Claudia Klinger, aus dem
Mecklenburgischen Gutshaus "Schloss Gottesgabe" mit der Welt
vernetzte freiberufliche Webdesignerin und Autorin, ist in
der Netzszene seit 1996 bekannt und gehört zum
'Urgestein' der Mailingliste Netzliteratur. Zu den Sites,
die ihre
Homepage
auflistet, zählen eine Textgalerie, ein Netzlexikon,
Webgespräche, Net.Art-Experimente und das DigiDiary.
Daneben ist Claudia Beiträgerin, Beraterin und
Moderatorin: Für das Mitschreibprojekt "Beim
Bäcker" (Besprechung
in dichtung-digital)
etwa hat sie Design und Moderation übernommen. Roberto
Simanowski sprach mit Claudia über die
Hintergründe dieses Projekts, über
Mitschreibprojekte im allgemeinen und über das
Schreiben von Tagebüchern im Netz.
dd:
Claudia, du hast lange Zeit einen der "Veteranen" der
deutschen Mitschreibprojekte moderiert. Kannst du uns sagen,
wie so ein Projekt konkret entsteht?
CK: "Der Bäcker"
ist spontan entstanden, ohne Planung. Es gab die
Textsammlung "Wörterwald - Human Voices", ein Projekt,
dem ich frei assoziierte Worte voranstellte. Die Autoren
sollten zu diesen Worten Texte und Gedichte beitragen. Das
Wort "Sex" blieb erstaunlich lange unbelegt (!), bis sich
Carola Heine (bei Netizens als "Melody" bekannt) traute,
hier eine kleine Geschichte einzureichen: Eine junge Frau
betritt einen Bäckerladen und macht sich lustvolle
Gedanken angesichts der anwesenden Kinderschar (sollte ich
nicht auch langsam....?) und über einen
Bäckergesellen, der vielleicht in Frage kommt, die Idee
sofort in die Tat umzusetzen.
Als der Text ein paar Tage
im Web stand, ging eine Weiterführung der Story von
Herbert Hertramph ein, aus der Sicht eines Bauarbeiters vor
dem Bäckerladen, der die Besucher eingehend betrachtet
und keinen Zweifel daran lässt, in welche Richtung er
die junge Frau anziehend findet. Ich setzte den zweiten Text
hinter den ersten, so zum Weiterblättern. Nun kam eine
geharnischte Replik von Melody, die "not amused" war, wie
Hertramph ihre Story genutzt hatte und in einer weiteren
Fortsetzung den Bauarbeiter alt aussehen liess: "Dort stand
einer dieser grinsenden Halbaffen, ein direkter Nachfahre
des Neandertalers mit dem primitiv-abschätzenden Blick,
einer von dem Typus, der Millionen von Fraün einen
Umweg um Grossbaustellen machen lässt." Wen wundert's,
dass Herbert das nicht auf sich sitzen lassen konnte und mit
einer weiteren Fortsetzung "zurückschlug", in der sich
der Bauarbeiter als gechasster Uni-Professor herausstellt,
der solche Gedanken souverän an sich abtropfen
lässt: "Nein, sie wusste es nicht besser. Sie urteilte
nach Äusserlichkeiten, nach dem Geruch von Schweiss,
Schmutz auf der Kleidung. Sie war so sozialisiert worden,
woher sollte sie es besser wissen?"
Genug, das muß jeder
selber lesen! Ich hab es mal ein bisschen ausführlich
berichtet, da man sonst keinen Eindruck bekommt, was
"spontaner Anfang" in einem solchen Projekt bedeutet. Ich
hatte mich angesichts dieser Entwicklung entschlossen, dem
Bäcker eine eigene Website zu geben und forderte
öffentlich auf, daran mitzuschreiben. Der
Schlagabtausch Melody/Hertramph war ja nicht unbemerkt
geblieben, handelte es sich doch um zwei bekannte
Netzgötter, die nicht polarisierter hätten
gewählt werden können: Melody hatte die
Emanzenseite
geschaffen (Ist SIE zu stark, ist ER zu schwach!) und
Herbert war Macher der
Männerseiten
(wo Mann noch Mann sein kann). Im Laufe von 3 Jahren kamen
dann 38 Folgen von ca. 23 Autorinnen und Autoren zusammen,
die sich mal mehr, bald jedoch eher weniger auf die
Ursprungsstory bezogen.
dd:
Welche Erwartungen hattest du an das Projekt "Beim
Bäcker", welche hast du heute nicht mehr an ein solches
Projekt?
