel - Frankfurt/M.
1999.
[06]
Vgl. Donald E. Knuth, Structured Programming with go
to Statements (1974), in: ders., Literate Programming,
Stanford 1992 (CSLI lecture notes 27), S. 17-89.
[07]
Was sich gerade an ihrem verzögerten Auftreten zeigt,
das zusammenfällt mit der Emanzipation des Buchdrucks
vom Vorbild mittelalterlicher Handschriften. Zum Unterschied
zwischen der im Mittelalter gepflegten Annotierung in Form
von Glossen und dem modernen Anmerkungsapparat vgl.
Gérard Genette, Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des
Buchs, Frankfurt/M. - New York 1989, S. 305, sowie Anthony
Grafton, Die tragischen Ursprünge der deutschen
Fußnote, Berlin 1995, S. 43.
[08]
Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit,
Frankfurt/M. 1979, S. 3975 - meine Hervh.
[09]
Josef Hir al, Böhmische Boheme. Dorfbubensong
(1980/1991), Salzburg - Wien 1994, S. 5 u. 91 (mit Dank an
Carena Schlewitt und Dirk Baecker). Der explizite Bezug auf
Helmut Heißenbüttels Textbuch (1970) wird
hergestellt durch die Motti S. 7.
[10]
Ernst von Salomon, Der Fragebogen (1951), Reinbek 1988, S.
517.
[11]
Zur mediengeschichtlichen Situierung der Hollerith-Maschine
vgl. demnächst Bernhard J. Dotzler, Die Schaltbarkeit
der Welt, erscheint in: Stefan Andriopoulos/B.J.D. (Hrsg.),
1929. Schnittpunkte der Medialität, Frankfurt/M.
2001.
[12]
Vgl. George P. Landow, Hypertext. The Convergence of
Contemporary Critical Theory and Technology, Baltimore -
London 1992.
|
|