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www.dichtung-digital.de/Forum-Kassel-Okt-00/Intro
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Forum Ästhetik
Digitaler Literatur
Begrüßung
Winfried
Nöth
Sehr geehrte Damen und
Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
im Namen des
Wissenschaftlichen Zentrums für Kulturforschung der
Universität Kassel, das die heute beginnende Tagung im
Rahmen seiner begrenzten Möglichkeiten gern
mitgefördert hat, begrüße ich Sie
anläßlich der Eröffnung des Forums
"Ästhetik digitaler Literatur". Die Themen dieser
Tagung betreffen beide Arbeitsfelder unseres Zentrums,
nämlich die Kultur- und die Medienforschung. Auch unser
Wissenschaftliches Zentrum ist ein Forum, nämlich ein
Forum des Dialogs zwischen verschiedenen kultur- und
medienwissenschaftlichen Projekten. Eines von ihnen
heißt "Selbstreferentialität in den Medien", und
es freut mich zu sehen, daß die heute beginnende
Tagung mehrere Beiträge zum Thema dieses Projektes
liefert, dem sich in Kassel neben mir die Mitinitiatoren
dieses Tagung, Friedrich Block und Karin Wenz, angeschlossen
haben.
Selbstreferenz ist
eigentlich ein semiotisches Paradox. Ist es doch die Aufgabe
der Zeichen, auf etwas anderes und nicht auf sich
selbst zu verweisen. Aber gerade die Ästhetik
hat uns gelehrt, dass der Verweis von Zeichen auf Zeichen zu
besonderen ästhetischen Einsichten und Empfindungen
führen kann.
Die Aspekte der
Selbstreferenz sind vielfältig. Das heutige Forum hat
allein schon durch seine Themenstellung mit dem Aspekt der
metasprachlichen Selbstreferenz zu tun: Die
ästhetische Nutzung des Mediums Computer erzeugt ihre
eigene, mithin selbstbezügliche Theorie. Eine Theorie
der digitalen Literatur, welche die Tatsachen der digitalen
Medien nicht ignoriert, ist von vorn herein eine
selbstbezügliche Theorie.
Hinzu kommt die
Selbstbezüglichkeit von Kunst und Literatur
überhaupt. Im Gegensatz zur informativen ist die
ästhetische Kommunikation nicht an Tatsachen, sondern
an den reinen Möglichkeiten des Mediums interessiert.
Damit wird das Medium zu Motor seiner eigenen
Selbstbezüglichkeit. Es geht nicht mehr um das Medium
als Vermittlungsinstanz irgendwelcher Realitäten,
sondern um das Medium als Vermittlungsinstanz sui
generis.
Ein speziellerer, aber mit
der Ästhetik eng verwandter Aspekt der medialen
Selbstreferenz ist die Selbstreferenz des Spiels,
welche ja auch eines der Themen dieses Kolloquiums ist. Wie
wir aus der Ethologie wissen, hat die Phylogenese des
Spiels, und übrigens auch des Lachens, ihre
evolutionsgeschichtlichen Wurzeln darin, daß
fremdreferentielles, nämlich auf Feinde ausgerichtetes
aggressives Verhalten (u.a. das Drohen mit den gezeigten
Zähnen), zum Gegenstand einer bloßen
spielerischen Erprobung bei den Jungen wird, die diese
Verhaltensformen um ihrer selbst willen spielerisch, ohne
deren aggressive fremdreferentielle Semantik
erproben.
Ein weiterer Aspekt der
Selbstreferentialität ist schließlich auch
notwendigerweise einem Medium inhärent, welches auf dem
Prinzip des digitalen Codes basiert. Auch wenn man in der
Präsenz eines jeden bits die Abwesenheit
seines binären Gegenstücks vermuten mag, so ist es
doch richtiger, von der latenten Anwesenheit dieses
fehlende Gegenstück zu sprechen, denn das binär
Abwesende bleibt ja niemals eigentlich völlig fremd, da
es vielmehr das anwesende Gegenstück überhaupt
erst bedingt.
Der Begriff der "digitalen
Literatur" suggeriert schließlich ein letztes,
entscheidendes Paradox: das Paradox der Literatur aus der
Maschine. Ist nicht die Maschine dem kreativen Handeln der
Literaten a priori völlig entgegengesetzt? Dem Klischee
des Descartes zufolge gibt es zwischen Mensch und Maschine
einen unüberbrückbaren Abgrund. Doch schon im
Jahre 1887 hat Charles Sanders Peirce in seinem Aufsatz
über logische Maschinen gezeigt, wie ähnlich
mentale und maschinelle Operationen sein können.
Freilich kannte er nur die Möglichkeiten von Maschinen,
logische Aufgaben zu lösen. Das Kreative schien
Peirce dem Menschen vorbehalten zu sein. Heute wird viel
über die Möglichkeit kreativer Maschinen
nachgedacht. Werden sie die kreative Intelligenz der
Menschen ersetzen und den digitalen Poeten zur Konkurrenz
werden?
Es war ein Poet,
nämlich Jonathan Swift, der eine solche Vision hatte.
In Gullivers Reisen (III.5) begegnen wir Akademikern,
die nicht nur logische, sondern wirklich auch poetische
Maschinen erfunden hatten. Deren Potential beschrieb Swift
wie folgt: [With this machine,] "the most ignorant
person, at a reasonable charge, and with little bodily
labor, might write books in philosophy, poetry, politics,
laws, mathematics, and theology, without the least
assistance from genius or study." Heute können wir uns
eine solche poetische Maschine nur als eine digitale
Maschine vorstellen. Die etwas beunruhigende Vorstellung,
daß eine solche Maschine die Poeten
einschließlich der digitalen Poeten in
selbstreferentieller Weise überflüssig machen
könnte, möchte ich nicht ausführlicher
thematisieren, denn einerseits würden dann die vielen
hochinteressanten Referate, die auf dem Programm dieser
Tagung stehen, zu kurz kommen, andererseits bin ich davon
überzeugt, daß sich wenige der heutigen
Referentinnen und Referenten durch die Vision poetischer
Maschinen eingeschüchtert fühlen
dürften.
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