CK: Ich hatte
eigentlich keine Erwartungen, da ich es nicht geplant hatte.
Doch war mir klar, dass es unwahrscheinlich wäre,
anzunehmen, die Geschichte würde wirklich konsequent
linear fortgesetzt. Mir genügte, dass jeder Beitrag
einen Bezug zum Bäckerladen hatte und sich um
Sex/Erotik drehte. Was mich positiv erstaunte, war der
gemeinschaftsbildende Faktor. Viele kannten sich
untereinander oder lernten sich kennen, verlinkten ihre
Webseiten, veröffentlichten mal hier und da - ein
kleine Szene entstand, nicht nur mit Hilfe des
"Bäckers", es gab auch andere wichtige Säulen der
Bewegung.
dd:
Also sind Mitschreibprojekte im Netz, im Unterscheid zu
ihren surrealistischen Vorläufern, sowohl Produkt einer
Gemeinschaft wie deren Produzent?
CK: Ja! Ein paar
müssen sich kennen, die den Anfang machen, die
Standards setzen - deren Bekannte werden herangezogen, Leser
steigen ein - usw.
dd:
Die Moderatoren des Schreibprojekts
Fraktalroman
beschreiben ihre Rolle ironisch als "Romangötter", die
über das fraktale Literaturuniversum wachen und
entscheiden, welche eingesandte Texte als Fortsetzung
eingesetzt werden. Eine solche Kontrolle und Machtbefugnis
ist im Sinne der Qualität des Ganzen sicher oft
angebracht. Andererseits schränkt man damit dessen
Authentizität als Dokument einer schreibenden
Netzgemeinde ein. Welche Erfahrungen hast du mit diesem
Zwiespalt gemacht?
CK: Es war total
einfach: Wenn ein Beitrag meine 2 Bedingungen erfüllte
und sprachlich nicht unter aller Kanone war, nahm ich ihn
an. Rausgefallen sind Texte, die pornografisch wurden -
meist waren die aber auch sprachlich voll daneben und nicht
recht ernst gemeint.
dd:
Es gibt im Netz verschiedene Arten von Mitschreibprojekten.
Manche basieren auf der Programmierleistung der Software (so
der Assoziationsblaster
und 23:40),
manche funktionieren als Hypertext (so
Die
Säulen von Llacaan),
manche, wie
how
are you
arbeiten mit animierten Bildern. "Beim Bäcker" hat
nichts von alle dem und könnte ebenso auf Papier
bestehen. Inwiefern ist es trotzdem
Netzliteratur?
CK: Auf Papier
wäre das nirgendwo entstanden. Wie oft bei
Mitschreibprojekten im Netz ist der Text, den man lesen
kann, nicht das Wichtigste, sondern der sich entwickelnde
Prozess des Zusammenwirkens der Autoren, die ja auch "hinter
den Kulissen" private und andere weböffentliche
Kontakte aufnehmen. Das "Werk" ist ein Kristallisationspunkt
für eine Art Social Performance. Sowas geht nicht im
Buchmarkt oder in einem Magazin, wo das WERK im Vordergrund
steht, nicht nur, was seine Schöpfungshöhe angeht
(die im Bäcker stark schwankt), sondern es muss ja vor
allem vermarktbar sein, ist immer zuvorderst
WARE.
dd:
An einem linearem Mitschreibprojekt wie "Beim Bäcker"
fällt es besonders auf, dass viele Beiträger kaum
auf die Texte ihrer Vorgänger eingehen. Obwohl es einen
festgelegten Handlungsort und ein bestimmtes Figurenensemble
gibt, scheint jeder sein eigenes Süppchen zu kochen.
Sind Kollektivgeschichten Spielwiesen für
Egoisten?
