Guido
Grigats
"23:40"
ist ein Schreibprojekt, in dem es darum geht, die 1 440
Minuten eines Tages mit Erinnerungen zu füllen. In der
Einleitung und Einladung des projekts heisst es: "Welche
Erinnerungen haben Sie an bestimmte Zeitpunkte? ...und die
anderen? Finden Sie es heraus! Halten Sie es fest!" Rund 300
Minuten sind somit seit Oktober 1997gefüllt worden. Die
meisten in der Hauptsendezeit zwischen 19 und 24 Uhr, in den
späteren Nachtstunden muss man länger warten, bis
zwischen den leeren Stellen einmal ein Text
auftaucht.
Ob es sich bei den Texten um
Erinnerungen an eine bestimmte Minute handeln soll oder um
Erinnerungen in dieser bestimmten Minute oder einfach um
Erlebnisse in dieser Minute, die erst durch das Aufschreiben
zum Erinnerungsstoff werden, lässt der Projektleiter
offen. Klar festgelegt sind indes Umfang des eingesandten
Textes und die Zugangsmöglichkeit zu ihm: nur in jener
Minute des Tages, für die er geschrieben wurde, und
dann natürlich nur für genaue 60
Sekunden.
Die Konsequenzen dieses
raffinierten Konzepts sind von geradezu philosophischer
Tiefe:
Die Verweigerung der
jederzeitigen Verfügbarkeit der Texte
Das Projekt bringt das längst vergessene
Gefühl des "Glücks des Lesens" (Jan Ulrich
Hasecke) zurück: Man musste lange warten, und
möglicherweise seine Schlafenszeit verschieben, bis ein
bestimmter Text erscheint, und man ist gut beraten, dann
keine weitere Zeit beim Lesen zu verlieren (oder eben den
Text runterzuladen, ehe er wieder verschwindet).
Schriftliche
Kommunikation zu den Bedingungen der mündlichen
Bedeutete bisher Schrift immer eine Situationsentbindung
(von der gleichen Anwesenheit von Sender und Empfänger
in Zeit und Raum), so kehrt hier der zeitliche
Verlautbarungsanlass zurück. Dies ermöglicht, die
Rezeption eines Textes an die Zeit des Erzählten zu
binden (die Beschreibung der Nachteinsamkeit liegt dann
sinnvollerweise in den Nachtstunden). Die zeitliche
Festlegung der Textpräsentation ermöglicht aber
auch solch bemerkenswerte Dinge wie in Minute 09:19, da der
gleiche Autor, der in Minute 09:18 eine Todesnachricht
erhielt, nun durch eine nur drei Wort umfassenden Text seine
Leser zu einer Gedenkminute veranlasst.
Verwandlung des Lesers
zum Schreiber
Wie jedes Schreibprojekt lebt auch "23:40" vom
Leser-Autor-Rollentausch. Allerdings wirkt dieses Projekt
durch seine Verknappung der Schreibplätze wie eine
Aktiengesellschaft, in der man sich rechtzeitig für die
Gegenleistung eines Textes einen guten Platz zur Ausdehnung
in Zeit und Raum erwirbt. Der Clou ist, dass die
erschriebene Ewigkeit eine anonyme ist, denn an der Stelle
der Autorennamen steht nur die genaue Uhrzeit. Dies ist
freilich insofern konsequent, als die leere Minute mit ihren
nicht überspringbaren 60 Sekunden ja zum Schreiben
annimierte, und damit Anlass, wenn nicht gar Autor des
resultierenden Textes ist (so wie John Cage Autor des
Klavierstücks "4' 33''" bleibt).
Einheit von Erinnern und
Vergessen
Da die Schreibplätze so begrenzt sind wie die
Minuten eines Tages, läuft "23:40" auf seine Vollendung
zu. Für kollaborative Schreibprojekte, die stärker
prozess- als ergebnisorientiert sind, bedeutet dies zugleich
den Tod. Um zu überleben muss "23:40" also 'vergessen'
bzw. Erinnerungsplatz wieder freigeben. Eine Lösung
dafür ist bisher nicht vorgesehen, ein Vorschlag
wäre das Palimpsest, also das allmähliche
Überschreiben der Texte aus dem ersten Durchlauf. Die
besondere Raffinesse könnte sein, dass den neuen Texten
die beschränkte Lebenszeit von 24 Stunden bis zur
automatischen Löschung gegeben wird. Danach wäre
die überschriebene Fläche wieder frei, allerdings
noch nicht zur Neubeschreibung. Das Projekt hätte seine
Richtung geändert, es würde nun auf seine
völlige Leere zusteuern. Schreiben hieße jetzt
Leerstellen schaffen, und somit wäre gerade die
zunehmende Leere Beweis dafür, dass es genug zu
erzählen gibt. Der tiefere Sinn des Paradoxes wäre
die Rückkehr des Erinnerns in die Zeit vor Erfindung
der Schrift: das zu Erinnernde wäre wieder auf das
Gedächtnis verwiesen und überlebte im
Gedächtnis all jener, die sich angesichts der
weißen Stellen an die beiden darunterliegenden Texte
erinnern.
Aber dies ist schon ein
anderes Projekt. Zunächst gilt es, jene 1 440 Minuten
zu füllen, und noch ist es nicht zu spät, sich
seine persönliche Minute zu sichern. Wie gesagt, die
Plätze sind gezählt und die Zeit
läuft.
Ausführlicher zu
"23:40" siehe die entsprechenden Abschnitte in
"Die
Ordnung des Erinnerns. Kollektives Gedächtnis und
digitale Präsentation"
in der Rubrik >Theorie<.
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