CK: Ein gängiger
Vorwurf gegen dieses Genre, ich weiß. Doch würde
irgendjemand einem Autor vorwerfen, Egoist zu sein, weil er
üblicherweise ganz allein über Handlung und
Figuren herrscht? Mit DER Argumentation müsste man ihn
sogar als wesentlich egoistischer begreifen als die
Teilnehmer eines Mitschreibprojektes, da er anderen ja gar
keine Möglichkeiten der Mitgestaltung
einräumt.
Warum sollte sich denn
jemand die Arbeit machen, sämtliche Vorgaben eines
anderen weiterzuentwickeln? Ganz umsonst und just for fun?
Wenn sich die Autoren nicht lieben oder hassen, kann man das
nicht erwarten. Insofern zeigen Mitschreibprojekte den ganz
normalen Egoismus der Menschen, nicht mehr und nicht
weniger. Jeder will seine eigene Welt kreieren und muss
abwägen zwischen dem, was ihm ein Mitschreibprojekt
bringt (Einbindung in einen reizvollen Kontext, der u.U.
stärker wahrgenommen wird als ein Einzelwerk im Netz,
neue Kontakte) und was es ihn kostet (Abstriche an der
eigenen Freiheit - die beim Bäcker jedoch nicht gross
sind).
dd:
Sollte man an Mitschreibprojekte aber nicht doch eine andere
Messlatte anlegen als an den individuellen Text eines
Autors, der diesen nie als Gemeinschaftswerk verstand und
deklarierte? Bei diesem Autor erwarte ich die ganz
individuelle Weltsicht, für die dann auch sein Name auf
dem Buchdeckel steht. Bei einem Mitschreibprojekt erwarte
ich eine wie auch immer geartete und errungene
Kollektiväußerung. Wenn die Beteiligung am
Mitschreibprojekt nur der Einbindung in einen Kontext, der
im Netz stärker wahrgenommen wird, bedeutet, handelt es
sich dann nicht eher um eine Zweckgemeinschaft aus
Publikationsgründen als um ein Gemeinschaftsunternehmen
als Bekenntnis? Der Unterscheid wäre der zwischen
Utopie (des kollektiven Subjekts) und Pragamtik (der
Aufmerksamkeitserheischung).
CK: Es ist nicht
dieses Entweder/Oder, sondern diese beiden Seiten begrenzen
als Pole das Feld, indem sich so ein Projekt bewegt. Ein
guter Moderator kann viel daran tun, den "utopischen Gehalt"
sich realisieren zu lassen - durch ein ansprechendes
Outfit/Webdesign, durch intensive Mailkommunikation (!) mit
den EINZELNEN Beteiligten, durch Anbieten von Foren für
die Teilnehmer, evtl. durch Schaffung eines
Selbstdarstellungsbereichs (in dem die entsprechenden
Bedürfnisse explizit ihren Platz haben), bis hin zur
Veranstaltung von Real Life Treffen. Und natürlich eine
gute PR und interessante Vorgaben.
Du kannst dir denken, dass
das fast ein richtiger Job werden kann - und wem ist das
schon möglich? Ich weiss jetzt viel über das
Moderating, doch hatte ich noch nie Gelegenheit, definitiv
dieses Wissen am Beispiel über längere Zeit
auszuarbeiten. Man muss ja noch irgendwo Geld verdienen und
hat daneben auch eigene - nicht-kollektive -
Projekte.
Eine
Kollektiv-Äusserung im traditionellen Sinne
(gemeinsamer "Glaube") wirst du dennoch nicht bekommen,
vermute ich. Allenfalls ein Aufeinander-Eingehen,
sich-die-Bälle-zuspielen. Schliesslich sind
Mitschreibprojekte keine Aktivitäten fester Gruppen,
die sich vorher anhand anderer Inhalte kennengelernt haben -
nein, jedes Stadium des Projekts ist Anreiz für
Unbekannte, beizutreten oder auch nicht. Doch das Mitmachen
geschieht, um etwas MEHR, etwas ANDERES, etwas EIGENES
beizutragen und nicht, um einem kollektiven Kanon/einer
Message eine lautere Stimme zu verleihen - zumindest nicht
im Bereich der Story selbst, das Projekt wird durchaus
unterstützt.
Das Mitschreibprojekt
entspricht einer allgemeinen Tendenz, einem Wandel in der
Kultur: Weg vom Diskurs, vom Ringen um Konsens - hin zu
schnellen Kontakten und dem Abchecken: passt oder passt
nicht???? Teile von Individuen tasten sich kurz ab, um zu
sehen, ob Rezeptoren vorhanden sind und gehen dann
weiter....oder klinken hier ein.
dd:
Du erwähntest, dass sich die Folgebeiträge mal
mehr, bald jedoch eher weniger auf die Ursprungsstory
bezogen und dass ihre "Schöpfungshöhe" stark
schwankt. Dies lässt sich bei einem Projekt, das
für die Teilnahme sehr offen ist, sicher kaum
vermeiden. Vielleicht ist das Interessanteste an
Mitschreibprojekten auch weniger die Beiträge selbst
als die Dynamik zwischen ihren Autoren? Liegt der
eigentliche Text der Mitschreibeprojekte hinter der
Bühne? Handelt es sich eher um psychologische Studien
als um Literatur?
CK: Hinter dem Werk
treibt doch niemand "psychologischen Studien" - hinter dem
Werk ist das ganz reale Leben! :-) Menschen, die sich schon
kennnen oder kennen lernen, die sich anziehen und abstossen,
einander bekämpfen und umwerben oder auch verletzend
ignorieren - und sich doch alles in allem darauf einlassen,
etwas miteinander zu machen und daran Freude haben.
Keineswegs bin ich als Veranstalterin in der Rolle eines
Forschers, der seine Probanden zu Versuchszwecken in ein
Labyrinth schickt, um zu studieren, was passiert. Im
Gegenteil, ich bin Teil des sozialen Prozesses, muss
allenfalls aufpassen, nicht zu stark in Konflikte einbezogen
zu werden, nicht Partei zu werden, das schadet nämlich
dem Projekt.
dd:
Gut; eine letzte Frage zu diesem Projekt. "Beim Bäcker"
wurde 1996 begonnen und hat seit einiger Zeit keine neuen
Beiträge mehr. Wann ist ein Mitschreibprojekt
abgeschlossen und wer ruft dies aus?
CK: Eine Frage, dich
ich mir auch schon oft gestellt hatte, da die lockere
Gemeinschaft lange schon auseinandergedriftet war und die
noch folgenden Beiträge nicht mehr viel mit dem ganzen
zu tun hatte. Doch als Moderatorin gehört mir der Text
nicht - und ein einzelner Autor kann sich erst recht nicht
anmassen, ein Ende zu setzen. Gerade das fordert u.U. wieder
jemand anderen heraus, aus diesem Ende nur ein Zwischenspiel
hin zu einer neuen Ebene zu machen. Im Fall des
"Bäckers" hat mich neulich die wunderbare Kritik des
Projekts in dichtung-digital dieser Frage enthoben - damit
war die Sache aufs beste rund um beleuchtet und
musealisiert. Ich brauchte das dann nur noch auf der Website
bekannt zu geben. Überhaupt fehlt in der Netzliteratur
Kritik, ja, sie hätte hier sogar eine grössere
Bedeutung für die Autoren als im gängigen
Literaturbetrieb, wo Kritiken heute anstatt Einfluss
hauptsächlich Unterhaltungscharakter haben (ob nun als
Verriss oder Lobhudelei).
dd:
Eine allgemeinere Frage: Welche Möglichkeiten und
Grenzen siehst du im Genre Mitschreibprojekt?
CK: Ich stelle mir
vor, es wäre z.B. ein interessantes Experiment, in
Arbeitszusammenhängen beiläufig ein
Mitschreibprojekt zu fahren - im Intranet eines Unternehmens
etwa. Aber mir ist klar, dass sich wenige darauf einlassen
würden....
Ein Mitschreibprojekt ist
eine Möglichkeit, Leute in Kontakt zu bringen, indem
sie ihre Fähigkeiten in etwas Gemeinsames einbringen -
jenseits der Konsumwelt. Der Community-Faktor könnte
leicht vertieft werden, durch ein Forum, durch
Real-Life-treffen etc. und ich bin sicher, je mehr in dieser
Richtung geschieht, desto mehr würde die Bereitschaft
wachsen, auch in den Texten aufeinander
einzugehen.
*
dd:
Du betreibst seit Jahren eine facettenreiche Website und
veröffentlichst ein viel gelesenes
Webtagebuch.
Wie kam es dazu? Welche Resonanz erfährst du? Und was
antwortest du Journalisten, die ihre Berichte über
Mitschreibprojekte und Webtagebücher mit dem Wort
Exhibitionismus beginnen?
CK: Letztere nehme
ich einfach nicht ernst. Im Gegenteil, mir ist es peinlich,
dass sie sich selber nicht peinlich sind in ihrer Rolle:
suchen sie doch überall wie die Trüffelschweine
nach etwas Skandalösem, Abgründigen, nach dem
Igittigit-Faktor oder der Folie für Empörungen
aller Art - um sich dann vermeintlich zu entrüsten, es
dabei aber in aller Breite auszustellen, damit die Quote
stimmt. Zudem leiden sie m.E. an einer berufsbedingten
Deformierung: Sie dürfen nicht schreiben, was und wie
sie wollen, müssen stets einen Markt, ein bestimmtes
Format bedienen und werden genau dafür bezahlt. So
missgönnen sie Web-Autoren gern ihren Freiraum nach dem
Motto: Was kostenlos ist, kann nicht gut sein, wer kostenlos
schreibt, muss eine Macke haben....
Wer in einem Webdiary
über die blosse Darstellung des eigenen Alltags nicht
hinauskommt, wird einfach keine Leser finden - AUSSER diesen
paar Journalisten auf ihrer Suche nach schlechten
Beispielen. Zudem kann ein Diary auch nicht-literarische
Intentionen haben: z.B. beschreibt jemand seinen Alltag im
Ausland und die daheimgebliebenen Freunde und Verwandten
können so an dessen Erlebnissen teilhaben.
dd:
Allerdings nicht nur die daheimgebliebenen Freunde und
Verwandten, wenn es sich um ein öffentlich
zugänglich gemachtes Webdiary handelt und nicht um eine
versteckte Homepage oder um Emails. Neben Webdiaries wie
deinem, die persönliche Empfindungen zum Anlass einer
allgemeineren Überlegung nehmen, gibt es viele, die in
der Tat nicht über die blosse Darstellung des eigenen
Alltags hinauskommen. Ändert die Veröffentlichung
dieser Tagebücher im Netz nicht das Prinzip, das dem
Tagebuchschreiben im allgemeinen zugrundeliegt?
CK: Es ist etwas
völlig anderes! Ich glaube nicht, daß jemand, der
es gewohnt war, ein "geheimes" Tagebuch zu führen,
jetzt auf einmal im Web schreibt - und wenn, dann sicher
nicht auf dieselbe Art. Es gibt übrigens kaum Diarys
über "nix als banalen Alltag", die den Namen "Tagebuch"
verdienen und sich über längere Zeit halten. Die,
die das schaffen, entwickeln alle eine je eigene
Qualität und meist können die Leute auch
schreiben.
dd:
Man schreibt nicht mehr für niemand bzw. nur für
sich (weil es ja eigentlich nicht auf die Mitteilung,
sondern auf die Verarbeitung des Erlebten in der
Materialisation ankommt), sondern man formuliert gleich
für die ganze Welt, in der man damit selbstbewusst
seine Spur legt. Der
Tagebau,
wo jeder seine Erlebnisse oder Gefühle am aktuellen Tag
veröffentlichen kann, gebiert das Phänomen des
'Massentagebuchs', wobei die Möglichkeit des Kommentars
dem veröffentllichten Liebeskummer sofort Trost
schafft, mit der Aussicht auf einen praktischen Mehrwert
beim nächsten Real-Life-Treffen der 'Tagebauer'.
Tagebuch-Webringe wie
Dear
Diary
bringen die vorliegende Paradoxie schon in der
Öffentlichkeit der intimen Anrede zum Ausdruck und in
der Auflistung aller beteiligten Sites mit der üblichen
Kurzbeschreibung, die hier das Private seltsam zum
Lies-mich-Angebot macht. Die witzige Bekanntmachung auf der
Splashpage eines der Tagebücher - "wegen Urlaub
geschlossen" - erhält vor diesem Hintergrund ihren
tieferen Sinn. Eine der Teilnehmerinnen gibt mit einem
Augenzwinkern kund: "Auch ich bin von dem zwanghaften Wahn
befallen, ständig alles Mögliche aus meinem Leben
veröffentlichen zu müssen ... ;-)" Ist hier ein
Signum unserer Zeit zu entdecken: Statt stiller Verarbeitung
lautstarke Verankerung?
CK: Ich habe nie "nur
für mich still verarbeitet", kann das also schlecht
sagen. Früher schrieb ich solche Texte an meinen
Yogalehrer oder einen guten Freund - als sie DORT schon des
längeren diesen Aspekt der reflektierten
Verallgemeinerung angenommen hatten, war es kein grosser
Schritt mehr zum Webdiary. Dieser Schritt erleichtert sogar
vieles, da man beim Schreiben an konkrete Personen (oder
für bestimmte Formate in Medien) immer daran denkt, wie
das wohl verstanden wird. Im Web kann man sich das
abschminken, man weiss nie, wer liest - also landet man da,
wo man mit dem Schreiben hin will: bei sich selbst. Im
Konkreten gibt es natürlich Dinge, die ich nicht im
Diary schreibe.
dd:
Verführt das Netz zu einer Preisgabe des Selbst, die
man später bedauern könnte? Denn während ich
die unbeholfenen Gedichte meiner Pubertät später
vernichten konnte, wissen die AutorInnen der
Webtagebücher nie, wer ihnen als Erwachsener die Ikonen
der lang vergangenen Vergangenheit einmal in Erinnerung
bringen wird. Oder ist diese im Vergleich zu "Big Brother"
viel unspektakulärere und ehrlichere Transparenz
ebenfalls Signum unserer Zeit?
CK: Hm. Welches
Selbst wäre denn preiszugeben? Ist nicht das
nachträgliche Vernichten der Spuren früheren
Lebens eine Illusion? Ich trete lieber die Flucht nach vorne
an und behaupte gar nicht erst, ein stringentes, sozusagen
anhand des aktuellen Wertekanons durchgestyltes Subjekt zu
sein. Und das ist kein "angenommener Glaube", sondern
tägliche Erfahrung: Heute sag ich: Morgen früh
fang ich aber an mit dem Joggen - und morgen schreib ich
dann doch lieber 'was über "Körper & Geist"
ins Webdiary....:-)
So als praktischen Rat
würde ich aber doch allen, vor allem den
Anfängern, raten, sich stets bewusst zu sein, dass das,
was dem Digital eingespeist wird, immer wieder zurück
kommen kann, aus ganz anderen Richtungen, als die, in die
man es abschickte. Man kann das umso besser verkraften, je
souveräner man psychisch und ökonomisch in der
Welt steht (womit ich nicht etwa meine, dass man
"besser-verdienend" sein muss, um sich frei verhalten und
zeigen zu können! Übung im stressfreien Arm-Sein
reicht auch - zudem werden heute die vielgestaltigen
Individuen mehr geschätzt als zu Zeiten der
lebenslangen 9 to 5-Jobs).
*
dd:
Eine ganz andere Frage zum Abschluss: Du bist sehr aktiv in
der Mailingliste Netzliteratur. Welchen Eindruck hast du von
der deutschen Szene der Netzliteratur? Gibt es DIE Szene
überhaupt und wohin geht sie?
CK: Es gibt sie, wenn
auch mit vielen Verästelungen und Fluktuationen. Die
"Stammbelegschaft" ist gross genug, um ausreichend Tradition
zu vermitteln, die es Neuen erlaubt, sich mit etwas
auseinanderzusetzen. Derzeit - und immer mal wieder - gibt
es Flauten im "Betrieb", nicht zuletzt durch die technischen
Entwicklungen des Webs bedingt. Seit einiger Zeit ist da ein
grosser Durchbruch zu RICHTIG interaktiven Features
festzustellen - den muss man technisch erstmal in den Griff
bekommen, bzw. das überhaupt wollen - dann kann man neu
kreativ sein.
dd:
Vielen Dank für die ausführlichen Antworten und
noch viel Erfolg bei all deinen kollektiven und privaten
Projekten on- und offline.